Informationstechnologie in Banken – vom Computer bis zum Internet of Me

Von Ralf Keuper

Die Informationstechnologie dient in den Banken in erster Linie der Produktion. In gewisser Hinsicht fallen hier Informations- und Fertigungstechnologie zusammen. Mit gutem Grund kann man die Informationstechnologie daher als den Lebensnerv der Banken bezeichnen. Ohne sie geht nichts.

Der Stellenwert der Informatik wird deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt , wie der Fertigungsprozess in Kreditinstituten aussieht. Dieser besteht typischerweise aus den vier Subprozessen Akquisition, Vereinbarung von Geschäften, Abwicklung von Geschäften und Bereitstellung von Informationen. Während der erste Subprozess der Herstellung der Leistungsbereitschaft zuzuordnen ist, dienen die folgenden drei Subprozesse der Endkombination der Bankleistungen. Jeder dieser Subprozesse wird – in unterschiedlichem Ausmaß – durch Informationssysteme unterstützt (Quelle: Informationstechnologie in Banken. Optimierung von Geschäftsprozessen. Hrsg. von Michael Rebstock, Günther Weber und Sabine Daniel).

Weiterhin heisst es:

Der Fertigungsprozess einer Bank besteht also im wesentlichen aus der Verarbeitung von Informationen. Auch ein Bankprodukt ist, als Ergebnis des Fertigungsprozesses, nichts anders als Information. Über die Qualität der gelieferten Information und den Komfort des Zugangs zu dieser Information differenziert sich die Bank im Wettbewerb. (Hervorhebung durch RK) Banken sind damit selbst Informationsverarbeiter und damit Teilnehmer in einer Schlüsselindustrie mit enormen Wertschöpfungspotential in einem innovativen Zukunftsmarkt. Die Informatik stellt das Nervensystem des Bankgeschäfts dar (ebd.).

Leavitt und Whisler führen 1958 den Begriff Informationstechnologie ein

Der Begriff Informationstechnologie wurde im Jahr 1958 von Harold Leavitt und Thomas Whisler in Management in the 1980’s eingeführt:

The new technology does not yet have a single established name. We shall call it information technology. It is composed of several related parts. One includes techniques for processing large amounts of information rapidly, and it is epitomized by the high-speed computer. A second part centers around the application of statistical and mathematical methods to decision-making problems; it is represented by techniques like mathematical programing, and by methodologies like operations research. A third part is in the offing, though its applications have not yet emerged very clearly; it consists of the simulation of higher-order thinking through computer programs.

Im Zentrum standen dabei die Effizienz und Entscheidungsunterstützung. Im letzten Satz klingen schon ein wenig die Themen Big Data und Künstliche Intelligenz durch.

Informationstechnologie erlangt strategische Bedeutung

Ein weiterer Meilenstein war der Beitrag How information gives you competitive advantage von Michael E. Porter und Victor E. Millar, der im Jahr 1985 erschien.

Die Informationstechnik durchdringt die Wertschöpfungskette an jedem Punkt und verändert radikal Wertschöpfungsaktivitäten und zwischen ihnen bestehende Verkettungen. Sie beeinflusst aber auch die Wettbewerbsbreite und die Art und Weise, wie ein Produkt die Wünsche eines Kunden befriedigt. Diese grundlegenden Effekte erklären, warum die Informationstechnik strategische Bedeutung hat und sich darin von vielen anderen Technologien für kommerzielle Anwendungen unterscheidet. (in: Informations-und Datentechnik, Harvardmanager, Band 1)

Zu dem Zeitpunkt diente die Informationstechnologie nicht mehr nur dem Zweck, die Effizienz zu steigern und die Entscheidungsprozesse zu unterstützen, sondern nahm selbst Einfluss auf das Wettbewerbsumfeld und die Branchenstruktur. Das führte in einigen Fällen dazu, dass die Eintrittsbarrieren für neu oder branchenfremde Anbieter zu sinken begannen. Mit dem Internet kam dieser Effekt erst richtig zum Tragen.

Produktionsfaktor Information hat für Banken die größte Hebelwirkung

Einige Jahre später griff der kürzlich verstorbene Arnold Picot die Klassifizierung von Porter und Millar in seinem Beitrag Der Produktionsfaktor Information in der Unternehmensführung auf. In seinem Informationsintensitäts-Portfolio konnte er zeigen, dass der Produktionsfaktor Information für die Banken die größte Hebelwirkung besitzt. Diese Hebelwirkung machen sich nun die branchenfremden Anbieter und einige Fintech-Startups zu Nutze.

John Diebold war m.E. der Erste, der das Potenzial der Informationstechnologie für die Wirtschaft am treffendsten einschätzte:

Die Informationstechnologie wird zunehmend zum Schlüsselfaktor für das Gedeihen der nationalen Wirtschaft. Ihr Einfluss macht sich in praktisch jedem Industrie- und Dienstleistungszweig bemerkbar.  .. Informationen werden gebraucht, wenn man Produkte entwerfen und Dienstleistungen erbringen will. Computer- und Kommunikationssysteme stellen die Instrumente zur Handhabung dieser Informationen dar (Quelle: Die Zukunft machen).

Banken sind davon in besonderer Weise betroffen:

Besonders in den informationsintensiven Bereichen – im Bankwesen, im Verlagswesen, Direct Mailing usw. – hat die Informationstechnologie die Wettbewerbsbedingungen verändert. Durch sie haben sich Produkte, Dienstleistungen und Märkte gewandelt. Diese Veränderungen sind so umfassend, dass sogar die Definition dieser Bereich in Frage gestellt werden muss. Von einem Repräsentanten der Citibank stammt beispielsweise das Zitat, dass sich sein Unternehmen aufgrund der intensiven Verfolgung neuer elektronischer Dienstleistungen “nicht mehr als Bank betrachte” (ebd.).

Insofern ist die heute vielfach zu vernehmende Forderung, Banken müssten sich in Technologie- oder Softwareunternehmen verwandeln, weder neu noch sonderlich originell.

Vom Internet über die Medien der Kooperation zum Internet of Me

Wie bereits erwähnt, hat das Internet die strategische Bedeutung der Informationstechnologie für alle Branchen erhöht. Neben der Medienindustrie hat das die Finanzindustrie besonders zu spüren bekommen. Die Markteintrittsbarrieren für neue und branchenfremde Mitbewerber sind z.T. deutlich gesunken. So wurde es möglich, dass sich Fintech-Startups auf bestimmte Teile der Wertschöpfungskette konzentrieren können und damit die Banken, häufig durch eine bessere User Experience, übertrumpfen können. Möglich wird der Erfolg der Fintech-Startups auch durch das Smartphone, das viele Funktionen einer klassischen Bank abdecken kann. Beispielhaft dafür sind die Mobilen Bezahlverfahren. Hier haben sich die großen Internetkonzerne bereits positioniert – allen voran Apple mit Apple Pay und Alibaba mit Alipay. Mobile Bezahlverfahren sind für Apple & Co. jedoch nur Mittel zum Zweck, um den Kunden einen ganzheitlichen Service bieten zu können und sie möglichst lange auf ihren digitalen Plattformen zu halten. Die Bezahldaten sind dabei von besonderer Bedeutung. Alles in allem verstehen es die digitalen Plattformen, die verschiedenen Medienkanäle zu kombinieren. Lange vor den Banken haben sie erkannt, dass sich, wie es Ströer-Chef Udo Müller kürzlich ausdrückte, die klassischen Medienkanäle auflösen. An ihre Stelle treten die Medien der Kooperation.

Aber auch das ist nur eine Zwischenstation. Die nächste wird m.E. das Internet of Me sein. Prägnant dafür ist der Satz:

The web itself is the only platform we need (David Siegel)

Künftig können sich die Nutzer ihr eigenes Dashboard erstellen, ohne dass es dabei noch von Belang ist, welche Programme, Betriebssysteme, Geräte und Diensteanbieter sich dahinter verbergen. Anders als heute, gilt das Prinzip:

Die Anwendung kommt zu den Daten

Demnächst könnte es heißen. Be your own bank. Damit wird auch deutlich, dass die Fintech-Startups in ihrer heutigen Form nur eine Zwischenlösung sein können.

Eigentlich geht es noch immer darum:

Über die Qualität der gelieferten Information und den Komfort des Zugangs zu dieser Information differenziert sich die Bank im Wettbewerb.

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Ein Kommentar zu Informationstechnologie in Banken – vom Computer bis zum Internet of Me

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