Banking im totalen Medienverbund auf Digitalbasis – Aufschreibesystem 2000+

Von Ralf Keuper

Die enge Verbindung des Bankwesens mit der Geschichte der Medien ist auf diesem Blog schon mehrfach behandelt worden, wie u.a. am Beispiel der Medientheorie Marshall McLuhans. Ein, vielleicht „der“ Erbe McLuhans war Friedrich Kittler, der das Aufschreibesystem als neuen Begriff einführte.

Zur Definition:

Als Aufschreibesystem bezeichnet Friedrich Kittler in seiner Medientheorie primär technische Einrichtungen, die dem Speichern von Daten dienen, aber auch „das Netzwerk von Techniken und Institutionen […], die einer gegebenen Kultur die Adressierung, Speicherung und Verarbeitung relevanter Daten erlauben“. (Quelle: Wikipedia)

Hier bieten sich gleich mehrere Anknüpfungspunkte zum Banking.

Bisher waren die Banken technische Einrichtungen im Sinne Kittlers, die als gesellschaftlich weithin akzeptierter Speicherort der Kunden- und Transaktionsdaten fungierten. Sie waren und sind eingebunden in ein Netzwerk von Techniken, wie dem Internet, und Institutionen wie der nationalen und z.T. auch internationalen Bankenaufsicht.

Kittler unterschied die Aufschreibesysteme 1800, 1900 und 2000. Das Aufschreibesystem 2000 war in den Augen Kittlers ein „totaler Medienverbund auf Digitalbasis“. Schaut man sich die Entwicklung der letzten Monate etwas näher an, genannt seien die zahlreichen Übernahmen der großen Internetkonzerne wie Amazon, Apple, Alibaba, Tencent, SoftBank und Baidu in den Bereichen Medien und Banking/Payments, dann kann durchaus der Eindruck entstehen, Zeugen der Entstehung totaler Medienverbünde auf Digitalbasis bzw. von digitalen Ökosystemen in einem bis dato ungekannten Ausmaß zu sein. Für Kittler war der Computer das „Leitmedium“ des Aufschreibesystem 2000 und danach.

Hier ist man gezwungen, Kittler zu revidieren bzw. zu ergänzen, wie Michael Seemann in Nach dem Kontrollverlust schreibt.

Um zu klären, was das Aufschreibesystem 2000 ausmacht, müssen wir untersuchen, welche Sonderstellung der Computer als medialer Tausendsassa in der Mediengeschichte einnimmt. Ist er überhaupt ein Medium unter anderen? Er scheint sich zunächst Kittlers Medienarchäologie zu entziehen, denn der Blick auf die Hardware scheint zumindest nicht mehr auszureichen. Vielmehr ist es die Software – Bildbetrachtungsprogramme, Webbrowser und Mediaplayer –, die den Computer zu dieser konvergenten Medienmaschine macht.

Aber auch das ist m.E. noch nicht ausreichend. Obgleich ich Aussagen wie, Software is eating the world oder Software is eating banking für überzogen halte, ist dennoch nicht zu übersehen, dass der (stationäre) Computer durch Smartphones, Tablet-PCs oder demnächst von Wearables ergänzt, nicht ersetzt, wird und die Software der Schlüssel für die Digitalisierung ist. Für das Banking von großer Tragweite sind die Entwicklungsmöglichkeiten der digitalen Währungen sowie der Blockchain. Hierdurch verändert sich das Netzwerk aus Techniken und Institutionen grundlegend. Eine besondere Rolle erhalten die Entwickler-Communities und die (großen) Miner. Die Blockchain könnte das Leitmedium, das Aufschreibesystem der nächsten Jahre/Jahrzehnte werden.

Folge bzw. Begleiterscheinung wäre ein Kulturwandel auf gesellschaftlicher Ebene und ein Stilwandel, ggf. Stilbruch, im Banking.

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2 Kommentare zu Banking im totalen Medienverbund auf Digitalbasis – Aufschreibesystem 2000+

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