Karolin Schriever, Vorstandsmitglied des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV), hat unlängst in einer Rede vor den Vereinten Nationen für das Modell der lokalen Banken geworben. Ihre Kernthese: Globale Finanzsysteme seien zu starr, Investitionen flössen nicht automatisch in Werkshallen, Start-ups oder kommunale Projekte. Lokale Institute wie Sparkassen dagegen kennen ihre Kunden, finanzieren risikobewusst und schließen die globale Finanzierungslücke des sogenannten „Missing Middle” – jener mittelständischen Unternehmen, die trotz gesunder Wirtschaftlichkeit keinen Kapitalzugang finden.
Es ist eine überzeugende Erzählung. Und sie ist, gemessen an der operativen Realität, in wesentlichen Teilen falsch.
Die PR-Schere
Der Begriff der PR-Schere bezeichnet die wachsende Lücke zwischen dem kommunizierten Selbstbild einer Institution und ihrer tatsächlichen Praxis. Im Fall des DSGV und seiner Mitgliedsinstitute ist diese Lücke nicht bloß eine Kommunikationspanne – sie ist strukturell, und sie ist symptomatisch.
Schriever beklagt, dass globale Finanzsysteme Unternehmen nicht als handelnde Akteure sehen, sondern als Risikopositionen. Genau das ist jedoch das operative Modell der Sparkassen im Firmenkundengeschäft. Die Kreditvergabepraxis der Sparkassen hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verschärft. Der Mittelstand – gerade im Maschinen- und Anlagenbau, in den strukturell belasteten Regionen Westfalens und des Sauerlandes – leidet darunter. Ein Unternehmen wird nicht nach strategischem Potenzial bewertet, nicht nach Marktkenntnis, Innovationskapazität oder Resilienz im Strukturwandel. Es wird bewertet nach Bilanzkennzahlen, Verschuldungsgrad, Sicherheiten und einem standardisierten Rating. Das Unternehmen wird zum bloßen Objekt – genau das, was Schriever in New York beklagt.
Hinter dieser Praxis stehen nachvollziehbare Mechanismen: Basel III/IV-Eigenkapitalanforderungen haben intern zu konservativeren Risikomodellen geführt; der Ertragsdruck nach der Niedrigzinsphase hat das Kreditbuch selektiver gemacht; die Ratingabhängigkeit trifft genau jene Unternehmen, die kein Kapitalmarkt-Rating haben. Das Paradox: Die Regulierung, über die Schriever klagt, hat das Verhalten der Sparkassen mitgeformt. Sie klagen über zu viel Bürokratie und handeln risikoavers wie regulierte Großbanken – nur ohne deren Kapitalmarktanbindung als Ausgleich.
Herbert Simon hätte gesagt: Das Rating optimiert auf das Messbare, nicht auf das Entscheidungsrelevante. Bounded rationality ist hier nicht individuelles Versagen, sondern institutionalisiertes Risikomodell. Niklas Luhmann würde hinzufügen: Das Ratingsystem reproduziert sich autopoietisch nach eigener Logik, vollständig entkoppelt von der Operationslogik des Unternehmens, das es bewertet. Der Unternehmer, der seine Transformationsleistung erklären will, spricht in einer Sprache, die das Bankensystem strukturell nicht empfangen kann.
Der Rückzug aus der Fläche
Die Selbstbeschreibung als lokaler Partner steht in einem weiteren Widerspruch zur operativen Realität: dem systematischen Rückzug aus der Fläche. Allein 2024 schlossen Sparkassen 178 Filialen und unterschritten damit erstmals die Marke von 7.000 Standorten bundesweit. Das Muster ist überall dasselbe: Beratungsfilialen werden zu Selbstbedienungsstandorten umgewandelt, Kompetenzen „gebündelt” – Euphemismen für den Abbau persönlicher Kundenbeziehungen.
Für den Mittelstand im ländlichen Raum bedeutet das konkret: Der Firmenkundenbetreuer, der das Unternehmen kannte, ist weg. Was bleibt, ist ein standardisiertes Ratingmodell ohne kontextuelles Gedächtnis. Die Nähe, auf die Schriever sich beruft, wird gerade dort abgebaut, wo sie am dringendsten gebraucht würde.
Gelsenkirchen als Symptom
Ende Dezember 2025 wurde die Sparkassen-Filiale in Gelsenkirchen-Buer Tatort eines der größten Bankeinbrüche der deutschen Nachkriegsgeschichte. Über 95 Prozent der rund 3.250 Schließfächer wurden aufgebrochen, etwa 2.700 Kunden betroffen, der geschätzte Schaden liegt bei rund 30 Millionen Euro. Der Versicherungsschutz der Sparkasse: 10.300 Euro je Schließfach. Für viele Betroffene, die Schmuck, Erbstücke oder Ersparnisse hinterlegt hatten, eine bittere Enttäuschung.
Was folgte, war institutionell aufschlussreich: NRW-Innenminister Herbert Reul kritisierte die Sparkasse wegen mangelhafter Weitergabe wichtiger Informationen an Polizei und Staatsanwaltschaft. Die Ermittler mussten das Institut durchsuchen, um Datenträger und Kundendaten zu sichern. Ein Vorgang, der das symbolische Kapital der Sparkasse – verlässlicher lokaler Partner – substanziell beschädigte. Nicht durch den Einbruch selbst. Durch das Krisenmanagement danach.
Es wäre zu einfach, diesen Fall als Einzelereignis zu behandeln. Er ist symptomatisch für eine Institution, die auf der elementarsten Vertrauensebene – physische Sicherheit anvertrauter Werte, kooperative Transparenz im Ernstfall – versagt und dabei institutionellen Selbstschutz über Kundeninteresse stellt.
Die Anreizstruktur
Der analytisch entscheidende Punkt liegt tiefer: in der Anreizstruktur der Sparkassenorganisation selbst.
Sparkassenvorstände tragen kein unternehmerisches Risiko. Kein eigenes Kapital im Spiel, keine persönliche Haftung bei Fehlentscheidungen, kein Eigentümer mit Renditeanspruch. Der öffentlich-rechtliche Träger – Landkreis oder Stadtrat – fungiert als institutioneller Puffer. Gleichzeitig orientieren sich die Vergütungen längst an privatwirtschaftlichen Benchmarks. Das Ergebnis ist eine Risikoasymmetrie, die rational zu konservativem Verhalten einlädt: Upside wie ein Manager, Downside wie ein Beamter. Ein ausgefallener Kredit an einen innovativen Mittelständler ist karriereschädlicher als ein konservatives Nein. Das Ratingsystem ist in diesem Kontext nicht nur Technik – es ist institutionelle Absicherung.
Dasselbe gilt für die regionalen Sparkassenverbände und den DSGV selbst. Auch dort: gehobene Vergütung, kein unternehmerisches Risiko, geschlossener Kommunikationskreislauf. Die Verbände kontrollieren das Prüfungswesen, die Weiterbildung, die politische Interessenvertretung. Ein vollständiges Ökosystem der Selbstbestätigung, in dem externe Kritik systemisch nicht als Information verarbeitet, sondern als Störung behandelt wird.
Max Weber würde hier von Patrimonialbürokratie in modernem Gewand sprechen: Eine Institution, die nach außen Gemeinwohlorientierung kommuniziert, nach innen aber primär Stelleninhaber reproduziert und Pfründen sichert. Der öffentliche Auftrag ist dabei nicht Lüge – er ist genuine Überzeugung, die aber funktional als Legitimationsressource dient, um externe Rechenschaftspflicht abzuwehren.
Institutionelle Amnesie
Wie ist es zu erklären, dass eine Institution auf internationalem Parkett ein Selbstbild projiziert, das mit der regionalen Praxis ihrer Mitglieder kaum noch übereinstimmt? Die zutreffendere Diagnose lautet: institutionelle Amnesie. Der DSGV hat das Selbstbild der Gründungsidee so lange intern zirkuliert, dass der Kontakt zur operativen Wirklichkeit strukturell verloren gegangen ist – ohne dass dies als Verlust wahrgenommen wird. Bourdieu würde hinzufügen, dass internationale Auftritte wie die UN-Rede dabei nicht primär der Außenkommunikation dienen, sondern der internen Selbstvergewisserung: Das Bild wird vor prestigeträchtiger Kulisse bestätigt und damit weiter immunisiert gegen Revision.
Der DSGV hat das Selbstbild der Gründungsidee – Lokalbank für lokale Entwicklung, Kapital für den kleinen Mann – intern so lange zirkuliert, dass der Kontakt zur operativen Wirklichkeit strukturell verloren gegangen ist. Die Vorstände glauben vermutlich, was sie sagen. Die Verbände kommunizieren in einem geschlossenen Kreislauf: Verbandskongresse, politische Lobbygespräche, internationale Auftritte – Arenen, in denen die Selbstbeschreibung zirkuliert und bestätigt wird, ohne auf Widerstand zu treffen. Der Mittelständler, der den abgelehnten Kreditantrag in der Hand hält, sitzt in diesem Kreislauf nicht drin.
Alfred D. Chandler hätte die Diagnose anders formuliert: Die organisationale Kapazität für relationales Firmenkundengeschäft wurde nie wirklich aufgebaut – oder sie wurde durch Prozessstandardisierung und Regulierungsanpassung systematisch ersetzt. Was bleibt, ist die institutionelle Hülle der Gründungsidee, ohne die operative Substanz, die sie einmal getragen hat.
Die Abwesenheit als Antwort
Schriever erwähnt in ihrer UN-Rede neben mittelständischen Unternehmen auch Start-ups als Zielgruppe lokaler Bankfinanzierung. Es lohnt, bei diesem Punkt innezuhalten.
Sparkassen und Start-up-Finanzierung sind institutionell inkompatibel – und das ist kein Zufall, sondern Systemlogik. Start-ups haben per Definition keine Bilanzkennzahlen, keine verwertbaren Sicherheiten, keine Rating-Historie. Sie sind das genaue Gegenteil dessen, was ein auf Fristentransformation und Zinsmarge ausgerichtetes Geschäftsmodell als kreditwürdig erkennen kann. Die Risikomodelle, die den innovationsorientierten Mittelständler bereits zum Objekt degradieren, sind gegenüber Start-ups schlicht blind. Was nicht ins Raster passt, existiert institutionell nicht.
Die Frage ist daher nicht, warum Sparkassen so selten als Risikokapitalgeber für Start-ups aufgetreten sind. Die Frage ist, wie eine Institution, die das strukturell nie geleistet hat, auf einer UN-Bühne den Anspruch formulieren kann, genau diese Lücke zu schließen.
Der deutsche Start-up-Ökosystem-Rückstand gegenüber den USA, Israel, Schweden oder den Niederlanden hat viele Ursachen. Aber der strukturelle Mangel an frühem Risikokapital ist eine der zentralen – und die Sparkassen haben dazu nichts Wesentliches beigetragen. Das ist keine Randnotiz. Es ist eine makroökonomische Konsequenz: Wenn lokale Banken über Jahrzehnte systematisch keine Risikokapazität für neue Geschäftsmodelle entwickelt haben, dann ist der aktuelle Zustand der deutschen Wirtschaft – das gleichzeitige Abgehängtsein in Halbleitern, künstlicher Intelligenz, Biotechnologie und Plattformökonomie – nicht nur Politikversagen oder strategische Fehlentscheidungen einzelner Unternehmen. Es ist auch das Ergebnis einer Finanzierungsinfrastruktur, die strukturell auf Bestandspflege ausgerichtet war, nicht auf Erneuerung.
Alfred D. Chandler hat gezeigt, dass Unternehmen und Institutionen, die keine organisationale Kapazität für das Neue aufbauen, zwangsläufig das Alte reproduzieren – bis das Alte nicht mehr trägt. Die Sparkassen haben das Alte finanziert, solide und verlässlich, so lange es funktionierte. Was sie nicht getan haben: den Übergang mitfinanzieren. Die Abwesenheit der Sparkassen in der deutschen Risikokapitallandschaft ist insofern keine Lücke im Leistungsportfolio. Sie ist eine strukturelle Mitursache des Transformationsversagens.
Symptom, nicht Sonderfall
Die Sparkassen wären analytisch weniger interessant, wenn sie ein Sonderfall wären. Sie sind es nicht. Sie sind ein besonders gut sichtbares Exemplar eines systemischen Musters, das sich durch weite Teile der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft zieht: Institutionen, die ihr Selbstbild in einem geschlossenen Kreislauf reproduzieren, während die operative Realität – und die Außenwahrnehmung – längst eine andere ist.
Das Muster ist überall erkennbar. Die Automobilindustrie, die sich bis weit in die 2010er Jahre als unangefochtene Weltspitze wahrnahm, während die Transformation zur Elektromobilität und zur Softwareplattform verpasst wurde. Die Großanlagenbauer, die ihr internationales Renommee pflegten, während die organisationale Substanz erodierte. Die Mittelständler, die ihre Hidden-Champion-Identität als Schutzschild gegen strategische Selbstreflexion nutzten. Die Verbände und Kammern, die Interessenvertretung mit Gemeinwohlorientierung verwechseln. Die Politik, die Standortqualität kommuniziert, während die Infrastruktur verfällt.
In allen Fällen dieselbe Grundkonstellation: Institutionen, die in Phasen des Erfolgs ein Selbstbild aufgebaut haben, das dann institutionell eingefroren wurde. Der Erfolg legitimierte das Modell – und das Modell wurde gegen Revision immunisiert. Ansoffs schwache Signale werden nicht empfangen, weil das Selbstbild als Filter wirkt: Was nicht ins Bild passt, wird nicht als relevante Information verarbeitet, sondern als externe Störung abgewehrt. Luhmann würde sagen: Die Systeme haben ihre Umweltkomplexität so weit reduziert, dass sie die eigene Transformation nicht mehr beobachten können. Dörner würde ergänzen: Komplexitätsreduktion durch Modellvereinfachung ist adaptiv, solange das Modell trägt – und katastrophal, wenn es das nicht mehr tut.
Was den Fall besonders scharf macht, ist die internationale Dimension. Die Außenwahrnehmung ist längst eine andere. Internationale Investoren, ausländische Partner, wirtschaftspolitische Beobachter in Brüssel oder Washington sehen ein Deutschland, das strukturell stagniert, von vergangenen Stärken zehrt und gleichzeitig mit bemerkenswerter Selbstsicherheit auftritt. Schriever vor der UN ist dafür ein kleines, aber präzises Symbol. Die Kluft zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung ist nicht nur intern dysfunktional – sie erzeugt nach außen einen Vertrauensverlust, der sich in Investitionsentscheidungen, politischen Allianzen und wirtschaftlichen Partnerschaften niederschlägt. Wer nicht weiß, wie er von außen gesehen wird, kann seine Position nicht realistisch einschätzen – und nicht korrigieren.
Fazit
Schriever redet vor den Vereinten Nationen über ein Modell, das die Sparkassen strukturell gerade demontieren. Verschärfte Kreditvergabe, Rückzug aus der Fläche, Objektifizierung des Mittelstands durch Ratingsysteme, strukturelle Abwesenheit in der Risikokapitalfinanzierung, Krisenmanagement wie in Gelsenkirchen, Vergütungsstrukturen ohne Risikohaftung – das ist die operative Realität, die hinter der Erzählung vom lokalen Kümmerer liegt.
Die PR-Schere beim DSGV ist das Produkt einer Institution, die ihr Selbstbild so lange intern reproduziert hat, dass sie die eigene operative Wirklichkeit nicht mehr reflexiv durchdringt. Aber die Sparkassen stehen dabei nicht allein. Sie sind Symptom eines gesellschaftlichen Strukturmerkmals: eines Landes, das seinen Erfolg institutionell eingefroren hat – und das Auftauen verweigert. Solange die Kluft zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung nicht als strukturelles Problem anerkannt wird, sondern als Kommunikationsproblem behandelt wird, das sich mit besseren Reden vor der UN beheben lässt, wird sie sich weiter vertiefen.
Ralf Keuper
