Die Sparkassen gelten als die unauffälligen Banken: regional, kommunal getragen, dem Gemeinwohl verpflichtet. Das Video Die fragwürdigen Methoden der Sparkasse des funk-Kanals „Was kostet die Welt?” (Produktion der FAZ für hr und funk, veröffentlicht am 15. Oktober 2026) setzt genau dort an und stellt den öffentlichen Auftrag gegen die Geschäftspraxis. Fünf Vorwürfe stehen im Mittelpunkt: niedrige Sparzinsen trotz hoher Gewinne, der Vertrieb provisionsstarker Zertifikate, der Umgang mit alten Sparverträgen, die Beteiligung an Cum-Cum-Geschäften und die geringen Ausschüttungen an die Trägerkommunen bei hohen Vorstandsgehältern.
Neu sind diese Fragen nicht. Bankstil begleitet die Sparkassen seit mehr als 10 Jahren mit der Frage, ob Skandale Einzelfälle sind oder ein Muster, ob der Zertifikatevertrieb zum Gemeinwohlauftrag passt und was Filialabbau, Sicherheitsmängel und schlechte Kundenbewertungen über die Legitimation der Institute sagen. Dieser Beitrag prüft die Vorwürfe des Videos einzeln gegen Daten, Urteile und Gegenpositionen und ordnet sie in diese Linie ein. Wer sie in einen Topf wirft, macht die starken Vorwürfe schwächer.
Zinsen: ein Margenbefund, kein Skandal an sich
Dass Sparkassen im Schnitt weniger Zinsen auf Einlagen zahlen als überregionale Banken, ist durch Vergleichsportale gut belegt. Die Differenz ist erheblich: Bei Tagesgeld zahlen überregionale Anbieter im Schnitt mehr als das Dreifache. Bei einem Teil der Sparkassen lag der Zins auf Tagesgeld zeitweise bei null.
Der Vergleich mit Direktbanken ist allerdings nur halb fair. Der ostdeutsche Sparkassenverband verweist auf 1.435 Standorte allein in seinem Gebiet; Filialnetz und persönliche Beratung kosten Geld, das Direktbanken nicht ausgeben. Auch gegenüber den Genossenschaftsbanken ist das Bild gemischt: Bei zehnjährigem Festgeld lagen die Sparkassen zuletzt mit durchschnittlich 2,31 Prozent knapp vor den Volks- und Raiffeisenbanken mit 2,21 Prozent. Die Trägheit der Kundschaft ist offenbar ein Merkmal des Regionalbankenmodells insgesamt.
Trägt die Beobachtung also nicht? Doch, sie trägt, wenn man sie präzise fasst. Das Jahresergebnis nach Steuern lag 2024 bei rund 2,5 Milliarden Euro; es entsteht auch dadurch, dass Einlagen günstig bleiben. Die Frage ist nicht, ob die Sparkassen Gewinn machen dürfen, sondern was sie mit der Zinsmarge tun – und damit sind wir beim Vertrieb.
Zertifikate: Der Befund der Verbraucherschützer und der Gegenbefund der Aufsicht
Die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg berichtet aus ihrer Beratung, dass Kunden, die nach Festgeld fragen, regelmäßig Zertifikate angeboten bekommen. Ihre Kritik zielt auf den Zusammenhang: Niedrige Einlagenzinsen machen die Alternative mit höherer Marge für das Institut erst attraktiv. Eine Studie aus dem Umfeld der Bürgerbewegung Finanzwende beziffert den Marktanteil der Sparkassen im Zertifikatevertrieb auf rund 37 Prozent. Der Branchendienst Finanz-Szene meldete für das erste Quartal eines Jahres einen Absatz von über neun Milliarden Euro. Der Sparkassenverband weist die Kritik seit Langem zurück.
Die Frage ist nicht neu. Bankstil hat sie bereits 2019 mit Blick auf die Spitzeninstitute der Sparkassen gestellt: Nach den Zahlen des Deutschen Derivate Verbands führte die Deka 2018 die Rangliste der Zertifikateanbieter mit 19,5 Prozent Marktanteil an, vor der DZ Bank (…
