Elon Musk wird den Mars vor­aus­sicht­lich nie betre­ten. Das ist jedoch irrele­vant. Was zählt, ist die orga­ni­sa­to­ri­sche Kraft, die sei­ne Mars-Visi­on freisetzt—und die Antoine de Saint-Exupé­ry vor fast einem Jahr­hun­dert prä­zi­ser beschrie­ben hat als jede Finanz­ana­ly­se es je könn­te. Der fol­gen­de Essay ver­tritt eine The­se, die natür­lich  fal­si­fi­zier­bar ist: Die Kri­tik am SpaceX-IPO trifft die Struk­tur, ver­fehlt aber die indus­trie­öko­no­mi­sche Substanz.


Wenn Finanz­ex­per­tin­nen den SpaceX-Bör­sen­gang kom­men­tie­ren, ist der Ein­wand zur Mars-Visi­on schnell for­mu­liert: wis­sen­schaft­lich unrea­lis­tisch, geschick­tes Sto­rytel­ling, kei­ne fun­dier­ten Geschäfts­mo­del­le. Die Kri­tik ist verständlich—und trifft das Ziel den­noch nicht. Denn sie ver­wech­selt Moti­va­ti­ons­ar­chi­tek­tur mit Pro­jekt­plan, und Bewer­tungs­arith­me­tik mit indus­trie­öko­no­mi­scher Struktur.

Antoine de Saint-Exupé­ry hat den Kern des Pro­blems vor fast einem Jahr­hun­dert gelöst:

Wenn du ein Schiff bau­en willst, dann tromm­le nicht Män­ner zusam­men, um Holz zu beschaf­fen, Auf­ga­ben zu ver­ge­ben und die Arbeit ein­zu­tei­len, son­dern leh­re die Män­ner die Sehn­sucht nach dem wei­ten, end­lo­sen Meer.

Der Mars ist das end­lo­se Meer. Nie­mand muss dort ankom­men. Aber die Sehn­sucht danach orga­ni­siert Ener­gie, Talent und Kapi­tal auf eine Wei­se, die kein KPI-Sys­tem je leis­ten könn­te. Das ist kei­ne sen­ti­men­ta­le Beobachtung—es ist eine funk­tio­na­le Beschrei­bung eines Organisationsprinzips.

Sehn­sucht als Organisationsprinzip

Musk ist in die­ser Les­art weni­ger nai­ver Visio­när als viel­mehr ein außer­or­dent­lich geschick­ter Orga­ni­sa­tor kol­lek­ti­ver Sehn­sucht. Er schafft einen Sinn­rah­men, der Inge­nieu­re, Inves­to­ren und die Öffent­lich­keit glei­cher­ma­ßen mobilisiert—ohne dass irgend­je­mand einen detail­lier­ten Mars­ko­lo­ni­sie­rungs­plan vor­le­gen müss­te. Kein Inge­nieur bei SpaceX arbei­tet pri­mär für Satel­li­ten-Inter­net. Er arbei­tet dafür, die Mensch­heit mul­ti­pla­ne­ta­risch zu machen. Das erzeugt eine Rekru­tie­rungs- und Bin­dungs­kraft, die kein kon­ven­tio­nel­les Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­un­ter­neh­men repli­zie­ren kann.

Für Inves­to­ren funk­tio­niert die­sel­be Nar­ra­ti­ve anders: Sie legi­ti­miert Capex-Niveaus und Ver­lus­te, die bei einem rei­nen Star­link-Unter­neh­men sofort Aktio­närs­pro­tes­te aus­lö­sen wür­den. „Wir ver­lie­ren Geld, weil wir die Mensch­heit ret­ten” ist eine grund­le­gend ande­re Recht­fer­ti­gungs­lo­gik als „wir ver­lie­ren Geld, weil unser Geschäfts­mo­dell nicht funk­tio­niert.” Der Mars ist der stra­te­gi­sche Puf­fer, der ope­ra­ti­ve Ver­lus­te in Inves­ti­tio­nen in die Zukunft der Zivi­li­sa­ti­on umdeu­tet. Und Musk selbst muss nicht wirk­lich dar­an glau­ben, dass er die Mars­be­sied­lung noch erlebt—er weiß, dass er das Ereig­nis, soll­te es ein­tre­ten, nicht mehr erle­ben wird. Die Visi­on ist funk­tio­nal unab­hän­gig von ihrer wört­li­chen Realisierbarkeit.

Das ist übri­gens auch der Grund, war­um ratio­na­le Kri­tik an der Mars-The­se so wir­kungs­los bleibt…