Dr. Andre­as Windisch

Die stra­te­gi­sche Bedeu­tung der Digi­ta­len Iden­ti­tä­ten ist in den letz­ten Mona­ten in den Fokus gerückt. Bei­spiel­haft dafür ist der Start der Daten- bzw. Log­in-Alli­an­zen Ver­i­mi und netID, von YES sowie von Anbie­tern block­chain-basier­ter Lösun­gen wie Block­chain Helix und Idento.one. Der der­zei­ti­ge Zustand, das Feh­len eines sog. Iden­ti­ty Lay­ers, eines “Meta-Log­ins” für das Inter­net, spielt nach Ansicht vie­ler Markt­be­ob­ach­ter den gro­ßen Inter­net­kon­zer­nen (Goog­le Ama­zon, face­book, Apple – GAFA) in die Hän­de. Ein­mal ein­ge­loggt gibt es dar­aus kaum noch ein Ent­kom­men (Lock-in-Effekt) – der Gewöh­nungs­ef­fekt und die Bequem­lich­keit tun ihr übri­ges. Könn­ten die e‑I­den­ti­ty-Sys­te­me, u.a. auf Basis der eID des neu­en Per­so­nal­aus­wei­ses, eine Alter­na­ti­ve sein? Ist die Block­chain für die Ver­wal­tung digi­ta­ler Iden­ti­tä­ten eine geeig­ne­te Tech­no­lo­gie? Kön­nen die Nut­zer die Hoheit, die Sou­ve­rä­ni­tät über ihre Daten zurück­ge­win­nen? Erhöht der aktu­el­le face­book-Skan­dal die Sen­si­bi­li­tät der Nut­zer für den Wert und die Schutz­be­dürf­tig­keit ihrer Daten? Was müss­te sich dafür auf tech­no­lo­gi­schem und orga­ni­sa­to­ri­schem Gebiet ändern, wel­che Vor­aus­set­zun­gen müs­sen noch geschaf­fen wer­den? Wel­che Rol­le hät­te paydi­rekt spie­len kön­nen? Was für Optio­nen blei­ben den Ban­ken noch? Auf die­se und wei­te­re Fra­gen gibt Dr. Andre­as Win­disch (Foto), Mana­ging Direc­tor bei der asqua­red GmbH und über­dies pro­fun­der Ken­ner des Mark­tes für Digi­ta­le Iden­ti­tä­ten, im Gespräch mit Bank­stil Antwort. 

  • Herr Dr. Win­disch, was macht das The­ma Digi­ta­le Identitäten für Sie so interessant?

Ich befas­se mich seit vie­len Jah­ren mit inno­va­ti­ven digi­ta­len Geschäftsmodellen. Die ste­ti­ge Anpas­sung der Umfeld­pa­ra­me­ter des Mark­tes in den Berei­chen Kun­den­er­war­tun­gen, Regu­la­to­rik und Tech­no­lo­gie sind seit jeher Enab­ler für inno­va­ti­ve Geschäftsmodelle. Für nahe­zu all die­se Geschäftsmodelle bil­den digi­ta­le Identitäten die Grund­la­ge: So sind für die Abwick­lung des Grundgeschäfts häufig gewis­se per­so­nen­be­zo­ge­ne Daten erfor­der­lich und/​oder es muss sicher­ge­stellt wer­den, dass die Geschäftspartner tatsächlich die sind, die sie vor­ge­ben zu sein. Digi­ta­le Identitäten sind somit ele­men­ta­rer Bestand­teil inno­va­ti­ver digi­ta­ler Lösungen, für die Stand heu­te jedoch in Deutsch­land kei­ne übergreifende Lösung exis­tiert. Vie­le Initia­ti­ven und Unter­neh­mun­gen ver­spre­chen aktu­ell, eine sol­che Lösung unter Wah­rung des Daten­schut­zes und der Privatsphäre sei­ner Benut­ze­rIn­nen bereit­zu­stel­len und dadurch auch eine Ant­wort auf die vie­len Daten­schutz­skan­da­le zu liefern.

Die Schaf­fung einer adäquaten Lösung für digi­ta­le Identitäten Kompatibilität auf glo­ba­ler bzw. zunächst europäischer Ebe­ne sind gesell­schaft­lich höchst rele­vant und für mich als Infor­ma­ti­ker und Inge­nieur allein des­halb ganz beson­ders interessant.

Kim Came­ron mach­te bereits im Jahr 2005 dar­auf auf­merk­sam, dass ein übergreifender Iden­ti­ty Lay­er im Inter­net nicht exis­tiert und beschreibt, wie die­ser Lay­er aus­se­hen soll­te. Damals waren die Her­aus­for­de­run­gen auf Grund des Feh­lens eines sol­chen Lay­ers bereits deut­lich spürbar: Es hat sich ein Fli­cken­tep­pich aus Ausweichlösungen eta­bliert, wel­che Abhil­fe schaf­fen soll­ten. In den letz­ten Jah­ren hat sich die Anzahl digi­ta­ler Geschäftsmodelle und digi­ta­ler Ökosysteme sowie die Durch­drin­gung des Inter­nets im All­tag jedoch signi­fi­kant gestei­gert, wes­halb eine Lösung erst recht erfor­der­lich wur­de. Ein ein­heit­li­cher Iden­ti­ty Lay­er exis­tiert jedoch nach wie vor nicht, die ein­her­ge­hen­den Pro­ble­me sind wei­ter­hin präsent.

Es exis­tie­ren vie­le inter­es­san­te Ansätze für tech­ni­sche Stan­dards, wie bei­spiels­wei­se ope­nID oder die Lösungen der fido Alli­an­ce, die in spe­zi­el­len Sek­to­ren, für ein­zel­ne Nut­zer­grup­pen oder bestimm­te Anwendungsfälle zum Ein­satz kom­men. Kei­ner der Ansätze hat es jedoch bis­lang geschafft, tatsächlich übergreifend Akzep­tanz zu erfah­ren und sich als (de-fac­to) Stan­dard zu etablieren.

  • Ist der feh­len­de Iden­ti­ty Lay­er des Inter­nets nicht auch der Grund dafür, dass die sog. Daten­kra­ken wie face­book und Goog­le ihr eige­nes Rechts­re­gime beim Umgang mit den per­so­nen­be­zo­ge­nen Daten der Nut­zer durch­set­zen konnten?

Der Begriff Daten­kra­ke wird häufig ver­wen­det, ist aber sehr nega­tiv kon­no­tiert. Face­book und Goog­le sind zwei Bei­spie­le für Unter­neh­men, die Pio­nie­re sind (bzw. waren) in der Erschaf­fung und Eta­blie­rung von daten­ba­sier­ten Geschäftsmodellen. Die bekann­ten Daten­skan­da­le ver­deut­li­chen, wel­che Gefah­ren in der­ar­ti­gen Geschäftsmodellen lie­gen, wenn die The­men Daten­schutz, Privatsphäre und/​oder Secu­ri­ty nicht genügend ernst genom­men werden.

Ich den­ke, ein bestehen­der Iden­ti­ty Lay­er hätte die­se Pro­ble­me nicht vollständig ver­hin­dern können; immer­hin liegt ein Groß­teil der Pro­ble­me auch in der unüberlegten Daten­frei­ga­be durch die Benut­zer. Face­book bei­spiels­wei­se verfügt grundsätzlich über einen ordent­li­chen Daten­frei­ga­be­me­cha­nis­mus und geeig­ne­te Privatsphäreneinstellungsoptionen – aber wie schnell wer­den die nötigen Frei­ga­ben bereit­wil­lig für sinn­lo­se Spie­le, Umfra­gen und Quiz von Dritt­an­bie­tern erteilt? Die Benut­zer und deren Sensibilität für das The­ma Daten­schutz war und ist ein ganz ent­schei­den­der Fak­tor für die Erfol­ge die­ser Player.

Die Exis­tenz eines Iden­ti­ty Lay­ers hätte die mitt­ler­wei­le erreich­te Übermacht der GAFAs viel­leicht eindämmen können. Die Benut­zer wären viel­leicht schon früher für die Rele­vanz des Daten­schut­zes sen­si­bi­li­siert wor­den, Daten­frei­ga­ben mit der „ech­ten“ Identität würden viel­leicht etwas überlegter erteilt und die Reich­wei­te der Diens­te durch Like- und Log­in- But­tons hätte signi­fi­kant eingeschränkt wer­den können.

Dies nach­zu­ho­len, ist nun das erklärte Ziel lau­fen­der Initia­ti­ven – ob sie Erfolg haben wer­den, wird sich zeigen.

  • Wel­che Vor­aus­set­zun­gen soll­ten Ihrer Ansicht nach e‑I­den­ti­ty-Sys­te­me erfüllen, wenn sie dau­er­haf­ten Erfolg haben wollen?

Aus mei­ner Sicht muss hier an zwei Stel­len ange­setzt wer­den. Zunächst müssen bei der Kon­zep­ti­on und Ent­wick­lung des e‑I­den­ti­ty-Sys­tems bzw. ‑Sche­mes selbst ein paar wich­ti­ge Din­ge berücksichtigt wer­den. Dabei geht es im Wesent­li­chen um die bereits erwähnten Laws of Iden­ti­ty von Came­ron, wobei ich noch stärker auf das Per­so­na-Kon­zept sowie die tech­ni­schen Vor­aus­set­zun­gen drängen würde, die eine Omnipräsenz des Diens­tes ermöglichen. In mei­nem Bei­trag “Erfolgs­fak­to­ren für e‑I­den­ti­ty-Sys­te­me” habe ich die Erfolgs­fak­to­ren zusam­men­ge­fasst. Das ist mei­nes Erach­tens aber alles kein Hexen­werk und heut­zu­ta­ge leicht zu bewerkstelligen.

Viel wich­ti­ger und tatsächlich rele­vant für die Eta­blie­rung eines e‑I­den­ti­ty-Sys­tem­s/­Sche­mes ist es, bestehen­de Digitalisierungslücken im All­tag der Men­schen durch For­mu­lie­rung inno­va­ti­ver Anwendungsfälle – die erst durch das Vor­han­den­sein eines übergreifenden e- Iden­ti­ty-Sys­tems möglich sind – zu schlie­ßen, um somit einen für den Benut­zer deut­lich wahr­nehm­ba­ren Mehr­wert zu schaf­fen. Der Erfolg die­ser Sys­te­me kommt mit der wie­der­keh­ren­den Nut­zung, d.h. die Inte­gra­ti­on in häufig-frequentierte Anwendungsfälle als auch die Schaf­fung neu­er Anwendungsfälle als Allein­stel­lungs­merk­mal soll­ten im Vor­der­grund stehen.

  • Mit dem neu­en Per­so­nal­aus­weis (nPA) steht seit Jah­ren eine Lösung zur Verfügung, mit der die Nut­zer ihre Identitäten im Netz veri­fi­zie­ren können. War­um kommt der nPA trotz­dem nicht so recht vom Fleck?

Das stimmt und ich würde mich freu­en, wenn ich ihn auch mal irgend­wo sinn­voll nut­zen könnte. Der nPA ist dem Hen­ne-Ei-Pro­blem erle­gen, und in der aktu­el­len Kon­stel­la­ti­on haben weder Hen­ne noch Ei Lust dar­auf, mit­zu­spie­len. Wel­chen Anreiz haben Ser­vice Pro­vi­der, ein teu­res Ver­fah­ren ein­zu­bin­den, für das sie sich zunächst aufwändig zer­ti­fi­zie­ren müssen, wenn es am Ende kaum jemand nutzt? Die eID-Funk­ti­on des Per­so­nal­aus­wei­ses ist bei den Wenigs­ten akti­viert wor­den und wo sie akti­viert wur­de, ist die zur Nut­zung erfor­der­li­che PIN nicht mehr griff­be­reit und taucht erst Jah­re später wie­der auf, wenn man den PIN-Brief zufällig in weg­sor­tier­ten Schrei­ben wie­der­fin­det – die Aus­stel­lung einer neu­en PIN ist selbstverständlich kos­ten­pflich­tig. Aber selbst wenn der Aus­weis akti­viert und die PIN parat liegt, man­gelt es häufig am not­wen­di­gen Kar­ten­le­ser, der teu­er und nicht son­der­lich nut­zer­freund­lich ist – Abhil­fe schafft mitt­ler­wei­le die AusweisApp2. Den­noch stel­len all die­se Hürden die Benut­zer vor eine ähnliche Fra­ge, wie bereits die Ser­vice Pro­vi­der: War­um soll­te ich mir das für die weni­gen Anwen­dungs­be­rei­che antun, wenn es doch auch anders (ein­fa­cher) geht? Erschwe­rend kom­men Vor­ur­tei­le und Ver­trau­ens­de­fi­zi­te gegenüber Staat und Poli­tik hinzu.

Viel­leicht hel­fen die sich ent­wi­ckeln­den e‑I­den­ti­ty-Sys­te­me dem nPA aber sogar auf die Sprünge, indem er ana­log zur AusweisApp2 möglichst benut­zer­freund­lich inte­griert wird, für eben jene Anwendungsfälle, die tatsächlich eine Iden­ti­fi­ka­ti­on des Benut­zers erfordern.

  • In letz­ter Zeit sind gleich meh­re­re Daten-Alli­an­zen an den Start gegan­gen bzw. haben ihren Start angekündigt. Ist das rich­ti­ge, ist das ein erfolgs­ver­spre­chen­der Weg?

Naja… posi­tiv her­vor­zu­he­ben ist, dass das Pro­blem schein­bar an vie­len Stel­len ver­stan­den wor­den ist und adres­siert wird, was schon mal einen ganz guten Start­punkt dar­stellt. Die aktu­el­len Identitäts- und Daten-Alli­an­zen sind zudem mit teils unter­schied­li­chem Fokus unter­wegs: Die netID mit vor­nehm­lich Publis­her-Part­nern wird ver­mut­lich auf Lösungen für Opt-Ins im Rah­men der kom­men­den ePri­va­cy-Richt­li­nie fokus­sie­ren, VERIMI ist ein branchenübergreifender Log­in-Dienst, YES star­tet aus dem Finanz­dienst­leis­tungs­sek­tor und posi­tio­niert sich als ID-Sche­me und wei­te­re spe­zia­li­sier­te­re Initia­ti­ven wie z.B. Helix Alpha und idento.one legen den Fokus auf das The­ma Daten. Fast alle Initia­ti­ven eint jedoch die Hoff­nung, der de-fac­to Stan­dard für den Kun­den zu wer­den, also zukünftig als eine Art Generalschlüssel für alle digi­ta­len Diens­te zu die­nen. Und an die­ser Stel­le begin­nen mei­ne Zwei­fel: Um den Generalschlüssel her­um ist eine spürbare Kon­kur­renz erwach­sen, die eigent­lich unnötig ist. Die Benut­zer wer­den sich ihre Generalschlüssel ohne­hin selbst aus­su­chen: Ob sie nun einen Mercedes.me-Schlüssel, einen Sparkassen-Schlüssel, einen übergreifenden VERIMI- oder YES-Schlüssel oder einen web.de-Schlüssel nut­zen möchten, bleibt ihnen überlassen. Wesent­lich ist doch, dass alle Sys­te­me inter­ope­ra­bel sind und sich die Initia­to­ren nicht gegen­sei­tig Stei­ne in den Weg legen. An die­ser Stel­le erhof­fe ich mir die Koope­ra­ti­ons­be­reit­schaft und ‑wil­lig­keit aller Markt­teil­neh­mer, denn ansons­ten scha­det dies wie­der nur der Ver­brei­tung aller Lösungen und „die ande­ren“ gehen wei­ter­hin als Sie­ger vom Platz.

  • Eben­so präsent wie die Daten-Alli­an­zen in der Bericht­erstat­tung sind die diver­sen Star­tups und Initia­ti­ven, die die Nut­zer in die Lage ver­set­zen wol­len, ihre Identitäten dezen­tral per Block­chain zu ver­wal­ten. Könnte das eine Alter­na­ti­ve zu den eher zen­tra­li­sier­ten Daten­al­li­an­zen sein?

Ob eine Lösung Block­chain-basiert ist oder nicht, hal­te ich persönlich für weni­ger erfolgs­ent­schei­dend. Die dis­tri­bu­t­ed led­ger Tech­no­lo­gie hat bekann­ter­ma­ßen Vor- und Nach­tei­le und es stellt sich eigent­lich immer die Fra­ge, ob man dem Betrei­ber der Identitätslösung Ver­trau­en schenkt oder ob man vor allem aus Vertrauensgründen ver­sucht, das Sys­tem auf meh­re­re Par­tei­en zu dezen­tra­li­sie­ren. Bei­de Vari­an­ten können heut­zu­ta­ge ver­gleich­bar sicher imple­men­tiert wer­den. Wenn ich mir den Erfolg und die Ver­brei­tung der GAFAs anse­he, bin ich sehr skep­tisch, ob das Sicherheitsbedürfnis der Benut­zer und die Ver­trau­ens­fra­ge an die­ser Stel­le erfolgs­ent­schei­dend für das Identitätssystem sein wer­den. Regu­la­to­risch wird es nun stren­ge­re Anfor­de­run­gen geben und die­se wer­den auch durch die GAFAs umge­setzt wer­den. Des­halb wird der Mehr­wert für den Benut­zer ent­schei­den, weni­ger die tech­ni­sche Umsetzung.

  • Vie­le Bran­chen­be­ob­ach­ter hal­ten die Ban­ken für prädestiniert bei der siche­ren Ver­wal­tung der digi­ta­len Identitäten. Tei­len Sie die Ansicht?

Ja und nein. Auf der einen Sei­te sind vie­le der kol­por­tier­ten Begründungen für die Prädestination für Ban­ken zuge­ge­be­ner­ma­ßen etwas beschönigt. So ist die Qualität der sei­tens der Finanz­in­sti­tu­te vor­ge­hal­te­nen Identitätsdaten nicht immer so rosig, wie ange­nom­men. Namensänderungen bei Hei­rat und Adressänderungen wegen Umzugs oder gar Kontaktmöglichkeiten wer­den häufig stark verzögert oder gar nicht gemel­det und korrigiert.

Finanz­in­sti­tu­te können auf der ande­ren Sei­te seit Jah­ren glaub­haft unter Beweis stel­len, dass sie eine ver­gleichs­wei­se siche­re tech­ni­sche Infra­struk­tur bereit­stel­len können. Sie besit­zen umfragegemäß nach wie vor einen Ver­trau­ens­vor­sprung in der Gesell­schaft. Darüber hin­aus lie­gen digi­ta­le Identitäten und die Abwick­lung der zugehörigen Zah­lung typi­scher­wei­se sehr eng bei­ein­an­der, so dass die Nähe zum Finanz­dienst­leis­ter auch Vor­tei­le verspricht.

  • Könnten nicht auch die Kom­mu­nen die Rol­le der Treuhänder für digi­ta­le Identitäten übernehmen?

Selbstverständlich. Wie auch beim Per­so­nal­aus­weis soll­te das Ver­trau­ens­the­ma dadurch kein Pro­blem dar­stel­len. Der­ar­ti­ge Pilo­ten sind bei­spiels­wei­se bereits in der Schweiz in Schaff­hau­sen und Zug auf Block­chain-Basis gestar­tet wor­den. Her­aus­for­dernd wer­den jedoch die dafür not­wen­di­ge kurz­fris­ti­ge Digitalisierungsfähigkeit sowie die Abstim­mung der Kom­mu­nen hin­sicht­lich gemein­sa­mer Spiel­re­geln. Und, sobald es sich in der Wahr­neh­mung um kom­mu­na­le oder staat­li­che Lösungen han­delt, wird es umso rele­van­ter sein, dass auch ent­spre­chen­de e‑Go­vernment-Ser­vices darüber nutz­bar sind, da ande­ren­falls ein ähnliches Störgefühl auf­tre­ten wird, wie beim deut­schen Per­so­nal­aus­weis. Und so schnell mah­len die Mühlen in Deutsch­land lei­der noch nicht – was sehr scha­de ist, denn tech­nisch wäre das alles sehr schnell machbar.

  • Im Ver­gleich zu ande­ren Ländern, wie Kana­da, der Schweiz oder Nor­we­gen, ist hier­zu­lan­de noch kein ein­heit­li­cher Wil­le bzw. die Ten­denz nach einem Stan­dard zu erken­nen. Wor­an könnte das liegen?

Das ist in der Tat eine unglückliche Situa­ti­on und lei­der schon viel zu oft beob­acht­bar gewe­sen. Das Verständnis und der Wil­le für einen ein­heit­li­chen Stan­dard sind schon vor­han­den, lei­der ste­hen häufig Ein­zel­in­ter­es­sen im Vor­der­grund. In Kana­da inves­tier­ten die größten Ban­ken in eine gemein­sa­me Lösung, in der Schweiz gibt es ein gemein­sa­mes Indus­trie­kon­sor­ti­um, in Nor­we­gen genau ein Ver­fah­ren hin­ter dem sich die nor­we­gi­schen Ban­ken ver­sam­meln. In Deutsch­land läuft es (mal wie­der) anders. Das deut­sche Bank­we­sen ist mit sei­ner Drei-Säulen-Struktur zuge­ge­be­ner­ma­ßen auch deut­lich kom­ple­xer als jenes der benann­ten Länder und eine Har­mo­ni­sie­rung der Ein­zel­in­ter­es­sen maxi­mal her­aus­for­dernd. Das Bezahl­ver­fah­ren paydi­rekt zeigt, dass dies zwar grundsätzlich möglich ist, aber nur dann funk­tio­nie­ren kann, wenn an die­ser Har­mo­nie fest­ge­hal­ten wird. Auch das The­ma digi­ta­le Identitäten hätte sich groß­ar­tig über die paydi­rekt-Platt­form als gemein­sa­mer Ansatz der Deut­schen Kre­dit­wirt­schaft lösen las­sen – wäre man sich einig gewesen.

Lei­der ist immer wie­der beob­acht­bar, dass selbst mit klei­ne­ren Funktionalitäten und Ser­vices in den Wett­be­werb gegan­gen wird, wo es viel sinn­vol­ler wäre, dar­auf zu ver­zich­ten, und die­se Funktionalität als Teil eines größeren Gan­zen gemein­sam zu ent­wi­ckeln. Vie­le vor allem tech­ni­sche The­men sind mit­nich­ten wett­be­werbs­dif­fe­ren­zie­rend und soll­ten daher gemein­sam ent­wi­ckelt wer­den, um sich statt­des­sen auf die rele­van­ten The­men mit Kun­den- Impact zu fokus­sie­ren. Das gilt im Ban­king und beim Zah­lungs­ver­kehr genau­so wie bei­spiels­wei­se im Han­del oder beim The­ma Mobilität.

Soll­te nie­mand mehr ein­len­ken, wird sich das The­ma lei­der nur noch durch den (inter­na­tio­na­len) Wett­be­werb lösen lassen.

  • Was mei­nen Sie: Wann könnte der “Tip­ping Point” für die flächendeckende Nut­zung digi­ta­ler Identitäten erreicht sein – wel­che Vor­aus­set­zun­gen feh­len der­zeit noch?

E‑I­den­ti­ty-Sys­te­me wird es kurz­fris­tig genügend geben. Es fehlt jedoch ein wei­tes Netz­werk aus Akzep­tanz­stel­len sowie die Koope­ra­ti­ons­be­reit­schaft der Wirt­schaft bei übergreifenden Ser­vices und Ansätzen im Sin­ne der Kun­den. Weni­ger sinn­lo­ser Wett­be­werb und Gol­den Cage für die Kun­den, mehr Fokus auf Anfor­de­run­gen der Kun­den und Viel­falt in den Geschäftsmodellen.

Wirk­lich rele­vant wer­den digi­ta­le Identitäten nämlich erst, wenn sie in den All­tag der Men­schen inte­griert sind und/​oder eine Viel­zahl von Anwendungsfällen nur noch damit möglich sind bzw. damit deut­lich ein­fa­cher möglich sind. So ist das Schlie­ßen vor­han­de­ner Digitalisierungslücken und das Adres­sie­ren von Konsolidierungsmöglichkeiten der ers­te Schritt auf dem Weg zu einer flächendeckenden Nut­zung digi­ta­ler Identitäten – mit Fokus auf ins­be­son­de­re jene Berei­che, die eine veri­fi­zier­te Identität benötigen, denn damit könnte noch ein Vor­sprung gegenüber der inter­na­tio­na­len Kon­kur­renz auf­ge­baut wer­den. Das The­ma e- Government ist zwar unter­wegs, wird aber sicher­lich noch ein paar Jah­re auf sich war­ten las­sen. Beim The­ma Mobilität exis­tie­ren ers­te tech­ni­sche Kon­so­li­die­rungs­be­stre­ben – dies anbieterübergreifend aus­zu­wei­ten und als Role Model auch für ande­re Indus­trien zu ver­ste­hen, wird die Her­aus­for­de­rung sein.

Ich rech­ne aus die­sen Gründen mit 3–5 Jah­ren für einen „Tip­ping Point“, bin aber zuver­sicht­lich, dass es bereits sehr kurz­fris­tig ers­te weg­wei­sen­de Pilo­ten geben wird.

  • Herr Dr. Win­disch, vie­len Dank für das Gespräch!
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