Luca Pacioli: Geistiger Vater der doppelten Buchführung

Von Ralf Keuper

Der italienische Mönch Luca Pacioli gilt allgemein als der „Erfinder“ der doppelten Buchführung. Einige halten ihn daneben für ein weithin unbekanntes Genie aus der Zeit der Renaissance, das man durchaus Leonardo da Vinci und anderen zur Seiten stellen kann bzw. darf.

Der Betriebswirtschaftsprofessor Bernhard Bellinger beschreibt die Leistung Paciolis mit den Worten:

Es gelang ihm, den gesamten quantifizierbaren Bereich kaufmännischer Tätigkeiten in ein abstimmbares, lückenloses und sogar praktikables System zu fassen. Sein Modell erlaubte es, nicht nur den wirtschaftlichen Stand und die Struktur einer Betriebswirtschaft zu jedem Zeitpunkt darzustellen, sondern auch deren Entwicklung in der Zeit wiederzugeben. Für den weiteren Aufstieg der Betriebswirtschaftslehre war diese wissenschaftliche Leistung von unschätzbarem Wert (Quelle: Algebra des Kapitals)

Besonders anschaulich beschreibt Winand von Petersdorff den Geniestreich Paciolis:

Die doppelte Buchführung unterschied sich von primitiveren Vorläufern dadurch, dass sie die verschiedenen Bücher der Kaufleute in einem System zusammenband. Die Unternehmer hatten für gewöhnlich ein Güterbuch, ein Buch für die Einnahmen und Ausgaben und ein Buch, das Verbindlichkeiten und Forderungen verzeichnete. All diese Bücher bildeten jeweils nur einen Ausschnitt der wirtschaftlichen Realität ab. Das Problem war aber, dass die Zahlenwerke eine schlechte Basis für den Kaufmann lieferten, sein Geschäft zu optimieren. Deshalb war die Zusammenbindung ziemlich revolutionär. Die doppelte Buchführung oder Doppik heißt so, weil jeder Geschäftsvorgang zweimal notiert wird. Der Barkauf eines Geschäftsautos findet seinen Niederschlag im Kassenkonto und im Fuhrparkkonto. Auch der Gewinn wird zweimal gemessen: als Ergebnis von Ertrag minus Aufwand und als Veränderung des Eigenkapitals (Quelle: Ein Kapitalist braucht eine Bilanz)

Fest steht, dass Pacioli als Erster die Doppelte Buchführung systematisierte, indem er die verstreuten Teile zusammenführte. Dabei war er von Haus aus Mathematiker. Das Tractacus XI. Particularis de computis et scripturis war nur ein Teil seines Hauptwerkes, der Summa de arithmetica geometria proportioni et proportionalita.

Großen Einfluss auf Paciolis Werdegang und Denken hatte seine Begegnung mit Pierro della Francesca, Leonardo da Vinci und Leon Battista Alberti. Leonardo da Vinci trug mit Illustrationen zu einem der Bücher Paciolis bei. Den größten Dank schuldet Pacioli aber wohl Pierro della Francesca.

Der Begründer der modernen Kunstgeschichte, Giorgio Vasari, war davon überzeugt, dass Pacioli ein Plagiator war:

Nur – außer der „Summa“ gibt es keinen Beleg dafür, daß Pacioli die doppelte Buchführung wirklich erfunden hat. Ein Fastzeitgenosse des Mathematikers, Giorgio Vasari, der erste ernstzunehmende Kunsthistoriker der Neuzeit, bezichtigte Pacioli sogar des Plagiats: Der Franziskaner habe sich das Werk seines Lehrers, des Malers und Mathematikers Piero della Francesca, nach dessen Tod angeeignet und als sein eigenes veröffentlicht (Quelle: Algebra des Kapitals)

Andere sind da in ihrem Urteil milder und sprechen von einem gelungenen Beispiel interdisziplinärer Zusammenarbeit (Collaboration, Sharing Ideas), wie sie typisch für die Renaissance gewesen sei.

Ein Vertreter von Microsoft, der in dem Film zu Wort kommt, führt den Erfolg des Tabellenkalkulationsprogramms des Unternehmens, Excel, auf die Erfindung Paciolis zurück. Und auch SAP ist wohl zu einigem „Dank“ verpflichtet.

In gewisser Weise schuf Pacioli die universelle Sprache der Geschäftswelt und legte damit einen Grundstein für den modernen Kapitalismus, wie nicht nur Werner Sombart glaubte.

Quellen und weitere Informationen:

Ein Kapitalist braucht eine Bilanz

Algebra des Kapitals

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