Staats­an­lei­hen gal­ten lan­ge als das natür­li­che Habi­tat der Pen­si­ons­fonds. Lang­fris­ti­ge Ver­bind­lich­kei­ten auf der einen, lang­fris­ti­ge Kupons auf der ande­ren Seite—eine struk­tu­rel­le Pas­sung, die für Sta­bi­li­tät auf bei­den Sei­ten sorg­te. Pen­si­ons­fonds fun­gier­ten als „sta­bi­le Hän­de”: preis­un­elas­tisch, lang­fris­tig ori­en­tiert, wenig anfäl­lig für pro­zy­kli­sche Flows. Die­se Ära ist vor­bei. Eine im Juni 2026 ver­öf­fent­lich­te BIS-Stu­die (Glo­bal pen­si­on asset allo­ca­ti­ons and debt mar­kets, BIS Papers No 172) doku­men­tiert, wie tief­grei­fend und glo­bal die­ser Struk­tur­bruch ist—und wel­che Kon­se­quen­zen er für die Finan­zie­rung von Staatschul­den hat.


I. Der Befund: Vier Jahr­zehn­te Portfolioumbau

Die Zah­len sind ein­deu­tig. In den USA fiel der direk­te Anlei­he­an­teil im Pen­si­ons­port­fo­lio von rund 35–40 Pro­zent in den 1980er Jah­ren auf etwa 10–15 Pro­zent im Jahr 2023. In fort­ge­schrit­te­nen euro­päi­schen Volks­wirt­schaf­ten sank die Quo­te seit den frü­hen 2000er Jah­ren von rund 35 Pro­zent auf unter 20 Pro­zent. In Schwellenländern—traditionell mit beson­ders hohen Bondquoten—ging der Anteil von rund 80 Pro­zent auf etwa 50 Pro­zent zurück.

Was ist an die Stel­le getre­ten? Vor allem Investmentfondsanteile—in den USA von nahe­zu null auf rund 25–30 Pro­zent, in Euro­pa auf über 50 Pro­zent. Dazu kom­men alter­na­ti­ve Anla­gen: Pri­va­te Equi­ty, Real Estate, Hedge­fonds. US-ame­ri­ka­ni­sche Sta­te- und Local-Plä­ne haben ihren Alter­na­ti­venan­teil seit Anfang der 2000er Jah­re von unter 10 auf über 30 Pro­zent erhöht. Für Pen­si­ons­fonds in den USA, Kana­da, dem Euro­raum, Groß­bri­tan­ni­en, der Schweiz und Aus­tra­li­en wei­sen Pre­qin-Daten inzwi­schen Alter­na­ti­venquo­ten zwi­schen 15 und 30 Pro­zent aus.

Die Trei­ber sind bekannt: Der säku­la­re Zins­rück­gang seit den 1980er Jah­ren hat Anlei­hen als Ren­di­te­quel­le sys­te­ma­tisch ent­wer­tet. Die BIS-Stu­die quan­ti­fi­ziert den Zusam­men­hang auf Basis eines Panels von 87 Län­dern für den Zeit­raum 1980–2023: Sinkt die 10-jäh­ri­ge loka­le Staats­an­lei­he­ren­di­te um einen Pro­zent­punkt, fällt der Bond­an­teil im Pen­si­ons­port­fo­lio im Schnitt um gut einen Prozentpunkt—und Aus­lands­an­la­gen stei­gen um rund 3,4 Pro­zent­punk­te, Fonds­an­tei­le um etwa 1,5 Pro­zent­punk­te. Die Search for Yield ist kei­ne Meta­pher, son­dern mess­ba­re Portfoliodynamik.


II. Das Struk­tur­pro­blem: Die ver­län­ger­te Intermediationskette

Der nahe­lie­gen­de Ein­wand lau­tet: Pen­si­ons­fonds hal­ten zwar weni­ger direk­te Anlei­hen, inves­tie­ren aber über Invest­ment­fonds indi­rekt wei­ter­hin in Fixed Inco­me. Der Rück­gang sei daher opti­scher Natur. Die BIS-Stu­die wider­legt die­se Beru­hi­gung expli­zit: Für meh­re­re euro­päi­sche Län­der zei­gen die Aus­wer­tun­gen, dass indi­rek­te Anlei­he­invest­ments über Bond-Fonds den Rück­gang der direk­ten Anlei­he­be­stän­de nicht kom­pen­sie­ren. Das Kapi­tal fließt nicht über Umwe­ge zurück in Staatsanleihen—es fließt in ande­re Assetklassen.

Was bleibt, ist eine ver­län­ger­te und damit fra­gi­ler gewor­de­ne Inter­me­dia­ti­ons­ket­te. Frü­her: Pen­si­ons­fonds kauft Bun­des­an­lei­he, hält sie bis zur Fäl­lig­keit. Heu­te: Pen­si­ons­fonds kauft Fonds­an­teil, Fonds kauft Anlei­he, Anlei­he­be­stand des Fonds reagiert auf Mit­tel­flüs­se, die ihrer­seits auf Markt­be­we­gun­gen reagie­ren. Jede zusätz­li­che Stu­fe in die­ser Ket­te erhöht die Sen­si­ti­vi­tät gegen­über Liquiditätsereignissen—und ver­rin­gert die Puf­fer­funk­ti­on, die Pen­si­ons­fonds tra­di­tio­nell für Staats­an­lei­he­märk­te erfüllten.


III. Die Sta­bi­li­täts­fra­ge: Von sta­bi­len Hän­den zu flüch­ti­gen Investoren

Die Ver­schie­bung der Inves­to­ren­ba­sis hat eine direk­te Impli­ka­ti­on für die Staats­fi­nan­zie­rung: Die Nach­fra­ge nach Staats­an­lei­hen kommt zuneh­mend von Inves­to­ren mit ande­ren Prä­fe­ren­zen und ande­ren Reaktionsfunktionen.

Invest­ment­fonds, die täg­li­che Liqui­di­tät ver­spre­chen, sind struk­tu­rell gezwun­gen, auf Mit­tel­ab­flüs­se zu reagieren—und Mit­tel­ab­flüs­se häu­fen sich erfah­rungs­ge­mäß genau dann, wenn Staats­an­lei­hen als Anla­ge­klas­se unter Druck gera­ten. Der pro­zy­kli­sche Cha­rak­ter die­ser Inves­to­ren­ba­sis ist kein Rand­phä­no­men, son­dern Sys­tem­lo­gik. Die BIS-Stu­die spricht von „fligh­ty investors”—und meint damit nicht indi­vi­du­el­le Irrationalität,…