Hein­rich Schli­e­mann ist welt­be­rühmt als Ent­de­cker Tro­jas – nicht als Kauf­mann. Dabei war es genau sein Talent als Finan­cier, das ihm die Aus­gra­bun­gen ermög­lich­te. Eine Kar­rie­re, die zeigt, was Kapi­tal leis­ten kann, wenn es nicht Selbst­zweck bleibt: Es kann Geschich­te erschaf­fen. Und den Ban­kier dabei unsicht­bar machen.


Es gibt Män­ner, die Geschich­te machen, und Män­ner, die Geschich­te finan­zie­ren. Hein­rich Schli­e­mann war bei­des – und er wuss­te sehr genau, wel­che Rol­le ihm die Nach­welt zuwei­sen würde.

Als Schli­e­mann im Früh­jahr 1851 in Sacra­men­to eine impro­vi­sier­te Wech­sel­stu­be eröff­ne­te, dach­te nie­mand an Tro­ja. Er dach­te selbst (noch) nicht an Tro­ja. Er dach­te an Gold­staub, an Kurs­dif­fe­ren­zen, an die Arbi­tra­ge zwi­schen dem chao­ti­schen Hin­ter­land der Gold­fel­der und den geord­ne­ten Finanz­märk­ten in Lon­don und Ams­ter­dam. Das war sei­ne Metho­de: nicht schür­fen, son­dern das Clea­ring durch­füh­ren. Nicht im Schlamm knien, son­dern Wech­sel ziehen.

In weni­gen Mona­ten ver­dop­pel­te er sein Kapi­tal. Das Instru­ment war denk­bar ein­fach – in sei­ner Mecha­nik. In sei­ner Durch­füh­rung war es das Ergeb­nis einer Infor­ma­ti­ons­asym­me­trie, die Schli­e­mann sys­te­ma­tisch zu sei­nen Guns­ten nutzte.

Der Gold­grä­ber in den Lagern um Sacra­men­to hat­te Gold. Was er nicht hat­te: Kurs­da­ten. Er kann­te nicht den aktu­el­len Gold­preis in Lon­don oder Ams­ter­dam, nicht die Wech­sel­kur­se zwi­schen Dol­lar, Pfund und Rubel, nicht die Trans­port­kos­ten, die Ver­si­che­rungs­prä­mi­en, die Lager­ver­lus­te. Schli­e­mann kann­te all das. Er hat­te jah­re­lang im Wech­sel­han­del gear­bei­tet, in Ams­ter­dam gelernt, in Peters­burg Geschäf­te gemacht. Der Gold­grä­ber sah Staub. Schli­e­mann sah eine Arbitragespanne.

Das ope­ra­ti­ve Modell war fol­gen­des: Er kauf­te Gold­staub direkt von den Schürf­ern – bar, sofort, zu einem Preis, der unter dem tat­säch­li­chen Markt­wert lag, den nur er kann­te. Den Staub ließ er ein­schmel­zen oder wei­ter­ge­ben. Den Gegen­wert trans­fe­rier­te er über Wech­sel nach Euro­pa. Ein Wech­sel ist eine Zah­lungs­an­wei­sung auf einen Kor­re­spon­den­ten – in die­sem Fall auf Häu­ser aus dem Roth­schild-Netz­werk in Lon­don, die als Clea­ring­stel­le fun­gier­ten. Schli­e­mann war in Sacra­men­to kein lizen­zier­ter Ban­kier im heu­ti­gen Sin­ne; das Bank­we­sen Kali­for­ni­ens war in der Früh­pha­se des Gold­rauschs kaum regu­liert. Er ope­rier­te als Kom­mis­sio­när, als Wech­sel­händ­ler – for­mal am Rand des Finanz­sys­tems, fak­tisch an einem sei­ner pro­fi­ta­bels­ten Knotenpunkte.

Die Mar­ge ent­stand drei­fach: aus dem Preis­un­ter­schied beim Gold­an­kauf, aus der Kurs­dif­fe­renz beim Wech­sel und aus der Zins­kom­po­nen­te, die ent­stand, weil zwi­schen Aus­stel­lung und Ein­lö­sung des Wech­sels Wochen ver­ge­hen konn­ten – Zeit, in der das Kapi­tal für ihn arbei­te­te. Das war kei­ne Spe­ku­la­ti­on. Das war prä­zi­se Finanz­in­ter­me­dia­ti­on unter Aus­nut­zung struk­tu­rel­ler Informationsgefälle.

Für die Roth­schilds war Schli­e­mann ein nütz­li­cher, aber peri­phe­rer Agent. Sie unter­hiel­ten Kor­re­spon­denz­be­zie­hun­gen mit Hun­der­ten sol­cher Händ­ler welt­weit. Schli­e­mann hin­ge­gen war für die Roth­schilds ein Sprung­brett – ein Zugang zu einem der eta­blier­tes­ten Clea­ring-Netz­wer­ke der dama­li­gen Welt, das ihm Ver­trau­en, Liqui­di­tät und Kurs­in­for­ma­tio­nen ver­schaff­te, die für einen Ein­zel­kauf­mann sonst unzu­gäng­lich gewe­sen wären.

Das war kein heroi­sches Unter­neh­mer­tum. Es war prä­zi­se, kalt und außer­or­dent­lich effek­tiv. Und es war, in der Spra­che der moder­nen Finanz­theo­rie, klas­si­sches mar­ket making unter Bedin­gun­gen extre­mer Markt­frag­men­tie­rung: Schli­e­mann war der Inter­me­di­är zwi­schen zwei Wel­ten, die kei­ne gemein­sa­me Preis­spra­che hat­ten – und er leb­te von der Differenz.

Der Kauf­mann als System

Was Schli­e­mann in Kali­for­ni­en lern­te, war weni­ger eine Tech­nik als eine Hal­tung: dass Kapi­tal kein Selbst­zweck ist, son­dern ein Instru­ment zur Ver­wirk­li­chung von etwas ande­rem. Für die meis­ten Ban­kiers sei­ner Zeit war die­ses „ande­re” mehr Kapi­tal. Für Schli­e­mann war es Homers Troja.

Dabei war Schli­e­mann als Kauf­mann sach­lich betrach­tet der bedeut­sa­me­re öko­no­mi­sche Akteur: Er ope­rier­te in meh­re­ren Län­dern, meh­re­ren Wäh­run­gen, meh­re­ren Kon­junk­tur­pha­sen – im Indi­go-Han­del, im Krim­krieg-Geschäft, in der Eisen­bahn­spe­ku­la­ti­on, im Gold­rausch-Clea­ring. Kein Zeit­ge­nos­se im deut­schen Bür­ger­tum sei­nes For­mats hat­te eine ver­gleich­ba­re trans­na­tio­na­le Finanz­bio­gra­fie. Und for­mal war sei­ne Rol­le in Sacra­men­to nicht ein­mal die eines lizen­zier­ten Ban­kiers – das Bank­we­sen Kali­for­ni­ens war kaum regu­liert. Schli­e­mann ope­rier­te als Kom­mis­sio­när und Wech­sel­händ­ler, was in die­ser chao­ti­schen Boom­pha­se voll­kom­men aus­reich­te, um enor­me Mar­gen zu erzie­len. Er nutz­te eta­blier­te Netz­wer­ke, ohne wirk­lich Teil davon zu sein. Auch das ein Mus­ter sei­nes Lebens.

Und den­noch: Als Kauf­mann wäre er ver­ges­sen. Viel­leicht eine Fuß­no­te in Ham­bur­ger Han­dels­ak­ten. Viel­leicht ein Name auf einem Schiff.

Sym­bo­li­sches Kapital

Schli­e­mann ver­stand intui­tiv, was Sozio­lo­gen spä­ter als sym­bo­li­sches Kapi­tal beschrei­ben wür­den. Öko­no­mi­sches Kapi­tal – auch in gro­ßen Men­gen – erzeugt kei­nen Ruhm. Ruhm ent­steht dort, wo Kapi­tal in etwas inves­tiert wird, das die Gesell­schaft für unver­käuf­lich hält: Wis­sen, Geschich­te, Wahr­heit. Die Aus­gra­bung Tro­jas war, öko­no­misch gespro­chen, eine voll­kom­men irra­tio­nal hohe Inves­ti­ti­on in kul­tu­rel­les Pres­ti­ge. Und sie ren­tier­te sich – nicht in Gold, son­dern in Unsterblichkeit.

Das Kapi­tal, das er in Sacra­men­to, in Russ­land, im Krim­krieg und in der ame­ri­ka­ni­schen Eisen­bahn­spe­ku­la­ti­on akku­mu­lier­te, war nur inso­fern his­to­risch bedeut­sam, als er es für etwas aus­gab, das die Welt für bedeut­sam hielt: die Aus­gra­bung eines Mythos. Dabei war der direk­te kau­sa­le Zusam­men­hang zwi­schen den Cali­for­ni­en-Gewin­nen und der Finan­zie­rung von Tro­ja (ab 1871) weni­ger line­ar, als es die Bio­gra­fie nahe­legt. Schli­e­mann mehr­te sein Ver­mö­gen danach noch erheb­lich. Tro­ja war aus einem Gesamt­ver­mö­gen finan­ziert, zu dem Sach­sen-Gotha, Russ­land und Kali­for­ni­en glei­cher­ma­ßen bei­getra­gen hat­ten. Aber Sacra­men­to war der ers­te gro­ße Sprung – und der ers­te Moment, in dem Schli­e­mann ver­stand, wie schnell und wie sys­te­ma­tisch sich Kapi­tal bewe­gen ließ.

Die stil­le Ironie

Das ist die stil­le Iro­nie, die Schli­e­manns Leben durch­zieht: Der Ban­kier ermög­lich­te den Archäo­lo­gen. Aber der Archäo­lo­ge hat den Ban­kier ausgelöscht.

Für Bank­stil ist das eine lehr­rei­che Beob­ach­tung über die Gren­zen des Kauf­manns­stands im 19. Jahr­hun­dert – und viel­leicht auch heu­te. Das Finanz­sys­tem pro­du­ziert Kapi­tal, aber es pro­du­ziert kei­ne Legen­den. Der Kauf­mann bleibt Insti­tu­ti­on. Der Stif­ter, der Ent­de­cker, der Visio­när wird Mythos. Schli­e­mann wuss­te, wann er auf­hö­ren muss­te, Kauf­mann zu sein – und wann er anfan­gen muss­te, Geschich­te zu schreiben.

Die­se Ent­schei­dung, und nicht sei­ne Wech­sel­ge­schäf­te in Sacra­men­to, war sein eigent­li­ches unter­neh­me­ri­sches Meisterwerk.

Ralf Keu­per 


Pri­mär­quel­le /​ Auto­bio­gra­fie

  • Hein­rich Schli­e­mann: Ili­os: City and Coun­try of the Tro­jans (1881) – ent­hält Schli­e­manns eige­ne Auto­bio­gra­fie als Ein­lei­tung; grund­le­gen­de Selbst­dar­stel­lung sei­ner Kar­rie­re als Kauf­mann und Archäologe.

Spe­zi­al­li­te­ra­tur: Schli­e­mann als Finan­cier in Kalifornien

Maß­geb­li­che Mono­gra­fie auf Basis neu erschlos­se­ner Quel­len; rekon­stru­iert die Trans­ak­tio­nen zwi­schen Roth­schild Lon­don und ihren Agen­ten in Sacra­men­to – dar­un­ter Schli­e­mann – Monat für Monat.


Bio­gra­fi­sche Überblickswerke


Archiv­ma­te­ria­li­en

  • Ame­ri­can School of Clas­si­cal Stu­dies at Athens (ASCSA): Hein­rich Schli­e­mann Papers – Fin­ding Aid mit voll­stän­di­ger Erschlie­ßung sei­ner per­sön­li­chen Doku­men­te, Päs­se, Aus­gra­bungs­ge­neh­mi­gun­gen etc. 

Jour­na­lis­ti­sche und popu­lar­wis­sen­schaft­li­che Darstellungen

  • Smit­h­so­ni­an Maga­zi­ne: Ama­teur Archaeo­lo­gist Hein­rich Schli­e­mann Discovered—and Near­ly Destroyed—Troy(2022)
  • Dis­cen­tes /​ Uni­ver­si­ty of Penn­syl­va­nia: Hein­rich Schli­e­mann: Maker of Histo­ry (2023)

Wei­ter­füh­ren­de Lite­ra­tur (nicht online)

  • David Traill: Schli­e­mann of Troy: Tre­asu­re and Deceit, New York 1995 – kri­ti­sche Bio­gra­fie, die Schli­e­manns Selbst­my­tho­lo­gi­sie­rung dekonstruiert.
  • Wil­liam M. Cal­der /​ David A. Traill (Hg.): Myth, Scan­dal, and Histo­ry, Detroit 1986 – fünf Essays zur kri­ti­schen Neu­be­wer­tung Schliemanns.
  • Robert Pay­ne: The Gold of Troy, New York 1959 – zugäng­li­che Biografie.