Es wächst zusammen, was selten zusammen gehört: Fusionen als Ultima Ratio im Banking

Von Ralf Keuper

In Branchen, die ihren Zenit überschritten haben, greifen Unternehmensführer als Ultima Ratio gerne auf die Möglichkeit zurück, ihr Unternehmen mit einem anderen zu fusionieren. Bereits vor zwei Jahren wurde in den Medien das Szenario einer Fusion zwischen der Deutschen Bank und der Commerzbank durchgespielt. Momentan wird erneut über eine mögliche Fusion der Deutschen Bank mit der Commerzbank oder der Deutschen Bank mit der UBS berichtet.

Die Zahl von Fusionen, welche die in sie gesetzten Erwartungen, häufig reduziert auf das Schlagwort “Synergie”, erfüllt haben, ist überschaubar; das betrifft vor allem die Bankenbranche (Vgl. dazu: Banken-Fusionen: Gigantische Summen, gigantische Fehler).

Im Jahr 2000 scheiterte die Deutsche Bank mit ihrem Plan, die Dresdner Bank zu übernehmen (Vgl. dazu: Fusion Deutsche Bank/Dresdner Bank: Statt Quantensprung großer Flop). Die Finanzkrise von 2007/2008 führte indes zu einer deutlichen Zunahme von Übernahmen und Fusionen (Vgl. dazu: Zum Für und Wider von Bankenfusionen).

Für die Philosophin und Biologin Nicole C. Karafyllis ist die Fusion ein neues Paradigma. Bereits im Jahr 2000 warf sie die Frage auf:

Wenn Unternehmen, Zellkerne und Atomkerne fusionieren, verbinden sich immer mindestes zwei Systeme. Fusionieren bedeutet allgemein, Systemgrenzen zu überwinden. Aber es schwingen unterschiedliche Konnotationen mit: Wer ist der größere und wer der kleinere, wer der stärkere und wer der schwächere, wer der aktive und wer der passivere, wer der identitätsstiftende und wer der einverleibte, resorbierte und gedanklich aussterbende Teil?

In den Jahren vor Ausbruch der Finanzkrise hatten einige Banken, wie die Bank of America, Entzugserscheinungen, wenn sie einige Jahre keine Übernahme mehr durchgeführt hatten (Vgl. dazu: Fusionsfieber). Einige Kommentatoren stellten fest, dass die Banken, von niedrigen Zinsen geplagt, in das Geschäft mit Hypotheken und Kreditkarten einsteigen. Weiteres Wachstumspotenzial böte die Bevölkerungsgruppe der Latinos …

Die Motive für Bankenfusionen ähneln sich, wie Prof. Dr. Wolfgang Fritz in Bankenfusionen – wo bleibt der Kunde? feststellt (in: TU BS Marketing Report WS08/09). Neben Kosteneinsparungen, vor allem durch die Zusammenlegung der IT-Abteilungen und -Systeme. Mitunter ist es der Druck der Politik, die große Einheiten bevorzugt, um den Finanzplatz Deutschland zu stärken.

Fusionen, die darauf abzielen, die Aktienkurse zu steigern und durch Größe die eigene Macht- und Marktposition zu stärken, sind in der Öffentlichkeit immer schwerer vermitteln. Nur selten lassen sich dadurch die Sympathiewerte steigern; auch nicht bei den eigenen Mitarbeitern (Vgl. dazu: Finanzkrisen und ihre Auswirkungen auf das Bankensystem und seine Mitarbeiter im Spiegel ihrer Berichterstattung).

Noch einmal Nicole C. Karafyllis:

Wo jedoch vorwiegend Aktienkurse interessieren, tritt die Frage nach dem Sinn und Zweck der Ökonomie in den Hintergrund. Und wenn man biotechnisch artfremde Lebewesen miteinander kreuzen kann, muss man nicht mehr danach fragen, was eigentlich Leben ist, wie es entsteht und sich erhält. Die gedankliche Abkopplung des Wertes von der Materie, die diesen Wert erst formt, erlaubt es, körperlose Wertzuschreibungen in Form von Kursen anzunehmen, deren Wachstum keine Grenzen gesetzt sind.

Dieser Beitrag wurde unter Bankgeschichte, Banking veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.