Strategische Wendepunkte im Banking: Die Warnsignale wurden zu lange ignoriert

Von Ralf Keuper

Die größten Gefahren einer Branche sind Selbstzufriedenheit und der Glaube an die eigene Unabkömmlichkeit. Die Zukunft wird als Fortsetzung der Gegenwart interpretiert, hin und wieder von der einen oder anderen Unwucht begleitet; am eigenen Status vermag der Lauf der Geschichte indes nicht zu rütteln. Mitbewerber kommen und gehen, Technologien werden, sofern nötig, adaptiert, der Zeitgeist wird wohlwollend zur Kenntnis genommen, die Kontakte zur Politik und Lobbyismus sorgen dafür, dass sich Veränderungen in der äußeren Umwelt, die für andere Unternehmen und Privatpersonen existenzbedrohend sein mögen, weitestgehend außen vor halten lassen.

Eine solche Haltung führt mit der Zeit dazu, dass Wendepunkte, welche die eigene Rolle sowie lieb gewordene Vorstellungen infrage stellen, geflissentlich übersehen oder aber uminterpretiert werden. Demgegenüber war Andy Grove, langjähriger Chef von Intel, davon überzeugt, dass eine gewisse Paranoia nützlich sei, um nicht in Selbstgefälligkeit zu verfallen.

Für die Diagnose empfiehlt Grove in seinem Buch Nur die Paranoiden überleben den Bedingungsrahmen des eigenen Geschäfts fortlaufend zu überprüfen. Drei Fragen sind für ihn dabei zentral:

  1. Ändert sich ihr Hauptkonkurrent?
  2. Ändert sich etwas bei dem Hauptanbieter von Komplementärprodukten? (Branchenstruktur)
  3. Haben ihre Kollegen und Mitarbeiter nicht mehr alles im Griff? d.h. haben Sie den Kontakt zum Markt und den Kunden verloren?

Zu 1) Hauptkonkurrenten der Banken sind die großen digitalen Plattformen wie Google, Apple, Amazon, Alibaba, Tencent, SoftBank, Samsung, facebook, Baidu & Co, die mittels ihrer Hardware, Software und sozialen Netzwerken einen Lock-In-Effekt erzeugen und die Kunden auch mit Bankservices bespielen können. Mit z.T. deutlichen Abstrichen folgen die diversen Fintech-Startups und Paypal.

Zu 2) Die Branchenstruktur hat sich insofern gravierend gewandelt, als dass Bankservices von mehr oder weniger branchenfremden Anbietern als einer von mehreren offeriert werden können. Die neuen Mitbewerber verfügen über einen Daten- und Informationsstand, der den der Banken deutlich übertrifft und die Banken in ihrer angestammten Rolle als Finanz- und Informationsintermediäre weitestgehend obsolet machen. Sollten sich die Blockchain-Technologie und digitale Währungen im Banking durchsetzen, ist die Rolle der Banken als Finanz- und Informationsintermediäre weitgehend Geschichte.

Zu 3) Der Kontakt der Banken zu den Kunden, die sich überwiegend im Internet mittels Smartphone und sozialen Netzwerken bewegen, ist über die Jahre deutlich lockerer geworden; z.T. ist er verloren gegangen. Der Markt, wie im Bereich IoT, entwickelt sich an den Banken vorbei. Den intensivsten Kontakt haben inzwischen die großen Plattformen, die alles aus einer Hand anbieten können.

Fehlschläge häufen sich

Bei dem Versuch, verloren gegangenen Boden wieder gut zu machen, haben die Banken in der jüngeren Zeit ausschließlich Rückschläge erlitten; allen voran Paydirekt. Das Thema digitale Identitäten dürfte sich erledigt haben, da die Branche sich auf keinen einheitlichen Standard festlegen konnte oder wollte. Initiativen wie Yomo sind auf dem Abstellgleis gelandet. Der Bereich Payments droht demnächst ganz an Paypal, Amazon, Google, Apple und die diversen Messagingdienste verloren zu gehen.

Warnhinweise in der Vergangenheit

An entsprechenden Hinweisen hat es in der Vergangenheit nicht gefehlt – auch aus den eigenen Reihen. In den 1980er Jahren gab der damalige Deutsche Bank – Vorstand Eckhart van Hooven zu Protokoll, dass die Banken sich in “gigantische Kommunikationsunternehmen” wandeln müssten. Wesentliche Funktion einer Bank sei es, zuverlässige Daten zu kommunizieren, also Auskunft zu geben über alles, was den Umgang mit Geld betrifft (Vgl. dazu: Financial Services: Als der Warenhauskonzern Sears Roebuck in das Stammgeschäft der Banken drängte).

Im Jahr 1986 gaben die mm-Autoren Günter Heismann und Stefanie von Viereck die Warnung aus:

Sollte die Automation so rasch vorangetrieben werden, dass das Know-how des Bankfachmannes zweitrangig wird, hätten Elekronikkonzerne und Softwarehäuser beträchtliche Chancen, dem Kreditgewerbe durchaus lukrative Segmente des Stammgeschäftes streitig zu machen.

Zu dem Zeitpunkt lag das (kommerzielle) Internet noch in der Zukunft; Google, Amazon und facebook sollten erst etliche Jahre später gegründet werden.

Technologieplattformen tauchten bereits 2000 auf dem Radar auf

Von Technologieplattformen und der Rolle, die sie auch im Banking übernehmen könnten, war bereits, soweit ich recherchieren konnte, um das Jahr 2000 die Rede.

In der Studie The Norwegian Financial Services Industry schrieben die Autoren:

The financial services in the future must be an integral part of the new Internet economy, which calls for the swift creation of value added services. This means heavy emphasis on the development of expertise and new technology. Customer relations will also become more important in a world where global competition challenges customer loyalties in every dimension. Multiplicity is becoming more important than imitation, differentiation is becoming more important than size, and strong branding and reputation is becoming important competitive parameters.

Einige Zeilen zuvor ist zu lesen:

 The great challenge for financial companies is to find their place in the new global world of electronic commerce. While some smaller and specialized firms may focus on any one of the financial verticals, the future for large-scale retail financial service providers is to offer a web-based hub that will include a complete range of products and services.

Das entspricht in etwa dem, was heute unter Banking as a Plattform bekannt ist.

Die größte Veränderung für die Branchenstruktur, so die Autoren damals, könnte von common technological platforms ausgehen (Hervorhebungen RK):

The driving force behind this trend is the convergence of different markets as a consequence of a common technological platform or infrastructure to offer products, caused by technological development. Typically, this infrastructure consists of different physical networks that are connected; like computer networks, telecommunication networks, broadcasting networks, electricity networks, etc. This implies that corporations connected to such networks have the opportunity to offer all kinds of products and services that can be transferred through these networks. Thus, the biggest challenge for the “traditional” financial corporations is to cope with the competition from new none-financial actors that will offer financial services, provide market positions in the new electronic financial markets, and to adapt one’s strategic market and structural thinking to conglomerate formations.

Banken für die digitale Ökonomie nicht mehr relevant

Der Befund trifft mittlerweile zu: Die Banken sind kein integraler Bestandteil der digitalen Ökonomie. Die relevanten Technologie-Plattformen in der digitalen Ökonomie sind in den Händen branchenfremder Mitbewerber, für die das Bankgeschäft nur eines von vielen – und nicht einmal das profitabelste- ist. Die wichtigsten Industrie- und Technologiestandards werden ebenfalls von den großen Technologiekonzernen gesetzt, die darüber hinaus noch über das dominante Design verfügen. Zu glauben, die Banken könnten über die Etablierung eigener Technologieplattformen ihre alte Bedeutung zurückzugewinnen, ist angesichts der beschriebenen Entwicklungen sowie der aktuellen Branchenstruktur und mit Blick auf die Expertise der Banken in dem Bereich bestenfalls noch Wunschdenken, das aus z.T. nachvollziehbaren Gründen von Beratern und Medienvertretern genährt wird. Der Rückstand ist jedoch schon zu groß.

Die Warnhinweise, die strategische Wendepunkte wurden zu lange ignoriert. Die Banken haben sich – schlafwandlerisch – aus dem Markt manövriert.

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