Die Wartezimmer-Stimmung der Banken im Jahr 1999 und ihre Folgen

Von Ralf Keuper

Im Jahr 1999 war die Bankenwelt noch weitgehend in Ordnung. Die größte Sorge bereitete der Branche die Umstellung der IT-Systeme auf das Jahr 2000. Die Umstellung hat, wie wir heute wissen, nicht zu dem befürchteten Zusammenbruch der IT-Systeme geführt. Das Geschäft ging mehr oder weniger reibungslos weiter. Allerdings haben sich seitdem abertausende von IT-Beratern in den Banken festgesetzt. Das Outsourcing hatte seine Blüte noch vor sich. Zu dem Zeitpunkt beschäftigte sich die EZB in dem Paper The effects of technology on the EU banking system mit den möglichen Auswirkungen des wachsenden Einflusses der Informationstechnologie auf das Bankgeschäft. In den Kapiteln Remote retail Banking: its nature and acceptance, Technology and Banks’ Strategies, Effects of Technology on risks in Banking und Supervisory Issues, zeichneten die Autoren ein, aus heutiger Sicht, relativ genaues Bild der damaligen Lage und der Entwicklungen, die da noch kommen sollten. Freilich war dort noch nicht von Amazon, Google, Alibaba, Facebook oder Apple die Rede, zumal die meisten der aufgeführten Unternehmen entweder noch nicht gegründet bzw. erst kurz zuvor geschlüpft waren.

Die Autoren gingen davon aus, dass das sog. remote Banking (Online Banking) trotz verhaltener Akzeptanz um die Jahrtausendwende an Bedeutung zunehmen und damit die Filial- und Personalstruktur der Banken in hohem Maß berühren würde. Eine Gefahr für die Banken erkannte man in dem Aufkommen der Internet-Banken. Ein Dilemma begann sich abzuzeichnen, das sich über die nächsten 20 Jahre zum strukturellen Problem der gesamten Branche auswuchs:

Internet banking, as the most recent and innovative remote channel, is regarded as a potential future competitor for online PC banking in some Member States. Online PC banking offers the advantage for banks of being a closed proprietary system without access for competitors, in contrast to internet banking, where competitors might be just “a mouse-click away” and less customer loyalty might be the result.

Bei der Bewertung des e-Money war man dagegen etwas zurückhaltender. Zu groß erschien der Aufwand auf Händler- und Bankenseite, auch war die Nachfrage auf Kundenseite noch nicht so groß, dass man hier mit hohen Investitionen reagieren wollte. Dennoch empfahl man den Banken, die Rolle der Technology Leader, u.a. durch Kooperationen mit Telekommunikations- und IT-Unternehmen, anzustreben. Bereits damals hatte man bei der EZB die Verschmelzung von E-Commerce und Payments auf dem Schirm.

The emergence of e-commerce together with internet banking and e-money is an example of ohne technological innovation reinforcing other innovations.

Der Druck durch Non-Banks, werde, so die Autoren, deutlich zunehmen, wobei man jedoch eher von Kooperation statt Konfrontation ausging. Grund für die relative Gelassenheit, wie sie einem hin und wieder auch heute in Banken begegnet, wenngleich mit stark nachlassender Tendenz, war die Tatsache, dass die potenziellen Mitbewerber einen ähnlichen Kostenblock mit sich rum schleppen müssten, der ihnen schnell die Freude am Geschäft nehmen würde.

However, new players, entering the market have to face the same IT development costs as their already established competitors, and may have fewer resources.

Das hat sich, vor allem der Punkt der Ressourcen, nicht bestätigt.

Die Bankenaufsicht müsse ihr regulatorisches Rahmenwerk an die neuen technologischen Herausforderungen und die Non-Banks anpassen. Ebenso kritisch sahen die Autoren den Trend zum Outsourcing in den Banken, der zu hohen operationellen und systemsichen Risiken führen könne.

Bewertung:

Alles in allem waren die Autoren vor zwanzig Jahren mit ihren Diagnosen und Prognosen schon relativ treffsicher. Dass Google, facebook, Paypal, Amazon und Apple viele der in dem Paper aufgeführten Restriktionen für potenzielle Mitbewerber der Banken über den Haufen werfen bzw. umgehen würden, war so zu dem Zeitpunkt nicht abzusehen. Wohl aber, dass die Bereiche E-Commerce, Payments und E-Money näher zusammenrücken würden. Damals scheuten die Banken die hohen Investitionen, die für den Aufbau moderner Infrastrukturen nötig gewesen wären.

a relatively large volume (critical mass) has to be built up before overall costs fall in the business areas that exhibit economies of scale. This includes businesses, where there are substantial initial investment (and maintenance) costs but low unit costs for executing individual transactions, such as in the processing of mass payment services through computer networks.

Diese Denkhaltung hat in den Jahren danach mit dazu geführt, dass die Banken zu spät mit eigenen Lösungen für Mobile/Online Payments und Digitale Identitäten an den Markt gegangen sind. Derweil sind facebook mit Libra und Calibra sowie die anderen Internetkonzerne dabei, eine neue Infrastrutkur zu errichten, die ohne Banken auskommt.

Ein Kommentar in der FR vom 20.07.99 zu dem Papier warnte die Banken vor zu großer Selbstfälligkeit:

Die Institute sitzen in Lauerstellung und beobachten nicht ohne eine gewisse Nervosität, wann denn endlich die vielbesungene “kritische Masse” derjenigen erreicht sein wird, die ihren Heimcomputer zur individuellen Bankfiliale umfunktionieren.

Bereits diese Wartezimmer-Stimmung birgt hohe Risiken in sich, warnen die Währungshüter. So laufen beispielsweise Institute, die die Akzeptanz der neuen Vertriebskanäle überschätzen, Gefahr, sich mit einem kostenträchtigen Frühstart selbst aus dem Rennen zu schießen. Die Systeme, die heute entwickelt werden, dürften nämlich schon morgen technisch veraltet sein. Gleichzeitig schreiben die Notenbanker den Führungskräften der Geldhäuser aber auch ins Stammbuch, dass sie den Anschluss an die Technologie-Elite nicht verpassen dürfen. Die neuen Fernzugangstechniken nämlich könnten sich bereits bald von einem Nebenschauplatz für Computerfreaks zu einer “weitverbreiteten” Hauptdienstleistung entwickeln.

Dass die Banken in der Vergangenheit zu forsch vorgegangen und mit Frühstarts Kapital und Reputation vernichtet hätten, kann man ihnen rückblickend nun wirklich nicht vorwerfen.

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