Was sich die­ser Tage zwi­schen Mai­land und Frank­furt abspielt, folgt kei­ner Über­nah­me­lo­gik im klas­si­schen Sin­ne. Es folgt einem Dreh­buch, das Carl Icahn in den 1980er Jah­ren geschrie­ben hat—und das Andrea Orcel mit euro­päi­scher Ele­ganz, aber unver­än­der­ter Mecha­nik aufführt.

Der Reu­ters-Bericht vom 15. Juni mar­kiert den Über­gang in einen neu­en Akt. Bis­her war das Sze­na­rio: stil­le Akku­mu­la­ti­on, Schwel­len­über­schrei­tung, öffent­li­cher Druck. Jetzt kommt die Eska­la­ti­ons­stu­fe hin­zu, die das Play­book eigent­lich erst voll­stän­dig macht: die Dro­hung mit dem Auf­sichts­rat als Hebel.


Die Haupt­ver­samm­lungs-Dro­hung als Board­room Raid

Der ent­schei­den­de Schritt im aktu­el­len Akt ist die impli­zi­te Dro­hung mit der Haupt­ver­samm­lung. UniCre­dit for­mu­liert es juris­tisch prä­zi­se, aber die Bot­schaft ist unzwei­deu­tig: Wenn wir auf der HV eine ein­fa­che Mehr­heit haben, kön­nen wir alle Anteils­eig­ner­ver­tre­ter im Auf­sichts­rat wählen—und der Auf­sichts­rat bestellt den Vorstand.

Das ist der klas­si­sche “board­room raid”. Icahn wand­te ihn bei TWA, Texa­co und Moto­ro­la an: Man akku­mu­liert genug Stimm­rech­te, um das Board zu desta­bi­li­sie­ren oder umzu­be­set­zen, ohne eine voll­stän­di­ge Über­nah­me durch­zu­füh­ren. Der Vor­stand wird nicht durch ein höhe­res Ange­bot besiegt, son­dern durch insti­tu­tio­nel­len Druck auf sei­ne eige­ne Legitimationsgrundlage.

Bei typi­scher HV-Prä­senz liegt die rela­ti­ve Mehr­heit für UniCre­dit bereits in greif­ba­rer Nähe. Die Bundesregierung—zweiter Groß­ak­tio­när mit zwölf Prozent—hat for­mal das Recht, zwei Auf­sichts­rä­te zu nomi­nie­ren. Aber gewählt wer­den müs­sen sie nicht. Die­se struk­tu­rel­le Lücke ist im Reu­ters-Bericht expli­zit benannt—was bedeu­tet: Sie ist auch UniCre­dit bekannt und wird kal­ku­liert eingesetzt.


Orlopps Dilem­ma: Abwehr oder Verhandlung?

Bet­ti­na Orlopp sagt, das Ange­bot sei “öko­no­misch irra­tio­nal”. Sie hält das Ange­bot für zu nied­rig und nennt als Bedin­gung für Gesprä­che eine Prä­mie auf den Akti­en­kurs. Gleich­zei­tig erklärt sie sich gesprächsbereit.

Das ist kein Widerspruch—es ist das klas­si­sche Dilem­ma des Manage­ments unter Acti­vist-Druck. Wer sich voll­stän­dig ver­wei­gert, ris­kiert den Ver­trau­ens­ver­lust bei den eige­nen Aktio­nä­ren. Wer zu früh ver­han­delt, legi­ti­miert den Druck. Der Mittelweg—konditionierte Gesprächsbereitschaft—ist insti­tu­tio­nell ver­ständ­lich, aber stra­te­gisch hei­kel: Er signa­li­siert, dass der Wider­stand letzt­lich trans­ak­tio­nal auf­lös­bar ist. Icahn wuss­te das. Orcel weiß das.

Dass Orlopp die UniCre­dit-Ankün­di­gung als “nicht ide­al” bezeich­net und auf die Ver­läss­lich­keit von Zusa­gen ver­weist, zeigt außer­dem, dass die Com­merz­bank-Füh­rung die eigent­li­che Schwä­che der Situa­ti­on kennt: Ver­trau­en lässt sich im lau­fen­den Über­nah­me­kampf nicht auf­bau­en. Es kann nur mobi­li­siert werden—bei Aktio­nä­ren, bei Arbeit­neh­mern, beim Staat.


Der Unter­schied: Die poli­ti­sche Variable

Das Icahn-Dreh­buch sieht in sei­ner rei­nen Form kei­nen Staat als Aktio­när vor. Hier liegt der struk­tu­rel­le Unter­schied zum ame­ri­ka­ni­schen Modell.

Die Bun­des­re­gie­rung hält zwölf Prozent—nicht aus stra­te­gi­schen Grün­den, son­dern als Resi­du­um der Finanz­kri­se. Ihre Hal­tung war bis­her defen­siv: Sie will kei­ne Über­nah­me, hat aber kein Mit­tel, sie zu ver­hin­dern, ohne juris­ti­sche Eska­la­ti­on zu ris­kie­ren. UniCre­dit kal­ku­liert offen­bar, dass Ber­lin letzt­lich nicht zum äußers­ten Mit­tel greift—und dass eine ein­fa­che HV-Mehr­heit auch gegen zwei nomi­nier­te Staats­ver­tre­ter im Auf­sichts­rat ausreicht.

Das macht das Dreh­buch hier kom­pli­zier­ter als das Ori­gi­nal. Aber es ändert die Grund­me­cha­nik nicht. Orcel muss den Staat nicht überzeugen—er muss ihn neu­tra­li­sie­ren. Und Neu­tra­li­sie­rung bedeu­tet: Die poli­ti­schen Kos­ten einer Eska­la­ti­on wer­den höher als die Kos­ten des Nachgebens.

Ob das gelingt, ist offen. Dass es ver­sucht wird, ist nicht mehr zweifelhaft.

Ralf Keu­per