88% Substituierungspotenzial in der Finanzbranche?

Von Ralf Keuper

In der Studie Strukturwandel und Beschäftigungsentwicklung in der
Finanzbranche in Hessen
ist u.a. vom sog. Substituierungspotenzial der Beschäftigung als Folge der Digitalisierung die Rede:

Um die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Beschäftigung zu bestimmen, wurden in einem IAB-Projekt die Anteile der Tätigkeiten berechnet, die innerhalb eines Berufs bereits heute durch den Einsatz von Computern oder computergesteuerten Maschinen ersetzt werden könnten. Der Anteil der ersetzbaren Tätigkeiten markiert das Substituierbarkeitspotenzial eines Berufs. Sind beispielsweise sieben von zehn Tätigkeiten eines Berufs durch Computer ersetzbar, beträgt das
Substituierbarkeitspotenzial 70 Prozent.

Der Autor gibt dabei jedoch zu bedenken:

In Hinblick auf die Ergebnisse dieser Betrachtungsweise ist allerdings sehr stark zu betonen, dass die technische Machbarkeit der Automatisierung von Tätigkeiten nicht zwangsläufig deren Umsetzung zur Folge haben muss, es handelt sich lediglich um potenzielle Substituierbarkeitsanteile. Im
Gegenteil kann es durchaus sein, dass die Investitionskosten in Techniken, die menschliche Arbeitskraft ersetzen sollen, höher wären als die Lohnkosten für die betroffenen Arbeitnehmer. Auch
ethische Hürden sowie rechtliche Barrieren könnten der Umsetzung entgegenstehen.

Für Bankkaufleute ergibt sich auf Basis des job.futuromaten folgendes Bild:

Für Bankkaufleute ergibt sich beim Job-Futuromat ein hohes Substituierbarkeitspotenzial. Sieben von acht typischen Tätigkeiten, die diesen Beruf kennzeichnen, könnten bereits heute – theoretisch – von Computern oder Maschinen übernommen werden – dies ergibt ein Substituierbarkeitspotenzial von 88 Prozent. Für den Kreditsachbearbeiter ergeben sich 83 Prozent, den Anlageberater 29 Prozent und für den Fondsmanager 25 Prozent.

88 Prozent Substituierungspotenzial ist schon beachtlich bzw. erschreckend. Insofern überrascht es nicht allzu sehr, dass die Zahl der jungen Menschen, die den Ausbildungsberuf Bankkaufmann/Bankkauffrau wählen, seit Jahren stark abnimmt.

Inwieweit nun die Automatisierung, wie z.B. durch die Robotic Process Automation oder Voice Banking, in den Banken um sich greifen wird und ob die 88% Potenzial ausgeschöpft werden, bleibt abzuwarten. Automatisierung ist auch hier kein Allheilmittel. Es bleiben, wie der Autor betont, ethische und rechtliche Hürden. Der Anteil hochqualifizierter Tätigkeiten, die einen Hochschulabschluss erfordern, nimmt in den Banken laut Studie zu. Allerdings wird dieser Zuwachs den Abbau in den anderen Tätigkeitsfeldern nicht ausgleichen können. Die Studie gibt zu bedenken, dass sich die Auswirkungen der Aktivitäten von Fintech-Startups und BigTech sowie überhaupt neuartiger, disruptiver Technologien und Geschäftsmodelle auf die Beschäftigung im Bankgewerbe zum jetzigen Zeitpunkt nicht genau abschätzen lassen. Die Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit, genannt sei Apple mit seiner Apple Card und Sign in with Apple und Libra, zeigen, dass die Zahl der Überraschungen in nächster Zeit eher zunehmen als abnehmen wird. Benötigt werden in den Banken und Sparkassen ein schlüssiges Zukunftskonzept bzw. neue Geschäfts- und Organisationsmodelle.

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