Das Ber­li­ner Fin­tech Sola­ris kün­digt sei­nen nächs­ten Radi­kal­um­bau an – dies­mal zur „AI-nati­ven Bank” für ande­re Finanz­in­sti­tu­te. CEO Stef­fen Jentsch spricht von einem ande­ren Skill­set, das man heu­te brau­che, und ent­lässt jeden fünf­ten Mit­ar­bei­ter. Mehr­heits­ak­tio­när SBI aus Tokio finan­ziert. Was auf den ers­ten Blick wie eine stra­te­gisch kohä­ren­te Neu­po­si­tio­nie­rung klingt, hält einer struk­tur­ana­ly­ti­schen Prü­fung nur bedingt stand. Denn die ent­schei­den­de Fra­ge – wer kauft das eigent­lich, und war­um – bleibt im Kom­mu­ni­qué auf­fäl­lig unbe­ant­wor­tet.


Wer Sola­ris struk­tur­his­to­risch betrach­tet, erkennt ein Mus­ter. Das Ber­li­ner Unter­neh­men star­te­te 2016 mit einer API-basier­ten Bank­li­zenzin­fra­struk­tur für Neo­ban­ken und Fintechs, expan­dier­te in Iden­ti­ty, Cryp­to Cus­t­ody und den bri­ti­schen Markt durch die Über­nah­me von Con­tis – bei­des mit begrenz­tem Erfolg. Die Con­tis-Inte­gra­ti­on ende­te mit Com­pli­ance-Ver­sa­gen, mas­sen­haf­ter Kun­den-Off­boar­ding und BaFin-Auf­la­gen. Seit 2022 stand Sola­ris unter erhöh­ter regu­la­to­ri­scher Auf­sicht, ein Son­der­be­auf­trag­ter war instal­liert, Neu­kun­den­be­schrän­kun­gen wur­den ver­hängt. Der ADAC-Deal mit 1,2 Mil­lio­nen Co-Brand-Kre­dit­kar­ten­kun­den galt als ope­ra­ti­ver Beleg für Enter­pri­se-Fähig­keit. Was er tat­säch­lich belegt, dazu spä­ter. Und nun also die nächs­te Trans­for­ma­ti­on: KI-Agen­ten über­neh­men ope­ra­ti­ve Auf­ga­ben, Men­schen kon­zen­trie­ren sich auf Steue­rung und Gover­nan­ce, und Sola­ris wird „Euro­pas ers­te AI-nati­ve Bank”. CEO Stef­fen Jentsch, seit Jah­res­an­fang im Amt, spricht von einem ande­ren Skill­set, das man heu­te brau­che. Rund 20 Pro­zent der knapp 400 Mit­ar­bei­ter wer­den ent­las­sen. SBI Group aus Tokio, Mehr­heits­ak­tio­när seit der Series-G-Run­de im Febru­ar 2025, stellt erneut eine drei­stel­li­ge Mil­lio­nen­sum­me bereit.

Die­se Wie­der­ho­lungs­struk­tur ist ana­ly­tisch bedeut­sam. Sie ver­weist nicht zwin­gend auf stra­te­gi­sche Inkom­pe­tenz, aber auf ein struk­tu­rel­les Grund­pro­blem: Sola­ris hat bis heu­te kein sta­bi­les, pro­fi­ta­bles Geschäfts­mo­dell gefun­den. Der CEO-Wech­sel von Cars­ten Hölt­ke­mey­er zu Jentsch Ende 2025 ist inso­fern nicht nur eine Per­so­nal­ent­schei­dung, son­dern ein Signal, dass SBI den bis­he­ri­gen Kurs für geschei­tert hält. Jentsch bringt Erfah­rung als CIO bei Atru­via und als CIO/​CPO bei fla­tex­DE­GI­RO mit – bei­des Trans­for­ma­ti­ons­kon­tex­te, bei­des kei­ne unein­ge­schränk­ten Erfolgs­ge­schich­ten. Dass Jentsch in einem Inter­view ein­räumt, er habe damals „mit Neid nach Ber­lin geschaut”, als Sola­ris star­te­te, klingt eher nach kom­pen­sa­to­ri­scher Moti­va­ti­on als nach stra­te­gi­scher Kaltblütigkeit.

Das Skill­set-Argu­ment – weg von manu­el­ler Pro­zess­ar­beit, hin zu KI-Inte­gra­ti­on, Platt­form-Engi­nee­ring und Gover­nan­ce – ist in sich kohä­rent. Für einen BaaS-Anbie­ter, der sich als tech­ni­sche Infra­struk­tur für ande­re Insti­tu­te posi­tio­nie­ren will, ist es ope­ra­tiv nach­voll­zieh­bar. Kri­tisch zu prü­fen ist aller­dings, ob die Kom­pe­tenz für die­sen Umbau im Haus vor­han­den ist oder erst auf­ge­baut wer­den muss – und ob der Markt, den man bedie­nen will, tat­säch­lich wartet.

Das ursprüng­li­che Sola­ris-Modell basier­te auf einer plau­si­blen Idee: Wer eine Ban­king-Infra­struk­tur für ande­re baut und die regu­la­to­ri­sche Last über­nimmt, gewinnt durch Ska­lie­rung. Die Ziel­grup­pe waren Neo­ban­ken und Fintechs, die schnell an den Markt woll­ten, ohne Lizenz­auf­wand. Das Pro­blem war nicht die Idee, son­dern die Struk­tur­lo­gik des Mark­tes. Je grö­ßer und sta­bi­ler ein Fin­tech-Kun­de wur­de, des­to attrak­ti­ver wur­de für ihn die eige­ne Lizenz – oder der Wech­sel zu einem güns­ti­ge­ren, fokus­sier­te­ren BaaS-Anbie­ter. Das Kun­den­seg­ment war struk­tu­rell insta­bil: Wer wächst, ver­lässt. Wer schrumpft, zahlt nicht. Jetzt soll das­sel­be Modell mit Ban­ken als Kun­den funktionieren.

Die Argu­men­ta­ti­on lau­tet: Ban­ken brau­chen Tech­no­lo­gie­part­ner für KI-getrie­be­ne Pro­zess­mo­der­ni­sie­rung, kön­nen das intern nicht leis­ten und pro­fi­tie­ren von Sola­ris’ zehn­jäh­ri­ger API-Erfah­rung und Voll­bank­li­zenz. Was klingt wie eine Stär­k­epo­si­ti­on, ist bei nähe­rer Betrach­tung eine Schwä­che­po­si­ti­on in neu­em Gewand. Für Kre­dit­kar­ten­in­fra­struk­tur gibt es Mar­qe­ta, GPS, Thredd. Für Core-Ban­king-Moder­ni­sie­rung Teme­nos, Thought Machi­ne, Mam­bu. Für Com­pli­ance-Auto­ma­ti­sie­rung spe­zia­li­sier­te RegTechs. Für Embedded Finan­ce Swan und Cle­ar­Bank. All die­se Anbie­ter haben gegen­über Sola­ris einen ent­schei­den­den Vor­teil: Sie haben kein Com­pli­ance-Nach­hall aus BaFin-Son­der­auf­sicht, kein ADAC-Repu­ta­ti­ons­pro­blem, und kei­ne Kapi­tal­ab­hän­gig­keit, die euro­päi­sche Ban­ken als sou­ve­rä­ni­täts­po­li­ti­sches Pro­blem wahr­neh­men könn­ten. Der ein­zi­ge wirk­li­che Dif­fe­ren­zie­rungs­fak­tor von Sola­ris – deut­sche Voll­bank­li­zenz kom­bi­niert mit schnel­ler API-Archi­tek­tur – wird klei­ner, je mehr Wett­be­wer­ber Lizenz­part­ner­schaf­ten auf­bau­en oder eige­ne Lizen­zen erwer­ben. Er ver­schwin­det voll­stän­dig, wenn die Ziel­kun­den bereits selbst lizen­ziert sind und die Lizenz gera­de nicht brauchen.

Hin­zu kommt das ADAC-Deba­kel – und das ist kei­ne Rand­be­mer­kung, son­dern der schärfs­te ver­füg­ba­re Ein­wand gegen eine Bank­part­ner­schaft mit Sola­ris. Seit der Ber­li­ner Fin­tech-Bank Mit­te 2023 die Abwick­lung des ADAC-Kre­dit­kar­ten­ser­vices über­nahm und mehr als eine Mil­li­on Kun­den in das Sola­ris-Sys­tem migriert wur­den, häu­fen sich Berich­te über mas­si­ve Pro­ble­me: Bei unau­to­ri­sier­ten Abbu­chun­gen soll Sola­ris nicht oder erst nach Wochen reagiert haben, Kun­den sei­en mit auto­ma­ti­sier­ten E‑Mails abge­speist wor­den, Rück­erstat­tun­gen schlep­pend und intrans­pa­rent abge­wi­ckelt wor­den. Seit Jah­res­be­ginn 2025 sind über 1.000 Betrugs­fäl­le bekannt gewor­den. Die Ver­brau­cher­zen­tra­le Baden-Würt­tem­berg hat eine Unter­las­sungs­kla­ge ein­ge­reicht. Beson­ders gra­vie­rend sind Fäl­le, in denen Sola­ris selbst eine Kre­dit­kar­te wegen ver­mu­te­ter Phis­hing-Akti­vi­tä­ten gesperrt und dem Kun­den auto­ma­tisch eine neue Kar­te aus­ge­stellt hat­te – auf deren Abrech­nung sich dann unau­to­ri­sier­te Abbu­chun­gen fan­den, die mit der neu­en, dem Kun­den noch nicht vor­lie­gen­den Kar­te erfolgt sein sol­len. Die Kar­ten­da­ten lagen zu die­sem Zeit­punkt aus­schließ­lich bei Sola­ris. Ende Okto­ber 2025 führ­te ein Infra­struk­tur-Update zu Zah­lungs­aus­fäl­len, Kun­den wur­den auf­ge­for­dert, ihre Buchun­gen selbst zu kontrollieren.

Für eine Bank, die Sola­ris als Infra­struk­tur­part­ner erwägt, ist das kein his­to­ri­sches Rau­schen, das sich weg­re­tu­schie­ren lässt. Sie über­nimmt das Repu­ta­ti­ons­ri­si­ko all die­ser Vor­fäl­le und gibt es unter eige­nem Mar­ken­na­men an ihre Kun­den wei­ter. Das ADAC als Ver­brau­cher­schutz­mas­se von 21 Mil­lio­nen Mit­glie­dern hat die­ses Risi­ko lan­ge mit­ge­tra­gen. Eine regio­na­le Spar­kas­se oder mit­tel­gro­ße Pri­vat­bank, deren Kun­den­bin­dung auf jahr­zehn­te­lan­gem Ver­trau­en beruht, trägt den Scha­den unmit­tel­ba­rer, dau­er­haf­ter und ohne die Orga­ni­sa­ti­ons­grö­ße, die den Scha­den abzu­fe­dern erlaubt.

Zur Repu­ta­ti­ons­fra­ge kommt die Sou­ve­rä­ni­täts­fra­ge. Die SBI Group aus Tokio ist nicht nur Mehr­heits­ak­tio­när, son­dern de fac­to Lebens­ver­si­che­rung von Sola­ris. Für SBI ist das Ber­li­ner Fin­tech ein stra­te­gi­scher Hebel für den Auf­bau digi­ta­ler Finanz­in­fra­struk­tur in Euro­pa – ein „zen­tra­ler Bau­stein”, wie es aus Tokio heißt. Eine euro­päi­sche Bank, die Kern­pro­zes­se auf eine Platt­form aus­la­gert, deren stra­te­gi­sche Aus­rich­tung von einem japa­ni­schen Finanz­kon­zern mit­be­stimmt wird, begibt sich in eine ope­ra­ti­ve Abhän­gig­keit, die auf­sichts­recht­lich erklä­rungs­be­dürf­tig ist. Die BaFin ver­folgt Aus­la­ge­rungs­ri­si­ken im Rah­men von DORA mit wach­sen­der Auf­merk­sam­keit; Dritt­land­ab­hän­gig­kei­ten in kri­ti­scher Infra­struk­tur sind dabei expli­zit rele­vant. Die Lizenz ist deutsch, der Eigen­tü­mer ist japa­nisch, und ope­ra­ti­ve Ent­schei­dun­gen fol­gen der Kapi­tal­lo­gik. Was pas­siert, wenn SBIs eige­ne Prio­ri­tä­ten sich ver­schie­ben, oder wenn die euro­päi­sche Regu­lie­rung den Ein­fluss eines außer­eu­ro­päi­schen Finanz­kon­zerns auf eine deut­sche Voll­bank­in­fra­struk­tur kri­ti­scher beäugt? Die­se struk­tu­rel­le Pfad­ab­hän­gig­keit bleibt im Kom­mu­ni­qué natur­ge­mäß unerwähnt.

Hin­ter der Sola­ris-Geschich­te steht eine brei­te­re Bilanz, die die Fin­tech-Deka­de abschließt. Die ursprüng­li­che Erwar­tung lau­te­te: Tech­no­lo­gie-getrie­be­ne Angrei­fer wür­den eta­blier­te Ban­ken durch schnel­le­re Pro­zes­se, bes­se­re UX und nied­ri­ge­re Kos­ten suk­zes­si­ve ver­drän­gen oder zumin­dest dau­er­haft unter Druck set­zen. Was ist ein­ge­tre­ten? Die Ban­ken haben ihrer­seits digi­ta­li­siert – lang­sam, aber in der Brei­te. Die Neo­ban­ken haben Markt­an­tei­le gewon­nen, aber kei­ne struk­tu­rel­le Pro­fi­ta­bi­li­tät gefun­den: N26 schreibt immer noch Ver­lus­te, Revo­lut ist pro­fi­ta­bel, aber im Wesent­li­chen ein Pay­ment-Dienst­leis­ter, kein Ban­ken­her­aus­for­de­rer. Die BaaS-Anbie­ter wie Sola­ris haben Infra­struk­tur­pro­ble­me nicht gelöst, son­dern ver­scho­ben. Die wirk­li­che Dis­rup­ti­on kam nicht von Fintechs, son­dern, wie auf die­sem Blog bereits vor Jah­ren the­ma­ti­siert, von Big Tech im Pay­ment-Bereich und von KI-Anwen­dun­gen, deren Trä­ger Hypers­ca­ler sind, nicht spe­zia­li­sier­te Finanz­in­fra­struk­tur-Start­ups. Die Kon­so­li­die­rungs­lo­gik, die sich abzeich­net, ist die einer Com­mo­di­ty-Indus­trie: Das Finan­zie­rungs­vo­lu­men wird vor allem durch gro­ße Run­den bereits eta­blier­ter Fintechs getrie­ben – nicht durch neue Grün­dun­gen. BaaS selbst wird dabei zur not­wen­di­gen, aber nicht hin­rei­chen­den Infra­struk­tur – ver­gleich­bar mit Cloud-Hos­ting Mit­te der 2010er Jah­re: eine Enabler-Tech­no­lo­gie, die zur Stan­dard­leis­tung wird, sobald sie sich verbreitet.

Sola­ris hat weder die ers­te noch die letz­te die­ser Trans­for­ma­tio­nen vor sich. Ent­schei­dend ist, ob die Neu­po­si­tio­nie­rung hin zu Ban­ken als Ziel­kun­den mehr ist als ein Stra­te­gie­wech­sel unter Druck. Ban­ken als Kun­den zu gewin­nen ver­langt län­ge­re Ent­schei­dungs­zy­klen, tie­fe­re Due-Dili­gence-Pro­zes­se, höhe­re Com­pli­ance-Anfor­de­run­gen und einen Ver­trau­ens­auf­bau, der durch das ADAC-Kapi­tel bereits beschä­digt ist, bevor das ers­te Gespräch geführt wird. Mit 320 Mit­ar­bei­tern nach dem Stel­len­ab­bau und einem CEO, der seit drei Mona­ten im Amt ist, ist die orga­ni­sa­to­ri­sche Trag­fä­hig­keit für die­sen Kun­den­typ­wech­sel unbewiesen.

Was Sola­ris nicht braucht, ist ein über­zeu­gen­des Nar­ra­tiv. Es hat bereits meh­re­re. Was es braucht, ist einen Anker­ver­trag mit einer nam­haf­ten euro­päi­schen Bank, der beweist, dass das neue Modell zah­lungs­wil­li­ge Abneh­mer hat. Bis dahin beschreibt „Euro­pas ers­te AI-nati­ve Bank” den Markt, den man bedie­nen will – nicht den, den man hat.

Ralf Keu­per


Quel­len:

Stra­te­gi­sche Neu­aus­rich­tung /​ Stel­len­ab­bau

ADAC-Deba­kel

Markt­kon­text /​ Fin­tech-Struk­tur­de­bat­te