1929 genüg­te eine simp­le Idee, um aus einem Dol­lar Eigen­ka­pi­tal ein Viel­fa­ches an Kurs­ge­winn zu machen – die Ver­schach­te­lung von Invest­ment­ge­sell­schaf­ten inein­an­der. Als die Kur­se dreh­ten, dreh­te sich auch der Hebel um. Die Gold­man Sachs Tra­ding Cor­po­ra­ti­on, das eige­ne Kon­strukt der Bank, ver­lor bin­nen Mona­ten fast ihren gesam­ten Wert, kos­te­te einen ihrer mäch­tigs­ten Part­ner die Kar­rie­re und beschä­dig­te den Ruf von Gold­man Sachs für Jahr­zehn­te – über­lebt hat die Bank nur, weil das Vehi­kel recht­lich von ihr getrennt war. Heu­te ist der Mecha­nis­mus regu­la­to­risch ent­schärft, der Markt für geschlos­se­ne Fonds auf einen Bruch­teil sei­ner frü­he­ren Grö­ße geschrumpft. Geblie­ben ist die Fra­ge, wo sich struk­tu­rel­le Ver­wund­bar­keit heu­te ver­steckt, wenn nicht mehr in der Pyra­mide.


Die Hebel­wir­kung, die sich umkehrt

Ende 1928 grün­de­te die Bank Gold­man, Sachs and Com­pa­ny eine neue Gesell­schaft: die Gold­man Sachs Tra­ding Cor­po­ra­ti­on. Deren Geschäft bestand aus nichts wei­ter, als mit dem Geld der Anle­ger Akti­en ande­rer Unter­neh­men zu kau­fen und zu hal­ten – finan­ziert dadurch, dass sie selbst eige­ne Antei­le im Wert von 100 Mil­lio­nen Dol­lar ver­kauf­te, nach heu­ti­ger Kauf­kraft etwa eine Mil­li­ar­de. Zehn Mil­lio­nen Dol­lar davon zeich­ne­te Gold­man Sachs zunächst selbst, die übri­gen 90 Mil­lio­nen gin­gen an die Öffent­lich­keit – ein Anteil von zehn Pro­zent, der wie eine Bürg­schaft in eige­nes Ver­trau­en wirk­te, tat­säch­lich aber nur einen Bruch­teil des Risi­kos band. Ein Sicher­heits­puf­fer aus Anlei­hen oder Vor­zugs­ak­ti­en, der im Kri­sen­fall zuerst Ver­lus­te hät­te auf­fan­gen kön­nen, fehl­te zunächst kom­plett – es gab nur die­ses eine Kapi­tal, das voll dem Auf und Ab der Akti­en­kur­se aus­ge­setzt war.

Es blieb nicht bei die­ser einen Gesell­schaft. Die Tra­ding Cor­po­ra­ti­on grün­de­te eine zwei­te Gesell­schaft, die Shen­an­do­ah Cor­po­ra­ti­on – und hielt deren Stamm­ak­ti­en. Das übri­ge Kapi­tal besorg­te sich Shen­an­do­ah selbst am Markt, indem sie fest ver­zins­te Vor­zugs­ak­ti­en im Volu­men von 102,5 Mil­lio­nen Dol­lar aus­gab; sie waren bei der Aus­ga­be mehr als sie­ben­fach über­zeich­net, das Inter­es­se der Anle­ger also enorm grö­ßer als das Ange­bot. Der Clou die­ser Kon­struk­ti­on: Die Vor­zugs­ak­tio­nä­re erhiel­ten nur ihren fes­ten Zins, ganz gleich, wie stark die von Shen­an­do­ah gehal­te­nen Akti­en im Kurs stie­gen. Jeder Wert­zu­wachs dar­über hin­aus floss allein den Stamm­ak­ti­en zu – also der Tra­ding Cor­po­ra­ti­on. Shen­an­do­ah wie­der­um finan­zier­te nach dem­sel­ben Mus­ter eine drit­te, noch grö­ße­re Gesell­schaft, die Blue Ridge Cor­po­ra­ti­on, mit 142 Mil­lio­nen Dol­lar. Am Ende einer sol­chen Ket­te stand also nicht ein­fach eine Gesell­schaft, die in Akti­en inves­tier­te, son­dern eine Gesell­schaft, die eine Gesell­schaft finan­zier­te, die wie­der­um eine wei­te­re Gesell­schaft finan­zier­te – und über allem stand, mit durch­ge­hen­der Kon­trol­le, Gold­man Sachs selbst.

Der Mecha­nis­mus dahin­ter ist so ein­fach wie fol­gen­reich: Stieg der Kurs der Akti­en, die eine sol­che Gesell­schaft hielt, floss der Gewinn über­pro­por­tio­nal den Stamm­ak­tio­nä­ren der über­ge­ord­ne­ten Gesell­schaft zu – der Levera­ge-Effekt. Zunächst waren das nur Buch­ge­win­ne: Nie­mand hat­te etwas ver­kauft, real aus­ge­zahlt wur­de nichts, es stieg ledig­lich der Wert, mit dem die Betei­li­gung an der Bör­se bewer­tet wur­de. Genau dar­in lag die Ver­wund­bar­keit der Kon­struk­ti­on – die auf­ge­bläh­ten Kur­se der Stamm­ak­ti­en spie­gel­ten Erwar­tun­gen und Wei­ter­ver­kaufs­fan­ta­sien wider, kei­ne tat­säch­lich rea­li­sier­ten Erträ­ge aus dem zugrun­de lie­gen­den Geschäft. Bei einer Ver­schach­te­lungs­ebe­ne beein­dru­ckend, bei drei oder vier über­ein­an­der­ge­sta­pel­ten Gesell­schaf­ten ver­viel­fach­ten sich aus mode­ra­ten Kurs­stei­ge­run­gen der zugrun­de­lie­gen­den Wer­te gewal­ti­ge Buch­ge­win­ne. Wie gewal­tig, zeigt eine Kon­gress­an­hö­rung eini­ge Jah­re spä­ter: Akti­en der …