Mer­ce­des-Benz hat im April die Ver­trä­ge zum Ver­kauf sei­ner Lea­sing­toch­ter Ath­lon an BNP Pari­bas unter­zeich­net. Die offi­zi­el­le Les­art lau­tet: stra­te­gi­sche Fokus­sie­rung und De-Ris­king. Die struk­tu­rel­le Les­art lau­tet: Mer­ce­des ver­sucht seit min­des­tens 2021, ein Risi­ko­pa­ket los­zu­wer­den – und kon­zen­triert dabei das ver­blei­ben­de Risi­ko auf genau die Mar­ke, deren Fahr­zeu­ge im Sekun­där­markt am stärks­ten nach­ge­ben. Was der Deal über den Zustand des Pre­mi­um­lea­sing­ge­schäfts, die Cap­ti­ve-Bank-Logik und die Gren­zen stra­te­gi­scher Selbst­er­zäh­lung verrät.


Der Ver­kauf der Lea­sing­toch­ter Ath­lon ist, liest man die übli­che Pres­se­kom­mu­ni­ka­ti­on, eine Maß­nah­me zur „Fokus­sie­rung auf das Kern­ge­schäft”. Das stimmt – aber es ist die hal­be Wahr­heit. Die ande­re Hälf­te ist struk­tu­rel­ler Druck, und er hat einen Namen: Restwert.

Ath­lon betreibt Full-Ser­vice-Lea­sing für rund 400.000 Fahr­zeu­ge, über­wie­gend für Unter­neh­mens­kun­den und Flot­ten­be­trei­ber. Cha­rak­te­ris­tisch ist die Mar­ken­of­fen­heit: Ath­lon ver­least nicht nur Mer­ce­des-Fahr­zeu­ge, son­dern auch Model­le ande­rer Her­stel­ler – was den Anbie­ter für gewerb­li­che Kun­den attrak­tiv macht und ihn gleich­zei­tig zur struk­tu­rel­len Anoma­lie im Mer­ce­des-Kon­zern­port­fo­lio macht. Ein mar­ken­un­ab­hän­gi­ger Flot­ten­dienst­leis­ter unter dem Dach eines Pre­mi­um­her­stel­lers funk­tio­niert solan­ge, wie die Kapi­tal­kos­ten beherrsch­bar sind und die Rest­wer­te der Fahr­zeu­ge sta­bil blei­ben. Bei­de Bedin­gun­gen sind gegen­wär­tig unter Druck – und beim Elek­tro­au­to ist die­ser Druck systemisch.

Lea­sing­ge­schäf­te sind Rest­wett­wet­ten. Der Lea­sing­ge­ber ver­pflich­tet sich auf eine Monats­ra­te, kal­ku­liert den Fahr­zeug­wert am Ver­trags­en­de ein und trägt das Risi­ko, wenn der tat­säch­li­che Markt­preis die­se Annah­me unter­schrei­tet. Beim klas­si­schen Ver­bren­ner war die­ses Modell über Jahr­zehn­te sta­bil. Bei Elek­tro­fahr­zeu­gen ist die Lage struk­tu­rell anders. Nach Daten der Deut­schen Auto­mo­bil Treu­hand lie­gen die Rest­wer­te drei­jäh­ri­ger Elek­tro­mo­del­le aktu­ell bei etwa 50 Pro­zent des Lis­ten­prei­ses – deut­lich unter ver­gleich­ba­ren Ver­bren­ner­wer­ten. Die Ursa­chen sind bekannt: schnel­le Modell­zy­klen, Bat­te­rie­de­gra­da­ti­on als Wahr­neh­mungs­ri­si­ko, ver­än­der­te För­der­struk­tu­ren und die aggres­si­ve Preis­po­li­tik chi­ne­si­scher Her­stel­ler, die den euro­päi­schen Gebraucht­wa­gen­markt neu kali­briert. Für einen Kon­zern, der Lea­sing­port­fo­li­os in der Grö­ßen­ord­nung von Ath­lon auf­ge­baut hat, sind die­se Abwei­chun­gen kein Rand­pro­blem, son­dern eine sys­te­mi­sche Bilanzbelastung.

Der Sekun­där­markt für Pre­mi­um­fahr­zeu­ge spricht in die­ser Hin­sicht Bän­de. Wer heu­te ein drei Jah­re altes Pre­mi­um­elek­tro­mo­dell ver­kau­fen will, kon­kur­riert nicht mehr nur mit ande­ren Gebraucht­wa­gen, son­dern mit neu­en chi­ne­si­schen Fahr­zeu­gen zu einem Bruch­teil des ursprüng­li­chen Lis­ten­prei­ses. Dass gera­de das Pre­mi­um­seg­ment beson­ders expo­niert ist – weil der Preis­ab­stand zu den chi­ne­si­schen Alter­na­ti­ven am größ­ten und die Zahl der kauf­kräf­ti­gen Käu­fer begrenzt ist –, macht Ath­lon zu einem beson­ders belas­te­ten Port­fo­lio. Mer­ce­des weiß das. Des­halb sucht man schon län­ger nach einem Käufer.

Das ist der Punkt, der in der Kom­mu­ni­ka­ti­on kon­se­quent unter­be­lich­tet bleibt, aber die Trans­ak­ti­on ana­ly­tisch am stärks­ten prägt. Die Ver­kaufs­ge­schich­te von Ath­lon beginnt nicht im Dezem­ber 2025, als BNP Pari­bas den Ein­stieg in exklu­si­ve Ver­hand­lun­gen mel­de­te. Sie beginnt min­des­tens im Jahr 2021, als Daim­ler erst­mals aktiv Käu­fer son­dier­te und unter ande­rem San­tan­der als Inter­es­sent gehan­delt wur­de – ohne Ergeb­nis. Im Janu­ar 2025 folg­te ein erneu­ter Anlauf: Bloom­berg berich­te­te, Mer­ce­des habe sich wie­der an poten­zi­el­le Käu­fer gewandt, die Gesprä­che befän­den sich aber noch in einer frü­hen Pha­se und könn­ten nicht not­wen­di­ger­wei­se zu einer Trans­ak­ti­on füh­ren. Erst Ende 2025 ver­dich­te­ten sich die Gesprä­che mit BNP Pari­bas zu exklu­si­ven Ver­hand­lun­gen, im April 2026 wur­den schließ­lich die Ver­trä­ge unterzeichnet.

Fünf Jah­re zwi­schen ers­tem Ver­such und unterzeichn…