Strategische Wendepunkte im Banking #3

Von Ralf Keuper

In den vergangenen Jahrzehnten sind nur sehr wenige Bücher veröffentlicht worden, deren Prognosen/Annahmen sich als so treffsicher erwiesen haben, wie in Der Zukunftsschock von Alvin Toffler aus dem Jahr 1970. 

Hervorgerufen wird der Zukunftsschock durch neue Technologien, die in immer kürzeren Abständen die Gesellschaft durchdringen.

An diesem Punkt, in dieser Phase befindet sich auch die Bankenbranche. Die neuen Ideen lauten u.a. Collaboration, Community und Mobile. In der Praxis angewendet werden diese Ideen in den sozialen Netzwerken wie überhaupt im Internet, wo ständig neue Ideen auftauchen, z.B. durch FinTech Startups oder neue Geschäftsmodelle wie Crowdfunding. Das Netz fungiert dabei als Verstärker. 
Wie Steven Johnson in Wo gute Ideen herkommen. Eine kurze Geschichte der Innovation schreibt, hat das Internet die alte Faustregel, wonach Innovationen insgesamt 20 Jahre benötigten, um sich durchzusetzen (10/10 Regel, z.B. Videorecorder, HDTV) auf 2 Jahre (1/1 Regel) verändert.  

Dieser Prozess ist kaum aufzuhalten. 

Das eigentliche Dilemma der Banken besteht nun darin, dass sich die Überlagerung der Kulturen, von der Toffler spricht, durch die Organisation, die IT-Landschaft und das Personalmanagement zieht. Besonders deutlich treten diese Zeitschichten (Reinhard Kosselleck) in der Bank-IT hervor.  Keine andere Schicht der Bank-IT repräsentiert (zwangsläufig) die Vergangenheit so sehr wie das Back End, insbesondere die Kernbankensysteme.  

Organisationen, IT-Landschaften und das Personalmanagement in den Banken und Sparkassen sind für eine vergleichsweise lange Zeitspanne und nicht auf rasche Vergänglichkeit ausgelegt. Die Vorläufigkeit aller Lösungen, Produkte wie auch Organisationsformen ist in Zukunft, und eigentlich schon jetzt, aber die Regel und nicht die Ausnahme, wie der polnisch-britische Soziologe Zygmut Baumann nicht ohne Bedauern feststellt

Nach Baumann scheint unsere Zeit nichts mehr zu fürchten, als dass aus einer Episode eine Epoche wird. 

Diese Gefahr sieht Steven Sinofsky nicht, wie er u.a. in seinem Beitrag ‘Continious Productivity’ and the Next Generation of Work and Tools for Work. darlegt, allerdings ohne dabei auf Baumann Bezug zu nehmen. Die Aussagen Sinofskys könnten sich als ebenso so zutreffend erweisen, wie die Tofflers vor nunmehr über vierzig Jahren. 

Ist das Arbeitsumfeld der Menschen heute in den meisten Fällen noch von Unterbrechungen (Auftragszyklen, Meetings, zeitraubende Abstimmungsverfahren) also episodisch geprägt, wird in Zukunft kontinuierlich gearbeitet.

In dieselbe Richtung zielt der Beitrag Design and the Coming Iceberg von Mark Rolsten (frog design). Die klassische Produktentwicklung, die ein Produkt erst dann ausliefert, wenn es komplett ist, weicht einer kontinuierlichen, gemeinschaftlichen Arbeit am Produkt, an der Lösung, weit über den Zeitpunkt der Auslieferung hinaus.

Ein ständiger Fluss an Ideen, Produkten und Features bricht sich in immer kürzeren Abständen Bahn. Mit den bestehenden Organisationsformen ebenso wenig wie mit schrittweisen Veränderungen, wird dieser Wandel, so er denn so oder so ähnlich eintritt, in den Banken kaum zu bewältigen sein. Ein Zukunftsschock wäre die Konsequenz. Monolithische Blöcke oder Inseln werden der Brandung über kurz oder lang nicht standhalten können.

Die verschiedenen Schichten (in der Sprache der Bank-IT: Front End, Middleware und Back End) werden sich langsam voneinander abkoppeln, dafür sorgen allein schon die regluatorischen Anforderungen, die die Banken zunehmend in Fesseln legen. Auf diese Weise könnten wir dann doch ein Trennbankensystem bekommen – allerdings in anderer Form, als mit diesem Begriff derzeit noch assoziiert wird. 

Steven Sinofsky erwähnt in seinem Essay auch eine Episode, die Andy Grove in dem Buch Nur die Paranoiden überleben. Strategische Wendepunkte vorzeitig erkennen, geschildert hat. Zu seiner Überraschung stellte Grove bei einem Werksbesuch in Oregon fest, dass einige Mitarbeiter den radikalen Schwenk in der Unternehmensstrategie von Intel, weg von den Halbleitern/Speicherchips hin zu Mikroprozessoren,  erleichtert aufnahmen.

Allerdings ist nicht von der Hand zu weisen,  dass Beschleunigung und technologischer Wandel zum reinen Selbstzweck werden können, woran auch Toffler erinnert. Das wäre ein weiterer, der eigentliche Zukunftsschock.

Das geht weit über Fragen des Banking hinaus ..

Weitere Informationen:


Strategische Wendepunkte im Banking #1


Strategische Wendepunkte im Banking #2


Zukunft von Führung: kompetent, kollektiv oder katastrophal? (Peter Kruse)

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