“small money – Big Impact. Mikrofinanz: Leben ohne Armut” von Peter Fanconi und Patrick Scheurle

Von Ralf Keuper

Noch immer ist die Armut in der Welt weit verbreitet und hindert die Menschen daran, ein Leben führen zu können, das weitgehend frei ist von Krankheit, Hunger und materiell bedingten Beeinträchtigungen der persönlichen Freiheit. Ein Punkt, auf den Peter Fanconi und Patrick Scheurle in ihrem Buch small money – Big Impact. Mikrofinanz: Leben ohne Artmut gleich zu Beginn hinweisen.

Armut verhindert eine ausreichende Nahrungsaufnahme, ruft Hungersnöte hervor und gefährdet somit die Gesundheit der Menschen. Wer in Armut lebt, ist anfällig für Krankheiten, hat kaum Bildungsmöglichkeiten, und besonders Frauen sind oft Opfer von physischer und psychischer Gewalt. 

Dagegen gibt es zwar noch immer kein “Patentrezept”, jedoch steht mit der Mikrofinanz seit einiger Zeit ein Mittel zur Verfügung, dessen nachhaltige Erfolge nach Ansicht der Autoren nicht mehr zu übersehen sind. Bekannt wurde das Konzept der Mikrofinanz durch die von Muhammed Yunus im Jahr 1983 gegründete Grameen Bank
Mikrofinanzinstitute
Durch die Vergabe von Kleinkrediten an Menschen, die bisher keinen Zugang zum Finanzsystem hatten, soll nicht nur das Leben der einzelnen, sondern auch das der Gesellschaft als Ganzes dauerhaft verbessert werden. Auf einen gemeinsamen Nenner gebracht, lassen sich Mikrofinanzinstitute wie folgt beschreiben:

Als MFI im engeren Sinne werden daher formelle und halbformelle Finanzdienstleister bezeichnet, deren Hauptzweck in der Bereitstellung von Finanzdienstleistungen im unteren Marktsegment liegt. 

Bandbreite der Mikrokredite
Als Beispiele für die Bankbreite des Mikrokredits bringen die Autoren u.a. das Tameer Karobar Loan und das Agri Group Loan: 

Der Tameer Karobar Loan ist ein massgeschneidertes Darlehen für Mikrounternehmer, um Umlaufvermögen zu finanzieren oder Investitionen zu tätigen. Das Darlehen wir zu gleich hohen Raten auf monatlicher Basis zurückgezahlt. Da dieser Kredit monatliche Rückzahlungen beinhaltet ist er nur für Kleinstunternehmer geeignet, die mit ihrem Geschäftsmodell regelmässige Zahlungsflüsse erzeugen können. Ein Beispiel hierfür wäre ein Mikrounternehmer, der in der Stadt wohnt und einen Friseursalon besitzt. Im Optimalfall kann er durch den regelmäßigen Besuch von Kunden jederzeit seine Verbindlichkeiten abtragen.

An Landwirte in Pakistan, deren Geschäft saisonalen Schwankungen unterliegt, wendet sich dagegen das Agri Group Loan:

Im Unterschied zum Tameer Karobar Loan erfolgt beim Agri Group Loan eine regelmäßige Rückzahlung des gesamten Kreditbetrages inklusive Zins am Ende der Laufzeit. Während der Laufzeit werden keine Zahlungen geschuldet. Diese entspricht den Bedürfnissen der Landwirte, da der Zeitraum zwischen Saat und Ernte mehrere Monate dauert und erst beim Verkauf Zahlungsflüsse generiert werden. 

Refinanzierung der MFI 

Bei der  Refinanzierung der Mikrofinanzinstitute wird zwischen Tier-1-, Tier-2 und Tier-3-Instituten unterschieden. Während Tier-1-Institute Banken sind, die sich durch Spareinlagen, Kredite und Eigenkapital finanzieren, stehen Tier-2-Institute vor der Umwandlung in ein Tier-1-Institut, d.h. sie finanzieren sich bereits aus Krediten, Eigenkapital und Spareinlagen. Die meisten Mikrofinanzinstitue (70%) fallen jedoch unter die Kategorie der Tier-3-Institute. Kennzeichnend dafür ist:

Bei Tier-3-Instituten handelt es sich einerseits um MFI, die an der Schwelle zur Profitabilität stehen, jedoch noch nicht über die dafür notwendigen Mittel verfügen. 

Mikrofinanz-Anlagefonds

Letztendlich wollen und müssen auch MFI Gewinne erzielen, um am Markt bestehen zu können. Um für Investoren ein lohnendes Anlageziel zu sein, sind die MFI darauf bedacht, durch Transparenz und Regulatorik das Vertrauen der Geldgeber zu gewinnen. 
Anleger haben über diverse Mikrofinanz-Anlagefonds die Möglichkeit, von diesem Marktsegment zu profitieren. Institutionelle Investoren, wie Pensionskassen oder Versicherungen, schätzen, so die Autoren, die stabile Rendite und die überdurchschnittlichen Diversifikationseigenschaften. Hauptmotivation für ein finanzielles Engagement in Mikrofinanz ist, so jedenfalls eine Untersuchung von BlueOrchard und der Universität Zürich, Soziale Verantwortung, gefolgt von Profitabilität, Diversifikation und Soziale Rendite.
Social Performance Management
Letztere vor allem ist Gegenstand des Social Performance Managements. Die Autoren schreiben dazu:

Social Performance wird definiert als die Umsetzung einer sozialen Mission in die alltäglichen Tätigkeiten der zugrunde liegenden Institutionen. Social Performance muss daher bereits bei den internen Prozessen eines MFI ansetzen um soziale Parameter und Messgrößen zu definieren und zu skalieren. 

Hier stehen mittlerweile zahlreiche Verfahren und Standards zur Verfügung, wie die Universal Standards of Social Performance Management (USSPM). Zu den Tools, die häufig auf dem USSPM basieren, zählen u.a. die CERISE Social Performance Indicators. Die Ergebnisse der Mikrofinanz werden darüber hinaus noch mit dem Progress out of Poverty Index (PPI) ermittelt. 

Krisenfest und zukunftsorientiert 
Mikrofinanz ist, wie bereits erwähnt, ein Geschäftsmodell, das auf Gewinnerzielung basiert, weshalb Muhammad Yunus sagt:

Mikrofinanz ist keine Wohltätigkeit. Sie ist ein Geschäft: ein Geschäft mit dem sozialen Ziel, den Ärmsten aus ihrer Armut zu helfen.

Es versteht sich von selbst, dass aus Sicht der Autoren die Bilanz der Mikrofinanzierung überaus positiv ist. Die Gesellschaft profitiert von der Mikrofinanz durch die Schaffung von Arbeitsplätzen, durch den Zugang zu Bildung für breite Bevölkerungsschichten sowie eine verbesserte Gesundheitsversorgung. 
Weiteren Auftrieb erhoffen sich die Autoren nicht zuletzt durch den technologischen Fortschritt, derzeit verkürzt als Digitalisierung bezeichnet:

Neue Technologien, schneller Fortschritt und Innovationen werden von denjenigen Unternehmen stammen, die frei von Altlasten sind. Von dieser Entwicklung profitieren nicht zuletzt auch die Mikrounternehmer, die schneller und günstiger Kredite erhalten.

Diese Sicht dürften einige FinTech-Startups teilen.  
Ein weiterer, aus dem Blickwinkel der Investoren und der Gesellschaft als Ganzes betrachtet, Vorteil der Mikrofinanz ist ihre Krisenresistenz. Selbst in der Finanzkrise von 2007/2008 waren die MFI von einem Rückzug der Investoren nicht betroffen. Zur Begründung schreiben die Autoren:

Sie sind meist auf sehr lokalen Märkten tätig, die mehr von der regionalen Politik, Wirtschaft und von den lokalen Naturkatastrophen abhängen, als von Zyklen anderer, weltwirtschaftlich dominanter Länder. 

Als Bonmot stellen die Autoren ein Zitat von Joseph Schumpeter voran:

Während der Herr (Realwirtschaft) gleichmässigen Schrittes seien Weg geht und sich von nichts ablenken lässt, was es beim Spaziergang rechts und links zu sehen gibt, reagiert der Hund (Finanzwirtschaft) sensible auf Einflüsse der Umwelt und springt seinem Herren mal voran, mal bleibt er hinter ihm zurück.

Fazit
Die Frage, ob Mikrofinanz ein Allheilmittel für die Bekämpfung der Armut ist, wird seit Jahren kontrovers diskutiert. In der Vergangenheit hat es an (scharfer) Kritik nicht gefehlt: 
Immer wieder tauchen Untersuchungen auf, welche die Wirksamkeit von Mikrofinanz infrage stellen:
Selbst führende Vertreter der Mikrofinanz warnen vor übertriebenen Erwartungen, wie Ben Simmes von Oikocredit International in einem Interview:

Darüber hinaus müssen wir anerkennen, dass Mikrofinanzierung nur eines von vielen Werkzeugen ist. Wenn es richtig eingesetzt wird, können arme Menschen es nutzen, um ihren Lebensunterhalt nachhaltig zu verbessern und zu sichern. Aber Mikrofinanz hilft nicht in jeder Situation. Ein Kleinunternehmer, der gerade über die Runden kommt, braucht häufig keinen Kredit, sondern eine Schulung in Finanzfragen oder eine praktische Weiterbildung in seinem Geschäftsfeld. Ein Kleinbauer braucht vielleicht zunächst einen fairen Zugang zu einem Markt, um seine Erzeugnisse verkaufen zu können. Hier bieten Bildungsprojekte und Genossenschaften oft wichtige Ansätze.

Die Einschätzung erscheint mir zutreffend und ausgewogen. Mikrofinanz ist nicht das Allheilmittel; richtig dosiert und auf die Situation angepasst, kann es zur Bekämpfung der Armut beitragen. Brisant wird die Entwicklung dann, wenn der Kapitalmarkt Mikrofinanz als Anlageklasse bevorzugt und die Renditeerwartungen hoch schraubt. Ob die verschiedenen Regulatorien und Standards einer Goldgräberstimmung vorbeugen können? 
Das Verdienst der Autoren besteht darin, die verschiedenen Strömungen im Bereich MFI aus Sicht des Finanzmarktes übersichtlich zusammengestellt zu haben. Dabei argumentieren sie plausibel und logisch stringent. Kritikpunkte werden aufgegriffen, wie z.B. die Frage, ob es zu einem “Mission Drift” in Form höherer durchschnittlicher Kredite gekommen ist:

Höhere Durchschnittskredite können durchaus auch positive Aspekte haben. Zum einen kann es sein, dass anfängliche Kleinstkreditnehmer ihre Geschäftsaktivitäten zügig ausgebaut haben und ihre Kreditlimiten im Laufe der Jahre steigen. In diesen Fällen macht es keinen Sinn, wenn ein MFI eine funktionierende Geschäftsbeziehung beendet Zum anderen können auch makroökonomische Einflüsse den durchschnittlichen Betrag der Kredite erhöhen. Geht es einem Land wirtschaftlich besser – unter anderem auch wegen der Mikrofinanz -, werden die Kredite automatisch höher.

Alles in allem ein wichtiger und lesenswerter Diskussionsbeitrag, der eine bessere Orientierung ermöglicht, was nicht zwangsläufig heissen muss, alle Annahmen der Autoren zu teilen. Die weitere Entwicklung muss zeigen, ob und und inwieweit Mikrofinanz seinen Platz international behaupten und ausbauen kann. 
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