Von Ralf Keuper

Der Begriff “Dis­rup­ti­on” fällt in Dis­kus­sio­nen um die Zukunft des Ban­king für gewöhn­lich recht früh. Dabei ist nicht immer klar, was genau unter “Dis­rup­ti­on” zu ver­ste­hen ist: Die Ver­än­de­rung einer gan­zen Bran­che von Grund auf, die Ein­füh­rung einer neu­en App, die einer bis­her von den Ban­ken ver­nach­läs­sig­ten Funk­ti­on zu neu­er, unge­ahn­ter Bedeu­tung ver­hilft (PFM, Cre­dit Scoring, P2P Payments)?

Auf die­ses Dilem­ma macht Peter Van­der in How to avo­id sim­pli­stic con­ver­sa­ti­ons on dis­rup­ti­on? aufmerksam.
Mei­ner Ansicht nach geht die Dis­rup­ti­on im Ban­king vor allem von den gro­ßen digi­ta­len Platt­for­men aus, die in der Lage sind, die ein­zel­nen Tei­le zu einem (neu­en) Gan­zen zu ver­bin­den, d.h. sie kon­zen­trie­ren sich weni­ger auf die Ver­bes­se­rung ein­zel­ner Funk­tio­na­li­tä­ten, son­dern auf das Zusam­men­spiel der Kom­po­nen­ten, wie das in beson­de­rer Wei­se Apple vor­ex­er­ziert (Dazu: Das neue Gesicht der Dis­rup­ti­on). Im Fall von Apple kommt noch der Punkt der “Sys­tem­in­no­va­ti­on” hin­zu.

Van­der ist der Mei­nung, dass wir uns vom Platt­form-Kapi­ta­lis­mus zum Platt­form-Kor­po­ra­tis­mus (plat­form co-ope­ra­ti­vism) bewe­gen müs­sen. Des­sen Kenn­zei­chen sind:

  • Ins­tead of tal­king about opti­mi­zed cor­re­spon­dent ban­king, the con­ver­sa­ti­on should be one of collaborative/​coöperative banking.
  • Ins­tead of tal­king about opti­mi­zed secu­ri­ties life­cy­cles and sett­le­ment, the con­ver­sa­ti­on should be one of collaborative/​coöperative secu­ri­ties markets.

Van­der emp­fiehlt als Mit­tel, um die Zukunft bewäl­ti­gen zu kön­nen, die For­ward Com­pa­ta­bi­li­ty. Dar­un­ter ver­steht er:

  • How you ral­ly the main stake­hol­ders of the eco­sys­tem into a rigo­rous sys­tem and pro­cess inno­va­ti­on? Pro­cess inno­va­ti­on is dif­fe­rent from process‑, datamodel‑, or mes­sa­ging stan­dar­diza­ti­on. It is not about stan­dar­di­zing the exis­ting and gua­ran­te­e­ing back­wards com­pa­ti­bi­li­ty with the exis­ting. It is about co-crea­ting a new reality.
  • How you pro­mo­te the evo­lu­ti­on from the cur­rent model to the future model? In the case of dis­tri­bu­ted led­ger tech­no­lo­gies for exam­p­le, it is not about a tabu­la rasa that will era­di­ca­te the exis­ting, but how one evol­ves from for exam­p­le a mes­sa­ging hub-and-spo­ke para­digm towards busi­ness objects and life­cy­cles in the cloud, initi­al­ly pro­ba­b­ly in one cen­tral data­ba­se (one node), and then evol­ve to a peer-to-peer net­works of many dis­tri­bu­ted data­ba­ses or nodes (remem­ber the Digi­tal Asset Grid?)
  • How to boot­strap this new rea­li­ty taking into account the net­work effects to be crea­ted and pro­mo­ted in the new P2P reality.

Als wei­te­res, über­ge­ord­ne­tes Ziel nennt er wenig spä­ter “evol­ving social fabric and convention”.

Was sich mir nicht erschließt, ist, was genau er unter einem col­la­bo­ra­ti­ve ban­king ver­steht. Ist das jetzt eine Ver­ei­ni­gung im Netz, die, wei­test­ge­hend frei von Hier­ar­chien, im Sin­ne des Gan­zen bzw. des Neu­en Gan­zen koope­rie­ren? Nur – was ist das Gan­ze? Einer­seits räumt er ein, dass nichts Neu­es ent­ste­hen kann, ohne von den alten Struk­tu­ren aus­zu­ge­hen, ande­rer­seits aber soll dann etwas völ­lig Neu­es ent­ste­hen. Kann es sein, dass an die Stel­le der Dis­rup­ti­on ande­re, eben­so vage Begrif­fe tre­ten? Einer­seits sol­len Hier­ar­chien und Stan­dards über­wun­den, ande­rer­seits aber die Mit­glie­der des Öko­sys­tems in ein rigo­ro­ses Sys­tem aus Pro­zess­in­no­va­tio­nen gepresst wer­den? Geht das ohne Hier­ar­chie, ohne Macht? Wohl kaum. Wenn, dann man muss m.E. zur Erklä­rung Anlei­hen bei der Eso­te­rik machen.

Bis auf wei­te­res hal­te ich die klas­si­sche Defi­ni­ti­on dis­rup­ti­ver Inno­va­tio­nen von Chris­ten­sen, allen Defi­zi­ten zum Trotz, eben­so wie das Kon­zept des Domi­nan­ten Designs von Utter­back wie auch das Modell der Sys­tem­in­no­va­ti­on von Weiss­haupt und die Gedan­ken zur Platt­form­öko­no­mie für geeig­ne­ter, um den Wan­del bes­ser ver­ste­hen zu kön­nen, der sich momen­tan auf fast allen Gebie­ten in Wirt­schaft und Gesell­schaft, und damit auch im Ban­king, abspielt.

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