Das BIS hat im Okto­ber 2026 als BIS Papers No 175 die Stu­die „Money and the archi­tec­tu­re of trust” von Iña­ki Alda­soro (Mone­ta­ry and Eco­no­mic Depart­ment) ver­öf­fent­licht. Das Papier geht auf Dis­kus­si­ons­bei­trä­ge einer Prince­ton-Kon­fe­renz im Mai 2025 zurück und ist aus­drück­lich eine Ein­zel­mei­nung des Autors, nicht die offi­zi­el­le Posi­ti­on des BIS. Es steht in der Tra­di­ti­on der Kre­dit­theo­rien des Gel­des (Thorn­ton, Bagehot, Mit­chell-Innes, Schum­pe­ter, Min­sky) und stützt sich stark auf Per­ry Mehr­ling, den Öko­no­men, der das „Money View” geprägt hat.


Die Kern­the­se

Geld ist nach Alda­soro weder pri­mär Tausch­mit­tel noch Ware noch Tech­no­lo­gie, son­dern eine insti­tu­tio­nel­le Leis­tung: ein Sys­tem inein­an­der­grei­fen­der Zah­lungs­ver­spre­chen, getra­gen von Ver­trau­en. Die­ses Ver­trau­en im gro­ßen Maß­stab setzt eine bestimm­te Archi­tek­tur vor­aus: hier­ar­chi­sches Geld mit der Zen­tral­bank an der Spit­ze, elas­ti­scher Kre­dit, der durch Refi­nan­zie­rung dis­zi­pli­niert wird, und Back­stops, die die Fra­gi­li­tät eines Sys­tems aus Ver­spre­chen über eine unbe­kann­te Zukunft vergesellschaften.

Der Argu­men­ta­ti­ons­gang

Geld ver­sus Kre­dit. Aus­gangs­punkt ist die ein­zel­ne Zah­lung. Wer zah­len muss, muss zah­len kön­nen (Min­skys „sur­vi­val cons­traint”). Geld ist das, womit man eine Schuld begleicht; Kre­dit ist das Ver­spre­chen, es spä­ter zu tun. Dar­aus ergibt sich eine Hier­ar­chie: Zen­tral­bank­geld an der Spit­ze, dar­un­ter Bank­ein­la­gen (für die Öffent­lich­keit Geld, für das Ban­ken­sys­tem nur Kre­dit), dar­un­ter Wert­pa­pie­re und immer beding­te­re Ver­spre­chen. Der wich­tigs­te Preis im Sys­tem ist nicht das Preis­ni­veau, son­dern der Pari­preis: die Kon­ver­ti­bi­li­tät von Bank­ein­la­gen in Zen­tral­bank­geld zu eins. Par, so Alda­soro, hat kei­ne Nach­bar­schaft; ein Abschlag auf Ein­la­gen löst Runs aus, statt zu einem sta­bi­len Gleich­ge­wicht zu füh­ren. Gestützt wird Par durch Auf­sicht, Ein­la­gen­si­che­rung, Geld­markt­zu­gang und die Bereit­schaft der Zen­tral­bank, gegen Sicher­hei­ten zu len­den. Ver­tei­digt wird dabei der Preis, nicht die ein­zel­ne Bank.

Elas­ti­zi­tät ver­sus Dis­zi­plin. Ban­ken schaf­fen Kauf­kraft, indem sie Kre­di­te ver­ge­ben und im sel­ben Zug Ein­la­gen gut­schrei­ben („flux”). Ob die­ser Kre­dit dau­er­haft gehal­ten wird, ent­schei­den die Port­fo­li­oent­schei­dun­gen der Geld­hal­ter und der Preis der Refi­nan­zie­rung („reflux”). Im Boom flacht die Hier­ar­chie ab, weil Ver­bind­lich­kei­ten unter­schied­li­cher Qua­li­tät als nahe Sub­sti­tu­te behan­delt wer­den; im Abschwung steilt sie sich wie­der auf, und der Unter­schied zwi­schen Geld und Kre­dit tritt mit Wucht her­vor. Alda­soro folgt hier Haw­treys Gedan­ken der inhä­ren­ten Insta­bi­li­tät des Kre­dits: Kri­sen sind kei­ne Betriebs­un­fäl­le, son­dern ent­ste­hen aus dem nor­ma­len Funk­tio­nie­ren des Systems.

Pri­va­te Initia­ti­ve ver­sus öffent­li­che Vali­die­rung. Jeder kann Geld schaf­fen, das Pro­blem ist, es akzep­tiert zu bekom­men. Das his­to­ri­sche Mus­ter ver­läuft in drei Pha­sen: pri­va­te Inno­va­ti­on (Wech­sel, Gold­schmie­de­no­ten, Euro­dol­lar, Geld­markt­fonds), Kri­se, dann Vali­die­rung durch die Behör­den an der Spit­ze der Hier­ar­chie, ver­bun­den mit Regu­lie­rung und Auf­sicht. Vali­die­rung wirkt nur, wenn sie nicht zuge­si­chert ist; die Zen­tral­bank muss eine kon­struk­ti­ve Mehr­deu­tig­keit wah­ren. Der Staat ist dabei weni­ger Emit­tent als Defi­nie­rer der Rechnungseinheit.

Natio­na­les ver­sus glo­ba­les Geld. Die inter­na­tio­na­le Hier­ar­chie wie­der­holt die natio­na­le mit schwä­che­ren Insti­tu­tio­nen. An der Spit­ze steht der US-Dol­lar; die Nähe zum Zen­trum bemisst sich am Zugang zu Dol­lar­li­qui­di­tät über Swap-Lini­en der Fed. Ende 2025 bestan­den nach den Anga­ben des Papiers (unter Ver­weis auf Alda­soro et al. 2026) rund 14,7 Bil­lio­nen US-Dol­lar an dol­lar­deno­mi­nier­ten Ver­bind­lich­kei­ten außer­halb der USA. Back­stops sind glo­bal ungleich ver­teilt: Die Kern­län­der haben Stan­ding Swap Lines, Schwel­len­län­der müs­sen sich auf eige­ne Reser­ven und den IWF stützen.

Gold, Bit­co­in und Stablecoins

Gold und Bit­co­in deu­tet Alda­soro als Nega­ti­on des sozia­len Cha­rak­ters von Geld: Bei­de sind Ver­mö­gens­wer­te, die nie­man­des Ver­bind­lich­keit sind. Gold sei kein mone­tä­res Gegen­mo­dell, son­dern ein „mone­tä­rer Pro­test”. Kryp­to keh­re das Archi­tek­tur­prin­zip um: unelas­tisch, wo Elas­ti­zi­tät gebraucht wird, und undis­zi­pli­niert in der Aus­ga­be von Token, wo Zurück­hal­tung nötig wäre. Auch die Idee der ato­ma­ren Sett­le­ments hält er für selbst­wi­der­sprüch­lich, weil Zah­lungs­sys­te­me Kre­dit­sys­te­me sind und sofor­ti­ges Brut­to­sett­le­ment ent­we­der hohe Vor­hal­tung oder ver­steck­te Kre­dit­li­ni­en erfor­dert. Das „Unbund­ling” von Geld und Zah­lung sei in Wahr­heit ein Rebund­ling auf einer schwä­che­ren Ebe­ne der Hier­ar­chie, und Nar­row Ban­king der Ver­such, Kre­dit aus dem Geld her­aus­zu­fil­tern, obwohl Kre­dit ein Merk­mal des Sys­tems sei.

Sta­b­le­co­ins wol­len dage­gen dazu­ge­hö­ren und sind der jüngs­te Fall pri­va­ter Initia­ti­ve auf der Suche nach Vali­die­rung. Gemes­sen an der Archi­tek­tur blei­ben sie in drei Punk­ten zurück:

  1. Hier­ar­chie und Par: Emit­ten­ten haben kein Zen­tral­bank­kon­to und kei­nen Zugang zu Stan­dard­fa­zi­li­tä­ten; ihr Par­ver­spre­chen stützt sich auf Reser­ve­port­fo­li­os und Arbitrageure.
  2. Elas­ti­zi­tät: Sta­b­le­co­ins wer­den nur gegen ein­ge­zahl­te Dol­lar geschaf­fen, der Emit­tent agiert wie ein Nar­row Bank. Das könn­te sich ändern, wenn ein Sta­b­le­co­in brei­te Akzep­tanz als Zah­lungs­mit­tel erreicht und der Emit­tent Ver­mö­gens­wer­te durch eige­ne Ver­bind­lich­kei­ten erwer­ben kann; dann wäre er fak­tisch eine Bank und bräuch­te ent­spre­chen­de Regulierung.
  3. Back­stops: Beim Zusam­men­bruch von Terr­aUSD im Mai 2022 gab es weder Len­der of Last Resort noch Ein­la­gen­si­che­rung noch Abwick­lung. Auch reser­ve­ge­deck­te Coins sind lauf­an­fäl­lig; der Back­stop für die Sili­con Val­ley Bank wirk­te fak­tisch auch für Tei­le des Stablecoin-Ökosystems.

Ob Sta­b­le­co­ins Teil des Geld­sys­tems wer­den, hängt nach Alda­soro nicht von der Tech­no­lo­gie ab, son­dern von insti­tu­tio­nel­len Ent­schei­dun­gen: Par mit dem Dol­lar sei letzt­lich eine poli­ti­sche Wahl, und der Zugang zu Back­stops müs­se mit Auf­sicht, Kapi­tal­an­for­de­run­gen und Berichts­pflich­ten bezahlt werden.

Ein­ord­nung für Bankstil

Für die Ban­ken­per­spek­ti­ve sind drei Punk­te bemer­kens­wert. Ers­tens beschreibt das Papier Ban­ken als Dea­ler in Geld, die Zen­tral­bank­geld und Ein­la­gen zu Par inein­an­der umtau­schen, und begrün­det damit ihre Son­der­stel­lung über ihre Ver­bind­lich­kei­ten statt über die Inter­me­dia­ti­ons­funk­ti­on. Zwei­tens liest es Shadow Ban­king nicht als Alter­na­ti­ve, son­dern als Erwei­te­rung des Bank­ge­schäfts, also als Ver­viel­fa­chung der Ver­bind­lich­kei­ten, die als Geld behan­delt wer­den. Drit­tens lie­fert es einen Maß­stab für jede neue Geld­form: Sie muss in der Rech­nungs­ein­heit deno­mi­niert sein, Par durch Abwick­lung in Zen­tral­bank­geld sichern und mit elas­ti­scher, öffent­lich abge­si­cher­ter Liqui­di­tät ver­bun­den sein. Andern­falls dro­hen die Rei­bun­gen zurück­zu­keh­ren, die das moder­ne Geld­sys­tem über­win­den sollte.

Ralf Keu­per


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