Das Bankhaus Burkhardt & Co. in Essen ist eines der rätselhafteren Institute der deutschen Privatbankgeschichte: Der Namensgeber war Branchenfremder, die operative Führung lag bei anderen, und die Gründung war kein unternehmerischer Akt, sondern das Ergebnis einer nationalsozialistischen Zwangsmaßnahme. 1938 wurde Deutschlands größte Privatbank—die Simon-Hirschland-Bank, gegründet 1841, Finanzier von Krupp, Thyssen und Mannesmann—durch Arisierung zerstört. Burkhardt & Co. übernahm die Geschäfte, nicht die Identität.
Und dennoch: Das Haus operierte in der Nachkriegszeit als funktionierendes Privatbankhaus mit erstaunlicher internationaler Reichweite. Als Kirk Kerkorian—ehemaliger Kampfpilot, Las-Vegas-Immobilienentwickler, einer der kühnsten Dealmaker Amerikas—Ende der 1960er Jahre seinen Erwerb von MGM finanzieren musste, flog Burkhardt-Partner Otto Schoeppler eigens nach London. Das Angebot: bis zu 50 Millionen Dollar. Kerkorian akzeptierte zunächst 20 Millionen.
Ein Essener Bankhaus, hervorgegangen aus einer Zwangsarisierung, ko-finanzierte den Erwerb eines Hollywoodstudios.
Was steckt hinter dieser Konstellation? Wer waren die wirklichen Akteure—und was verrät die Geschichte von Burkhardt & Co. über die institutionellen Mechanismen der deutschen Bankgeschichte zwischen 1938 und 1972?
I. Vorbemerkung: Kein Traditionshaus im klassischen Sinne
Wer nach dem Bankhaus Burkhardt & Co. fragt, stößt schnell auf ein strukturelles Paradox: Das Institut ist weder durch eine lange Gründertradition noch durch eine eigenständige geschäftliche Identität bekannt geworden—und dennoch trägt sein Name bis heute in der Firmierung von HSBC Deutschland fort. Burkhardt war kein Traditionshaus. Es war ein Transithaus: ein Konstrukt der Überleitung, das zwei historische Zäsuren markiert—die Zerstörung eines großen Privatbankhauses im Jahr 1938 und dessen institutionelle Aufhebung in einer neuen, überregionalen Bankstruktur 1972. Diese Funktion—weniger Akteur als Vehikel—macht das Bankhaus analytisch interessant.
II. Der Essener Bankenraum und seine Voraussetzungen
Essen war im 19. Jahrhundert kein Finanzzentrum im klassischen Sinne—kein Frankfurt, kein Hamburg. Es war ein Industriestandort, dessen Bankenwesen direkt aus dem Kapitalbedarf des Ruhrbergbaus und der Schwerindustrie hervorging. Die Institute, die sich hier etablierten, finanzierten keine Handelsströme, sondern Kohleförderung, Stahlproduktion und Maschinenbau—Kunden wie Krupp, Thyssen, Stinnes und Haniel. Bankierstätigkeit und Industriekapital waren in dieser Region strukturell verzahnt.
Das bedeutendste Privatbankhaus in diesem Umfeld war die Simon-Hirschland-Bank, gegründet 1841 von Simon Hirschland, einem deutsch-jüdischen Bankier aus Essen. Über vier Generationen entwickelte sich das Institut zum zentralen Finanzier des Ruhrindustriegeschäfts—bis 1937 wies es eine Bilanzsumme von 84 Millionen Reichsmark aus und pflegte Emissionsbeziehungen zu Krupp, Thyssen, den Mannesmannröhren-Werken und der Gelsenkirchener Bergwerks-AG. Es war Deutschlands größte Privatbank.
III. Die Konstellation 1938: Arisierung als Institutionenbruch
Das Bankhaus Burkhardt & Co. entstand nicht aus unternehmerischer Initiative, sondern aus politischem Zwang—genauer: aus dem nationalsozialistischen Arisierungsprogramm, das die systematische Enteignung jüdischer Wirtschaftsakteure betrieb.
Die Abläufe sind rekonstruierbar: Ab 1935 versuchte die Familie Hirschland, ihr Bankhaus durch strukturelle Anpassungen zu schützen—so boten Georg und Kurt Hirschland Hermann Josef Abs und Gotthard von Falkenhausen von der Deutschen Bank Beteiligungen an. Nach dem Scheitern dieser Versuche leitete die Familie im April 1938 Verhandlungen über eine Umwandlung in eine „arisch” geführte Kommanditgesellschaft ein. Der Überleitungsplan vom 30. Juni 1938 sah als persönlich haftende Gesellschafter Gotthard von Falkenhausen und Otto Burkhardt vor—wobei Burkhardt bis dahin Vorstand eines Textilunternehmens gewesen war, also branchenfremder Einstieg in ein bestehendes Finanzinstitut.
Am 1. September 1938 erteilte der Reichskommissar für das Kreditwesen die Genehmigung zur Zwangsarisierung. Die Familie Hirschland erl…

