Mit der Gründung der BAG Treuhand reagiert der genossenschaftliche Sektor auf die 850 Millionen Euro Problemkredite der Raiffeisenbank Hochtaunus – und schafft faktisch eine Bad Bank für die Bad Bank. Parallel dazu will BVR-Präsidentin Marija Kolak den Ausschluss kriselnder Institute aus der Sicherungseinrichtung erleichtern, obwohl es in 50 Jahren noch nie zu einem Ausschluss kam. Die Frage ist: Können organisatorische Neujustierungen und Verfahrensreformen ein System korrigieren, dessen Dysfunktionalität strukturell angelegt ist? Eine systemtheoretische Analyse zeigt, warum die geplanten Maßnahmen zwar rational erscheinen, aber an den grundlegenden Anreizproblemen und operativen Geschlossenheiten des genossenschaftlichen Verbunds voraussichtlich wenig ändern werden.
I. Die BAG Treuhand: Spezialisierung oder Symptomverschiebung?
Die im Jahr 2025 gegründete BAG Treuhand ist eine institutionelle Antwort auf einen konkreten Problemfall: Die frühere Raiffeisenbank Hochtaunus hat rund 850 Millionen Euro in Bauträger- und Projektentwicklungsfinanzierungen akkumuliert, die sich im aktuellen Marktumfeld (Zinsanstieg, Baukosten, schwache Nachfrage) als hochproblematisch erweisen. Die neue Abwicklungsgesellschaft ist im Eigentum der Volksbank Mittelhessen (die die Raiffeisenbank Hochtaunus nach der Rettung übernommen hat) und der BAG Hamm.
Die operative Logik der Konstruktion
Die Forderungen bleiben rechtlich im Buch der BAG Hamm, werden aber operativ von der BAG Treuhand bearbeitet. Diese Struktur erlaubt eine fokussierte Abwicklung durch spezialisiertes Personal – teilweise Ex-Mitarbeiter der Raiffeisenbank Hochtaunus, die die konkreten Projekte kennen. Das Ziel ist explizit, durch geduldiges Work-out (Fertigstellung von Projekten, Immobilienverkäufe zu besseren Preisen) einen möglichst großen Teil der von der Sicherungseinrichtung übernommenen Risikoabschirmung zurückzugeben, statt alles sofort mit hohen Abschlägen abzuwickeln.
Laut den Beteiligten ist nicht geplant, dass die BAG Treuhand für andere Banken arbeitet – sie bleibt ein “Spezialwerkzeug” für diesen einen Cluster von Problemengagements.
Systemtheoretische Einordnung: Funktionale Differenzierung
Aus systemtheoretischer Perspektive handelt es sich hier um einen klassischen Fall funktionaler Ausdifferenzierung: Ein spezifisches Teilproblem (Hochtaunus-Altlasten) wird organisatorisch separiert und einer spezialisierten Einheit zugewiesen. Das ist organisational rational, weil es Komplexität reduziert und spezialisierte Kompetenzen bündelt.
Niklas Luhmann würde hier jedoch auch auf die Latenzfunktion hinweisen: Die organisatorische Separation erfüllt nicht nur die manifeste Funktion der effizienteren Abwicklung, sondern auch die latente Funktion der Komplexitätsabsorption und Problemexternalisierung. Indem die problematischen Kredite in eine eigene Struktur ausgelagert werden, werden sie aus dem operativen Blickfeld der BAG Hamm entfernt – das schafft organisatorische Entlastung, verändert aber nichts an der Tatsache, dass das zugrundeliegende Risiko weiterhin besteht und letztlich von der Sicherungseinrichtung getragen wird.
II. Die BAG Hamm: Von der Notlösung zur permanenten Institution
Um die Bedeutung der BAG Treuhand zu verstehen, muss man ihre Vorläuferin betrachten: Die BAG Bankaktiengesellschaft in Hamm entstand 1987 aus der in Schieflage geratenen Hammer Bank SpaDaKa eG. Ihre ursprüngliche Aufgabe war es, als Bad Bank die Abwicklung dieser einen gescheiterten Bank zu vollziehen.
Doch spätestens zum Ende der 1990er Jahre etablierte sich die BAG durch das bei ihr gebündelte Know-how im Bereich der Problemkredite zum dauerhaften Volldienstleister innerhalb der genossenschaftlichen FinanzGruppe. War ihre Tätigkeit zunächst auf Sanierungsbanken beschränkt, bietet sie seit 2005 ihre Dienstleistungen allen deutschen Genossenschaftsbanken an und wird darüber hinaus in Einzelfällen auch für Sparkassen oder Kreditinstitute im deutschsprachigen Ausland tätig. Heute beschäftigt die BAG knapp 200 Mitarbeiter.
Die Transformation: Von temporär zu strukturell
Diese Entwicklung ist bem…
