Bankenaufsicht: Blickverschiebung von den Banken hin zu digitalen Plattformen und zur Blockchain

Von Ralf Keuper

Bedingt dadurch, dass sich die Branchenstruktur im Banking als Folge der fortschreitenden Digitalisierung in den nächsten Jahren deutlich wandelt, wird sich die Bankenaufsicht neu aufstellen müssen (Vgl. dazu: Makroprudenzielle Bankaufsicht 2.0 & Szenarien für die Bankenaufsicht der Zukunft: Zwischen Systemrelevanz und skalenfreien Netzwerken).

Wenn sich weite Teile des Zahlungsverkehrs, der Kreditvergabe und Finanzierung auf Plattformen oder andere Kommunikationskanäle (Blockchain, IoT, P2P) verlagern, dann fallen die für die Bankenaufsicht relevanten Daten genau hier und nur noch im geringeren Umfang bei den Banken an. Banken haben in den letzten Jahren ihre einstmals unangefochtene Rolle als Clearingstelle und Beobachtungsinstanz für die Informationsflüsse in der Wirtschaft verloren (Vgl. dazu: Banken als Clearingstelle der Wirtschaft: Es war einmal …).

Insofern ist es nur konsequent, wenn sich der Chef der Bafin, Felix Hufeld, wie in seiner kürzlich gehaltenen Rede Digitalisierung – Chancen und Risiken in der Kredit- und Versicherungswirtschaft in Bochum, Gedanken zur Zukunft der Bankenaufsicht macht. Darin stellte er fünf Thesen für die Zukunft der Finanzwelt auf:

  • These 1: Die Digitalisierung wird den Zwang, fokussiertere Geschäftsmodelle zu entwickeln, maßgeblich beschleunigen.
  • These 2: Die Digitalisierung forciert nochmals den Kampf um die Kundenschnittstelle.
  • These 3: Künstliche Intelligenz kann menschliche Verantwortung nicht ersetzen.
  • These 4: Die Digitalisierung erfordert von Regulierern und Aufsehern mehr denn je multilaterale Vorgehensweisen. Und abschließend:
  • These 5: Wir wissen heute noch nicht genau, wen wir eigentlich künftig beaufsichtigen werden. Menschen, Maschinen oder Infrastrukturen?

Die von ihm als Bigtech bezeichneten digitalen Plattformen, wie Google, Amazon, Alibaba, Apple, Tencent, SoftBank, Samsung und facebook,  haben die Kundenschnittstelle schon längst in ihren Besitz genommen. Sofern Google & Co. ihre Aktivitäten im Banking weiter ausdehnen, sieht es für die Banken eher schlecht aus:

So mancher etablierten Bank und so manchem klassischen Versicherer droht bei einem Markteintritt der Bigtechs, viel Ertragspotenzial und vor allem die Kenntnis über ihre Kunden aus erster Hand verloren zu gehen. Insbesondere die kleineren und mittleren Kreditinstitute, die sich nicht selbst zu einer Plattform weiterentwickeln können, laufen außerdem Gefahr, den Anschluss zu verlieren.

Für einige dieser Unternehmen könnte nur die Rolle als hochfokussierter Spezialanbieter übrig bleiben. Dass inzwischen auch Vergleichsplattformen erkannt haben, welche Möglichkeiten ihnen Open Banking und der Trend zur Platformication auf den Finanzmärkten bieten, wird den Wettbewerb um die Kundenschnittstelle zusätzlich verschärfen. Schwieriger ist es, Prognosen darüber anzustellen, wie sich dieser Wettbewerb genau entwickeln wird.

Aktuelle und künftige Herausforderungen der Bankenaufsicht:

 „Wen beaufsichtigen wir eigentlich künftig? Werden es Menschen, Maschinen oder Infrastrukturen sein?“ Noch stehen bei der BaFin vor allem Finanzintermediäre im Fokus. Noch! In Zukunft werden wir es aber verstärkt mit dezentralen Ökosystemen zu tun haben, die ohne Intermediäre auskommen. Um diesen Perspektivwechsel zu verstehen, müssen wir zunächst eine einheitliche Auffassung darüber bekommen, was solche Ökosysteme für Regulierung und Aufsicht bedeuten.

Sonderfall Blockchain:

Käme es tatsächlich in weiten Teilen zu einer Blockchain-Ökonomie, also zu dezentralen Ökosystemen, dann brauchten auch Regulierung und Aufsicht ein Update. Zudem erwarte ich, dass alleine schon die Aufspaltung von Wertschöpfungsketten Teile der bisherigen Aufsichtspraxis in Frage stellen wird. Die BaFin stellt ihre Strukturen regelmäßig auf den Prüfstand. Unter anderem haben wir das Referat „Finanztechnologische Innovationen“ geschaffen, das eine Hub-Funktion für digitale Themen wahrnimmt.

Die Rede zeigt, dass man bei der Bafin die Herausforderungen erkannt hat. Bei den Banken und ihren Strategie- und IT-Beratern hat man häufig nicht den Eindruck.

Es ist allerdings fraglich, ob die Blockchain zu mehr Dezentralisierung führen wird. Eher ist davon auszugehen, dass sich hier wiederholt, was schon beim Web 1.0 und Web 2.0 zu beobachten war: Die Bildung großer Einheiten und Machtkonzentrationen. Samsung, Google, Amazon, Tencent, Microsoft, Alibaba & Co. haben das Potenzial der Blockchain erkannt und, wie im Fall Samsung, branchenübergreifende Lösungen, entwickelt (Vgl. dazu: Technologiekonzerne bringen die Blockchain unter ihre Kontrolle).

Der Grund weshalb sich Amazon, Samsung & Co. für die Blockchain interessieren ist der, dass sich hiermit ein weiterer Kommunikations- und Informationskanal auftut. Aber das ist nur eine Variante. Wichtiger sind die Informationen, die über die verschiedenen technischen Objekte (Autos, Maschinen, Haushaltsgeräte) verarbeitet und verbreitet werden. Da diese fast immer in irgendeiner Form von Menschen bedient oder nachgefragt werden und über ihren Verarbeitungszustand einen Blick in Echtzeit in die Wirtschaft erlauben, bekommen Samsung & Co. eine Sicht, die weit von dem entfernt ist, was eine nationale oder auch europäische Bankenaufsicht jemals erreichen kann.

Diese Problematik, da hat Hufeld recht, geht jedoch weit über Fragen der Bankenaufsicht hinaus und betrifft das Wettbewerbs- und Kartellrecht.

Solange jedoch die Frage nach dem Eigentum der Daten, die von Personen und Maschinen erzeugt werden, nicht befriedigend geklärt ist, werden die Plattformen oder Bigtechs kaum zu stoppen sein – schon gar nicht von den Banken und ganz gewiss auch nicht von den Fintech-Startups. Erst wenn Daten als schützenswerte Vermögenswerte anerkannt und auch so behandelt werden, könnte sich das Blatt wenden, und neue bankähnliche Institutionen die Rolle übernehmen, die von ihren Vorgängern ausgefüllt wurde.

Dann kann auch die Banken- bzw. Data Banking – Aufsicht ihre Wirkung entfalten.

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