In Paraguay hat die Zentralbank am 3. November 2026 die Digitalbank Ueno in die Abwicklung geschickt, und rund drei Millionen Kunden standen von einer Stunde auf die andere ohne App, Karte und Überweisung da. Die Einlagen sind für 97 Prozent der Kunden gesichert, dennoch kam es zum Ansturm auf andere Institute. Der Fall legt eine Lücke offen, die auch hierzulande kaum diskutiert wird: Die Einlagensicherung schützt vor dem Verlust des Geldes, nicht vor dem Verlust des Zugangs. Und in einem Land, in dem die Bank zugleich das Zahlungsnetz ist, wird der Zugang zur eigentlichen Währung des Vertrauens. Dass der Skandal den Staatspräsidenten innerhalb weniger Tage das Amt kostete, ist die zweite, politische Lehre – und sie hängt mit der ersten enger zusammen, als es zunächst scheint.
Ein Bankhaus, das niemand kommen sah
Am Montag, dem 2. November 2026, beschloss der Vorstand der paraguayischen Zentralbank einstimmig, die Ueno Bank in ein Abwicklungsverfahren zu überführen, im Spanischen resolución genannt. Damit ist eine Abwicklung gemeint, die anders als eine gerichtliche Insolvenz den Aufsehern erlaubt, Einlagen zunächst auf gesündere Banken zu übertragen und erst danach das Restvermögen zu verwerten. Veröffentlicht wurde der Beschluss in der Nacht auf Dienstag. Am Morgen des 3. November waren App, Karten und Überweisungen abgeschaltet.
Der Auslöser war eine Kennzahl, die Außenstehende selten sehen: die Solvenzquote, also das Verhältnis von Eigenkapital zu den risikogewichteten Aktiva. Nach Korrekturen der Bilanz lag sie unter der Hälfte des gesetzlichen Mindestwerts. Die Aufseher hatten schlecht dokumentierte Kredite an Unternehmen aus dem Umfeld der Eigentümer gefunden, dazu Ausgaben, die als Vermögenswerte verbucht worden waren. Kredite an nahestehende Unternehmen sind in der Bankenaufsicht deshalb streng begrenzt, weil sie es Eigentümern erlauben, das Geld der Kunden in die eigenen Geschäfte zu lenken. Nach Darstellung des Zentralbankchefs gehen die ersten Hinweise auf den Juni zurück.
Auffällig ist der Kontrast zum Bild, das die Bank noch im Frühjahr von sich zeichnete. Im März wies Ueno eine Gesamtkapitalquote von gut 15 Prozent bei einem Mindestwert von 12 Prozent aus. Am Tag vor dem Eingriff erklärte das Institut, es habe keine Mitteilung erhalten, der Betrieb laufe normal. Ob und wie sich diese Lücke zwischen ausgewiesener und tatsächlicher Kapitalausstattung erklären lässt, werden die Ermittlungen zeigen. Fest steht bislang nur, dass sie sich innerhalb weniger Monate öffnete – oder dass sie lange vorher bestand und erst jetzt sichtbar wurde.
Der Zugang als Einlage
Ueno war kein Randphänomen. Das Institut war binnen weniger Jahre aus einer Finanzgesellschaft zu einer Bank gewachsen, die nach eigenen Angaben und nach der Rechnung der Nachrichtenagentur AP mehr als 60 Prozent der erwachsenen Bevölkerung als Kunden führte, und es war der größte Kartenherausgeber des Landes. Zum Jahresende 2025 hielt es knapp 9 Prozent der Einlagen des Systems, im September 2026 über 2,8 Milliarden US-Dollar. Die Zentralbank zählte es zu den vier Banken, die für das Inland systemrelevant sind.
Nun sind die Einlagen in Paraguay bis zu einer Grenze gesichert, die rund 38.000 US-Dollar je Einleger und Bank entspricht. Nach vorläufiger Schätzung der Zentralbank fallen 97 Prozent der Ueno-Einleger vollständig darunter. Rational betrachtet hätte es also wenig Grund für einen Ansturm gegeben. Berichten zufolge kam er trotzdem: Menschen eröffneten Konten bei anderen Banken, hoben Bargeld ab, standen Schlange, und die Apps der Konkurrenten gerieten unter der Last ins Stocken.
Die Erklärung liegt, so die vorläufige These dieses Beitrags, in dem, was die Einlagensicherung nicht leistet. Sie verspricht, dass das Geld nach einer gewissen Zeit wieder da ist. Sie verspricht nicht, dass man am Donnerstag die Miete überweisen oder im Supermarkt bezahlen kann. Wer bei einer Bank sein Gehalt bezieht, über sie die Karte nutzt und in ihrer App den gesamten Zahlungsverkehr erledigt, für den ist die Einlage nur ein Teil des Bankverhältnisses. Der andere Teil ist die Funktion. Bei einer Digitalbank, die in einem Land ohne dichtes Filialnetz zur täglichen Infrastruktur geworden ist, wiegt dieser zweite Teil womöglich schwerer als der erste. Der Run war dann keine Reaktion auf Zweifel an der Sicherung, sondern auf den Verlust der Handlungsfähigkeit – und aus dieser Erfahrung folgt der Schluss, dass es klüger ist, nicht alles an einer Stelle liegen zu haben.
Die erste Auszahlung, die die Zentralbank in Aussicht stellte, bestätigt diese Lesart eher, als dass sie ihr widerspricht: Sie sollte bis zu 10 Millionen Guaraní je Kunde betragen, rund 1.700 US-Dollar, abzüglich der Schulden bei Ueno. Das ist kein Entschädigungsbetrag, sondern eine Überbrückung des Alltags. Ein verbindlicher Termin war zuletzt nicht genannt. Das Gesetz verlangt die Auszahlung binnen 15 Tagen nach dem Eingriff, einmal um weitere 15 verlängerbar. Zum Vergleich: In der Europäischen Union muss ein Sicherungssystem im Entschädigungsfall binnen sieben Arbeitstagen zahlen – bei einer Deckung von 100.000 Euro je Einleger und Bank. Die Frage, wie lange man ohne sein Konto auskommen muss, ist dort geregelt, aber auch dort nicht gelöst, sobald eine Bank zugleich das Zahlungsnetz eines ganzen Landes ist.
Der Staat als Kunde
Der Fall hat eine zweite Seite, die in jeder Bankenkrise zu beobachten ist, hier aber besonders deutlich wird. Rund 850 Millionen US-Dollar öffentlicher Mittel lagen bei Ueno, darunter etwa 380 Millionen Dollar des staatlichen Sozialversicherungsinstituts IPS, das auch Renten zahlt. Laut dem Ueno-Präsidenten machten öffentliche Gelder ein knappes Viertel der Einlagen aus. Rund 32.000 Rentner beziehen ihre Bezüge über das Institut. Die Novemberrenten sollen nach Angaben der IPS trotzdem pünktlich fließen, weil die Auszahlungsmittel bei einer anderen Bank liegen.
Für diese institutionellen Gelder gilt die Sicherungsgrenze von rund 38.000 Dollar ebenso. Was darüber hinausgeht, hängt davon ab, was das Abwicklungsverfahren am Ende an Vermögenswerten zutage fördert. Das ist der Punkt, an dem aus einem Bankenproblem ein Staatsproblem wird: Der Staat ist Aufseher, Gläubiger und, in den Augen der Opposition, womöglich auch Begünstigter in einer Person.
Das politische Gewicht
Präsident Santiago Peña, ein früherer Ökonom des Internationalen Währungsfonds, war bis März 2025 Geschäftspartner der Grupo Vázquez, der Gruppe hinter Ueno. Ueno erklärt, er sei nie Aktionär oder Investor der Bank gewesen; Peña bestreitet Fehlverhalten. Gleich zu Beginn seiner Amtszeit machte er Carlos Carvallo, den früheren Chef der Ueno-Vorgängerin Financiera Ueno, zum Präsidenten der Zentralbank, also der Behörde, die Ueno beaufsichtigen sollte. Die Zentralbank gab an, Carvallo habe sich bei allen Entscheidungen zu Ueno der Stimme enthalten. Kritiker sahen darin von Anfang an einen Interessenkonflikt. Abgeordnete werfen Peña zudem vor, dass das IPS mehr Geld bei Ueno anlegen durfte, als die Regeln erlaubten.
Was darauf folgte, ging schneller, als der Verlauf der Bankenkrise vermuten ließ. Carvallo trat auf Bitten des Präsidenten zurück, ein Übergangschef wurde ernannt. Die Staatsanwaltschaft leitete drei Ermittlungsverfahren ein. Führende Ueno-Manager wurden festgenommen; sechs Verdächtige, darunter der Gründer Miguel Vázquez und Bankpräsident Juan Manuel Gustale, sollen bis zum Prozess in Haft bleiben. Angeklagt sind 27 Personen aus dem Umfeld der Bank, wegen Untreue und versuchten Betrugs. Am 5. November trat Peña zurück; Berichten zufolge wurde er unmittelbar danach durch das Parlament seines Amtes enthoben. Für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung.
Bemerkenswert ist weniger die Härte der Reaktion als das Muster dahinter. Noch im Oktober hatte Peña die Sorgen um Ueno als Verleumdungskampagne bezeichnet. Wer die Aufsicht personell an das beaufsichtigte Institut bindet, hat im Ernstfall zwei Sorgen zugleich zu bewältigen: die Bank und die Frage, warum man sie nicht früher gesehen hat.
Was bleibt
Drei Beobachtungen, jeweils als vorläufige Befunde zu verstehen.
Erstens: Eine Einlagensicherung deckt den Wert, nicht die Verfügbarkeit. Je stärker eine Bank zur Zahlungsinfrastruktur wird, desto weniger reicht die Sicherung allein aus, um Vertrauen zu halten. Aufsicht und Abwicklungsplanung müssten dann auch klären, wie ein Institut seinen Kunden in den ersten Tagen einen Mindestzugang zu Geld offenhält, bevor die Entschädigung fließt.
Zweitens: Das Wachstumstempo einer Digitalbank ist selbst ein Risikoindikator. Ueno brauchte nach AP weniger als fünf Jahre vom unbekannten Finanzunternehmen zum Haushaltsnamen, seine Kundenzahl entsprach am Ende dem Gros der erwachsenen Bevölkerung. Wo Aufsicht und Rechnungslegung mit dieser Geschwindigkeit nicht Schritt halten, entsteht ein Zeitfenster, in dem Kennzahlen gut aussehen und die Wirklichkeit nicht.
Drittens: Die Unabhängigkeit der Aufsicht ist keine Formalie. Wo die personelle Nähe zum Beaufsichtigten besteht, schwächt sie nicht nur die Kontrolle, sondern auch die Glaubwürdigkeit der Beruhigung im Krisenfall. Die Zentralbank versichert, das Bankensystem sei gesund und der Fall ein Einzelfall. Ob das Publikum dem folgt, hängt auch davon ab, ob es der Behörde zutraut, vor Ueno hingesehen zu haben.
Die entscheidende offene Frage bleibt eine praktische: wie schnell und wie vollständig die eingefrorenen Guthaben tatsächlich ausgezahlt werden – und ob das Land aus dem Fall eine Lehre über Zugang zieht oder nur eine über Personen.
Ralf Keuper
Quellen
- AP via ABC News: Paraguay seizes major digital bank tied to president, leaving millions in limbo
- AP via ABC News: How one bank’s collapse is upending Paraguay, trapping savings and threatening its president
- NPR: Paraguay’s president is impeached minutes after resigning following a bank collapse
- AP via KSAT: Paraguay seizes major digital bank … (u. a. Einlagensicherung, Wirkung der Resolution)
- AP via News4Jax: 97 Prozent der Einleger vollständig gedeckt (vorläufige Schätzung)
- Buenos Aires Herald: Ueno Bank scandal threatens Paraguay’s reputation and Peña’s presidency
- BigGo Finance: Digital bank tied to Peña collapses … (Erstauszahlung, Zahlungsfrist)
- Open Magazine: Can a Bank Collapse Bring Down a President?
- Infobae: Escándalo en Paraguay: la intervención del Ueno Bank …
- Forbes Argentina: Crisis bancaria en Paraguay: intervienen un banco con más de US$ 2.800 millones en depósitos
- Pasquale Pillitteri: Paraguay seizes Ueno Bank, leaving 3 million customers without app or cards (Kapitalquote März, Marktanteile, EU-Vergleich)
- Yahoo Finance / AP: Paraguay President Peña under investigation, faces removal from office over bank collapse
