Eine kleine Stilgeschichte des Banking #3 – IT- Architekturen

Von Ralf Keuper
Die Architektur einer Epoche liefert häufig ein gutes Abbild des Zustands einer Gesellschaft zu jener Zeit. Für den englischen Architekten Christopher Wren strebt die Architektur nach der Ewigkeit. Infolgedessen hatte der Architekt bei seinem Entwurf das Urteil der Nachwelt, so weit ihm das möglich war, zu berücksichtigen. 
In den letzten Jahrzehnten hat sich diese Berufsauffassung deutlich gewandelt. Gebaut wird nicht mehr für die Ewigkeit, sondern für maximal 20 bis 30 Jahre. Für den Soziologen Zygmunt Baumann ist das ein Beleg dafür, dass wir nichts so sehr fürchten, als dass aus einer Episode eine Epoche werden könnte. Die einzige Konstante in flüchtigen Zeiten wie diesen, sei der Wandel. Lieselotte Ungers zitiert einen Architekten, mit dem symptomatischen Satz:

Ich zeichne, kritzle und quatsche und dabei kommen die Entwürfe. (in: Über Architekten. Leben, Werk & Theorie)

Da waren die IT-Architekten in den Banken (und anderswo) – zwangsläufig – ihrer Zeit schon immer voraus. Den Anspruch, für die Ewigkeit und zu entwerfen, wird wohl kein IT-Architekt erheben. Das wäre auch kontraproduktiv. Allerdings verwenden IT- und Enterprise Architekten häufig Begriffe, die aus der modernen Architekturtheorie stammen, wie Bebauungsplan oder Zielbebauung
Angesichts zunehmender Dynamik auf den Märkten, des technologischen Wandels und des veränderten Kundenverhaltens benötigen auch die IT-Architekturen mehr Ordnung, Struktur und Übersicht. Nicht selten ist in den Banken über die Jahrzehnte eine zerklüftete IT-Landschaft entstanden, die nur noch Eingeweihten halbwegs verständlich ist. Applikationen wurden häufig auf Zuruf, bei akutem Bedarf entwickelt. Einheitliche Standards waren selten. Anpassungen an aktuelle Anforderungen, seien sie marktgetrieben oder regulatorischen Ursprungs, können daher nur mit hohem Aufwand umgesetzt werden. Die Agilität geht verloren, wie Peter Weill und Stephanie L. Woerner in Optimizing Your Digital Business Model an einer Stelle schreiben. Seit einiger Zeit schon wird die Forderung erhoben, die IT-Architekturen der Banken müssten kundenziertiert(er) ausgelegt, die Fixierung auf Sparten und Produkte überwunden werden. Gleichzeitig sollen die IT-Architekturen offener werden, Stichwort: Open Api. Hierfür bietet sich, mit Blick auf die Architekturtheorie,  als Analogie das Offene Kunstwerk von Umberto Eco an. 

In der modernen Stadtplanung gehen die Meinungen 
darüber, was die Möglichkeiten langfristiger, dauerhafter Entwürfe angeht, auseinander. Für den Architekturtheoretiker Vittorio Magnago Lampugnani hat gute Architektur nach wie vor die Aufgabe, nach Dauer zu streben und sich den Moden des Augenblicks so wenig wie möglich anzupassen. Für ihn eine Frage des Stils:
Doch ein Stil dieser Art hat nichts mit dem flüchtigen Geschmack des Augenblicks zu tun. Nichts an ihm ist willkürlich, der Grille des Autors oder der Mode verpflichtet. Er ist, wie alle großen Stile der Vergangenheit, ästhetischer Ausdruck des Handwerks des Entwurfs als einer kollektiven Arbeit, die sich in der Zeit entwickelt hat, um das Wesen eines bestimmten historischen Augenblicks herauszufiltern. …

Ein so beschaffener Stil stellt sich nicht die Frage, die von außen an das Handwerk herangetragen wird: Sie wohnt ihm inne. Man wählt ihn nicht: Er wird gegeben. Er ist der Rahmen, innerhalb dessen sich jedes neue Werk mit jenen misst, die ihm historisch in einer kulturellen Familie vorausgehen. Er ist, kurz gesagt, der definitive Ausdruck und die innerste Essenz des Entwurfs. (in: Die Modernität des Dauerhaften. Essays zu Stadt, Architektur und Design)

Dieser eher idealistischen Auffassung steht die nüchterne Sichtweise des Wirtschaftsnobelpreisträgers Herbert A. Simon gegenüber. Für ihn ist der Entwurfsprozess der stilbestimmende Faktor 

Wenn wir uns an den Entwurf so komplexer System wie Städte, Gebäude oder Volkswirtschaften machen, müssen wir davon Abstand nehmen, Systeme schaffen zu wollen, die ein hypothetische Nutzenfunktion optimieren; wir müssen uns fragen, ob Stilunterschiede der erwähnten Art nicht eher als erwünschte Varianten des Entwurfsvorgangs zu betrachten sind denn als Alternativen, die mit “besser” oder “schlechter” bewertet werden. Vielfalt innerhalb der Grenzen des Zufriedenstellenden kann ein Ziel für sich sein, unter anderem weil sie erlaubt, der Suche selbst ebenso wie ihrem Ergebnis einen Wert beizumessen – den Entwurfsvorgang selbst als eine Tätigkeit betrachten, die für alle Beteiligten einen Wert besitzt. (in: Die Wissenschaft des Künstlichen)

Anders als Lampugnani, strebt Simon nicht den perfekten, nicht einmal den optimalen Entwurf an, sondern den, der gut genug ist, der den aktuellen Anforderungen weitestgehend entspricht, ohne  dabei eine bestimmte Richtung festzulegen, die man nachher nur noch mit großen Aufwand ändern kann. 
Für das tägliche Geschäft einer Bank, eines IT-Architekten, sind die Aussagen von Simon gewiss am brauchbarsten. Allerdings ist der Anspruch von Lamgugnani nach mehr Kontinuität im Wandel nicht per se als wirklichkeitsfremd abzulehnen. Ohne ein Mindestmaß an handwerklichem Können, an Zweckhaftigkeit, Symmetrie, Anmut und Ordnung, den klassischen Prinzipien der Architektur, kann auch die IT-Architektur nicht auskommen. Gute Architektur ist letztlich auch die ökonomischere. 

Kann man in dem Zusammenhang von einem oder mehreren IT-Architekturstilen sprechen? Lässt sich aus den Schaubildern der IT-Architekturen der Banken, die Entwicklung der Bank und Branche, das Geschäftsmodell und die Strategie der Bank ablesen? Kann man darin erkennen, wie erfolgreich eine Bank agiert bzw. reagiert hat? Welche Folgerungen für die Gegenwart und Zukunft lassen sich daraus ableiten?

Weitere Informationen:

New Banking: Alles nur eine Frage der Enterprise Architecture?

Was ist ein “Bankstil”? (Grundlegung eines neuen Begriffs) #1

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