Ein neu­es BIS-Arbeits­pa­pier kar­tiert erst­mals sys­te­ma­tisch, wo KI-pro­du­zie­ren­de Unter­neh­men sit­zen und was ihre Ent­ste­hung begüns­tigt. Der finan­zie­rungs­theo­re­tisch bedeut­sams­te Befund ist nicht die bekann­te USA/Chi­na-Domi­nanz – son­dern die Erkennt­nis, dass Ven­ture Capi­tal die KI-Fir­men­dich­te deut­lich stär­ker erklärt als klas­si­sche Bank­kre­di­te. Für ban­ken­ba­sier­te Finanz­sys­te­me wie das deut­sche ist das kei­ne mar­gi­na­le Fußnote.


I. Die Stu­die und ihr finan­zie­rungs­theo­re­ti­scher Kern

Das BIS Working Paper Nr. 1343 (The geo­gra­phy of AI firms, April 2026) erhebt einen Daten­satz mit 1.246 KI-pro­du­zie­ren­den Unter­neh­men in 32 Volks­wirt­schaf­ten – gefil­tert auf Fir­men ab 500 Mio. US-Dol­lar Bewer­tung, klas­si­fi­ziert ent­lang einer fünf­schich­ti­gen Wert­schöp­fungs­ket­te von Com­pu­te über Infra­struk­tur, Daten­tools und Model­le bis zu Anwen­dun­gen. Die makro­öko­no­me­tri­sche Kern­fra­ge lau­tet: Wel­che insti­tu­tio­nel­len Fak­to­ren erklä­ren, war­um man­che Län­der vie­le KI-Fir­men her­vor­brin­gen und ande­re kaum?

Das Ergeb­nis ist ein­deu­tig. Drei Varia­blen erklä­ren die Wahr­schein­lich­keit, dass ein Land über­haupt KI-Unter­neh­men von Gewicht ent­wi­ckelt, sowie deren Anzahl: Wirt­schafts­grö­ße (BIP), F&E‑Intensität – und mit Abstand am stärks­ten: Ven­ture-Capi­tal-Zuflüs­se. Bank­kre­dit­quo­ten kor­re­lie­ren zwar mit der Anzahl vor­han­de­ner KI-Fir­men, spie­len jedoch für deren blo­ßes Ent­ste­hen eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le. VC und Bank­kre­dit sind, das macht die Stu­die mess­bar, kei­ne funk­tio­na­len Sub­sti­tu­te für die­sen Unter­neh­mens­ty­pus – sie sind unter­schied­li­che Instru­men­te für unter­schied­li­che Firmenprofile.


II. War­um Bank­kre­dit für KI-Start­ups struk­tu­rell unge­eig­net ist

Das ist kein neu­es Argu­ment, aber es ist jetzt empi­risch ein­ge­bet­tet. KI-Unter­neh­men sind in ihrer Früh­pha­se arm an ver­wert­ba­ren Sicher­hei­ten und reich an imma­te­ri­el­len Ver­mö­gens­wer­ten: Soft­ware, Daten, Modell­ge­wich­te, Human­ka­pi­tal. Das klas­si­sche Kre­dit­ver­ga­be­pa­ra­dig­ma – Sicher­hei­ten­prü­fung, Cash­flow-Ana­ly­se, Til­gungs­plan – passt struk­tu­rell nicht zu einem Unter­neh­mens­ty­pus, des­sen Wert pri­mär aus zukünf­ti­gen, unsi­che­ren Erträ­gen besteht und des­sen Akti­va im Insol­venz­fall kaum ver­wert­bar sind.

Ven­ture Capi­tal löst die­ses Pro­blem nicht durch groß­zü­gi­ge Risi­ko­be­reit­schaft, son­dern durch ein ande­res Ver­trags­mo­dell: Eigen­ka­pi­tal­be­tei­li­gung statt Fremd­ka­pi­tal, akti­ves Moni­to­ring statt pas­si­ver Sicher­hei­ten­ver­wal­tung, Port­fo­lio­di­ver­si­fi­ka­ti­on über vie­le Wet­ten statt Ein­zel­kre­dit­pr­u­ning. Das VC-Modell ist insti­tu­tio­nell auf intan­gi­ble-las­ti­ge, hoch­ris­kan­te Wachs­tums­un­ter­neh­men zuge­schnit­ten. Das Bank­kre­dit­mo­dell ist es nicht.

Für das deut­sche Ban­ken­sys­tem – Uni­ver­sal­ban­ken, Spar­kas­sen, Genos­sen­schafts­ban­ken – bedeu­tet das eine struk­tu­rel­le Lücke, die durch regu­la­to­ri­sche Risi­ko­ge­wich­tung (Basel III/​IV begüns­tigt besi­cher­te Kre­di­te), durch das Ein­la­gen­ge­schäft als Fun­ding­ba­sis und durch insti­tu­tio­nel­le Risi­ko­aver­si­on in Auf­sichts­gre­mi­en per­p­etu­iert wird. Man kann das als his­to­risch gewach­se­ne Stär­ke für Mit­tel­stands­fi­nan­zie­rung beschrei­ben – als Kre­dit­ge­ber für kapi­tal­in­ten­si­ve, sach­an­la­gen­rei­che Unter­neh­men mit sta­bi­len Cash­flows ist das deut­sche Ban­ken­sys­tem gut posi­tio­niert. Für die Finan­zie­rung der KI-Indus­trie ist es das nicht.


III. Die geo­gra­phi­sche Ver­tei­lung als Spie­gel von Finanzierungsstrukturen

Die glo­ba­le Ver­tei­lung der KI-Fir­men illus­triert die­se The­se auf Län­der­ebe­ne. Rund 700 der 1.246 erfass­ten Fir­men sit­zen in den USA, rund 250 in Chi­na. Der Euro-Raum folgt mit deut­li­chem Abstand. Das wirt­schaft­li­che Gewicht – gemes­sen als agg­re­gier­te Fir­men­be­wer­tung im Ver­hält­nis zum BIP – ist noch kon­zen­trier­ter: In Chi­ne­se Tai­pei über­steigt die kumu­lier­te Bewer­tung das dop­pel­te BIP, in den USA erreicht sie etwa BIP-Niveau. Für den Euro-Raum bleibt die­se Quo­te marginal.

Das spie­gelt nicht allein Unter­schie­de in Wirt­schafts­grö­ße oder For­schungs­in­ten­si­tät. Es spie­gelt vor allem unter­schied­li­che Tie­fe und Rei­fe der VC-Märk­te. Die USA ver­fü­gen über ein VC-Öko­sys­tem, das seit den 1970er-Jah­ren sys­te­ma­tisch auf­ge­baut wur­de – mit insti­tu­tio­nel­len Inves­to­ren (Pen­si­ons­fonds, Stif­tun­gen), einem dich­ten Netz von Gene­ral Part­ners mit Sek­tor-Exper­ti­se und einer Risi­ko­kul­tur, die Schei­tern als Lern­pro­zess begreift, nicht als Repu­ta­ti­ons­ri­si­ko. Chi­na hat in den 2010er-Jah­ren staat­lich gesteu­er­te VC-Struk­tu­ren auf­ge­baut, die die­se Funk­ti­on par­ti­ell sub­sti­tu­ie­ren. Euro­pa und ins­be­son­de­re Deutsch­land haben bei­des nur in Ansätzen.

Ein wei­te­rer Befund der Stu­die ist in die­sem Zusam­men­hang auf­schluss­reich: KI-Fir­men zei­gen einen aus­ge­präg­ten Home Bias – mehr als 30 % der Deals erfol­gen im eige­nen Rechts­raum. Gleich­zei­tig inves­tie­ren KI-Fir­men fast aller Län­der – mit der signi­fi­kan­ten Aus­nah­me Chi­nas – stark in US-ame­ri­ka­ni­sche Ziel­un­ter­neh­men. Wer kein eige­nes dich­tes KI-Inves­ti­ti­ons­öko­sys­tem hat, wird zum Kapi­tal­ex­por­teur in das US-Sys­tem. Das gilt für euro­päi­sche insti­tu­tio­nel­le Inves­to­ren, aber struk­tu­rell auch für jun­ge euro­päi­sche KI-Fir­men, die für ihre Wachs­tums­run­den auf US-VCs ange­wie­sen sind.


IV. Spe­zia­li­sie­rungs­struk­tur: Was der Euro-Raum kann – und was nicht

Die Stu­die dif­fe­ren­ziert nicht nur nach Anzahl und Bewer­tung, son­dern nach der Posi­ti­on in der KI-Wert­schöp­fungs­ket­te. Das Ergeb­nis für den Euro-Raum ist: Schwer­punkt auf Anwen­dungs­schicht, kaum Prä­senz bei Com­pu­te, Infra­struk­tur und Model­len. Das ist für sich genom­men kei­ne Schwä­che – Anwen­dungs­un­ter­neh­men kön­nen pro­fi­ta­bel sein und regio­na­len Mehr­wert schaf­fen. Aber es bedeu­tet eine struk­tu­rel­le Abhän­gig­keit von den vor­ge­la­ger­ten Schich­ten, die von US-ame­ri­ka­ni­schen und tai­wa­ne­si­schen bzw. korea­ni­schen Unter­neh­men domi­niert werden.

Aus Bank­stil-Per­spek­ti­ve ist dar­an bemer­kens­wert, dass die Anwen­dungs­schicht ten­den­zi­ell kapi­tal­ex­ten­si­ver ist als Com­pu­te und Infra­struk­tur – sie kommt mit weni­ger Capex aus, hat rasche­re Amor­ti­sa­ti­ons­zy­klen und ist damit theo­re­tisch auch bank­fi­nan­zie­rungs­kom­pa­ti­ble­re. Aber: Die Mar­gen­struk­tur ist schwä­cher, die Ska­lier­bar­keit begrenz­ter, und die Platt­form­ab­hän­gig­keit von US-ame­ri­ka­ni­schen Infra­struk­tur­anbie­tern erzeugt stra­te­gi­sche Vul­nerabi­li­tät, die sich in kei­ner Bilanz direkt abbildet.

Für das Kre­dit­port­fo­lio deut­schen Ban­ken heißt das: Sie finan­zie­ren mög­li­cher­wei­se das am stärks­ten expo­nier­te Seg­ment der KI-Ket­te – abhän­gig von US-Infra­struk­tur, unter Mar­gen­druck durch US-Platt­for­men, struk­tu­rell im Nach­teil gegen­über Anbie­tern mit ver­ti­ka­ler Integration.


V. Impli­ka­tio­nen für das Kre­dit­ge­schäft und die Risikowahrnehmung

Drei Beob­ach­tun­gen für das Bankstil-Publikum:

Ers­tens: Das klas­si­sche Kre­dit­ra­ting greift nicht. KI-Unter­neh­men in der Wachs­tums­pha­se haben oft nega­ti­ve ope­ra­ti­ve Cash­flows, hohe Bewer­tun­gen und gerin­ge Sicher­hei­ten­mas­sen. Kre­dit­in­sti­tu­te, die mit Stan­dard­rating-Model­len an die­se Fir­men her­an­tre­ten, wer­den ent­we­der sys­te­ma­tisch ableh­nen oder sys­te­ma­tisch falsch beprei­sen. Spe­zia­li­sier­te VC-Abtei­lun­gen, Cor­po­ra­te-Ven­ture-Vehi­kel oder Betei­li­gungs­ge­sell­schaf­ten – wie sie eini­ge Groß­ban­ken und Spar­kas­sen­ver­bän­de unter­hal­ten – sind der struk­tu­rell rich­ti­ge Ansatz, aber sie blei­ben mar­gi­nal im Ver­gleich zum US-VC-Markt.

Zwei­tens: Die Capex-Inten­si­tät ist unter­schätzt. In den USA stel­len KI-Fir­men rund 40 % der Bör­sen­ka­pi­ta­li­sie­rung, aber 23 % der gesam­ten Inves­ti­ti­ons­aus­ga­ben – über­pro­por­tio­nal zum Umsatz­an­teil von 13 %. Das reflek­tiert hohe Inves­ti­tio­nen in Rechen­zen­tren, Chips und Infra­struk­tur, finan­ziert pri­mär über Eigen­ka­pi­tal und Unter­neh­mens­an­lei­hen, nicht über klas­si­schen Bank­kre­dit. Für Ban­ken, die in die­sem Seg­ment aktiv sind, ist die Fra­ge der Refi­nan­zie­rung und der Risi­ko­ge­wich­tung die­ser Assets kei­ne akademische.

Drit­tens: Sove­reign-AI-Stra­te­gien sind finan­zie­rungs­po­li­ti­sche Doku­men­te. Die Stu­die lie­fert die empi­ri­sche Grund­la­ge, um natio­na­le KI-Stra­te­gien auf ihre Finan­zie­rungs­rea­li­tät hin zu prü­fen. Vie­le euro­päi­sche Ansät­ze set­zen auf öffent­li­che För­de­rung (KfW, EIF, staat­li­che Rechen­zen­trum­in­ves­ti­tio­nen) als Ersatz für feh­len­de VC-Tie­fe. Das kann Lücken schlie­ßen, aber es ver­än­dert nicht die insti­tu­tio­nel­le Kon­fi­gu­ra­ti­on, die lang­fris­tig für die Ent­ste­hung von KI-Fir­men ent­schei­dend ist: ein pri­va­tes Risi­ko­ka­pi­ta­l­öko­sys­tem mit lan­gen Inves­ti­ti­ons­ho­ri­zon­ten, sek­to­ra­ler Exper­ti­se und Exi­t­op­tio­nen durch liqui­de Kapitalmärkte.


Die Stu­die misst kei­ne Schuld und benennt kei­ne Ver­säum­nis­se. Sie kar­tiert Struk­tu­ren. Für Ban­ken, Auf­sichts­be­hör­den und Finan­zie­rungs­öko­no­men ist das Ergeb­nis den­noch instruk­tiv: Die Geo­gra­phie der KI-Indus­trie ist nicht zufäl­lig – sie folgt der Geo­gra­phie der Risi­ko­ka­pi­tal­märk­te. Wer die­se Kar­te igno­riert, plant an der insti­tu­tio­nel­len Rea­li­tät vorbei.

Ralf Keu­per