New Banking trifft Drei-Welten-Lehre (Karl Popper)

Von Ralf Keuper

Welche Wechselbeziehung besteht zwischen der materiellen und immateriellen Welt und wie wirkt sich das auf die Lebenswirklichkeit der Menschen aus? Diese Frage beschäftigt die Philosophen seit der Antike. In neuerer Zeit hat sich vor allem Karl R. Popper mit dem Thema beschäftigt. Ergebnis ist die sog. Drei-Welten-Lehre.

  • Welt 1: die physikalische Welt materieller Objekte, z. B. Berge, Autos, Häuser.
  • Welt 2: die mentale Welt subjektiver Bewusstseinsinhalte, z. B. Gedanken, Gefühle, Empfindungen.
  • Welt 3; die intersubjektive Welt intersubjektiver Ideen, z.B. mathematische  Sätze, Ideologien, die Drei-Welten-Lehre.

Beispiel Bauplan eines Hauses: Das erstellte Haus und der Bauplan sind Bestandteile der Welt 1. Die Vorstellungen, wie das Haus konkret gebaut und aussehen soll, sind Inhalte von Welt3, das Bewusstsein, die Psyche des Baumeisters, der mit seinen Mitarbeitern die Planungen umsetzt, ist Teil der Welt2 (in: Die “3 Welten – Theorie” – Karl Popper).

Übertragen auf das Banking:

  • Die Welt 1 wird repräsentiert durch (Bank-)Gebäude, IT-Infrastruktur/Hardware, Software, Banknoten, Formulare, Dokumente etc.
  • Die Welt 2 ist die mentale Welt der Mitarbeiter, Kunden, Bankenaufsicht, externe Partner, Medien/Öffentlichkeit etc.
  • Die Welt 3 setzt sich zusammen aus den Ideen, die gesellschaftlich eine hohe Relevanz haben, wie Kryptografie, Blockchain, Software- und IT-Architekturen, Künstliche Intelligenz, Connectivity, Theorien des Risikomanagements, Geldtheorien, Recht/Regulierung etc.

Wo müsste nun eine Bank ansetzen, um den Wandel in Folge von Veränderungen in der Welt 3 aufzufangen? Wie müsste sich die mentale Welt der Mitarbeiter, des Managements verändern? Welchen Einfluss haben Kunden und andere darauf? Was hat das wiederum für die Welt 1, die IT-Infrastruktur, Software, Filialen, GAAs usw. zur Folge?

Stand heute können wir beobachten, dass die Welt3 im Banking seit einiger Zeit von neuen Ideen, auch Hypes, beeinflusst wird. Es fällt zunehmend schwer, eine valide Auswahl zu treffen, d.h. den richtigen, dauerhaften Trend zu erkennen. Berater sind häufig keine allzu große Hilfe, da auch sie mit Veränderungen in “ihrer”relevanten Welt 3 zu kämpfen haben. Von den Medien ganz zu schweigen. Die Bankenaufsicht versucht, sich einen Reim auf die aktuellen Entwicklungen zu machen: Wie sollten Fintech-Startups behandelt werden, was könnte die Blockchain für die Bankenaufsicht bedeuten, wie können Algorithmen reguliert werden?

Sollten sich die Blockchain-Technologie, Digitale Währungen, Verfahren der Künstlichen Intelligenz (selbstlernenden Systeme, Robotic Process Automation, autonom handelnde Agenten) im Banking durchsetzen, was momentan wahrscheinlich ist, dann hat das z.T. gravierende Konsequenzen sowohl für die mentale wie auch für die physikalische Welt.

Wenn man so will, werden momentan die entscheidenden Schlachten auf der Ebene der Welt3 geschlagen. Ein Grund für das hohe Sendungsbewusstsein des Silicon Valley. Wer diese Ebene besetzt, die Deutungshoheit erringt, hat große Chancen, auch die Welt 2 und Welt 1 zu dominieren.

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