Smart City trifft Banking

Von Ralf Keuper

Die Vernetzung der Kommunen mit den Bürgern, dem Handel, der Industrie und der Forschung wird häufig unter dem Begriff “Smart City” zusammengefasst. Dabei sind weniger Millionenstädte gemeint, die in Deutschland ohnehin rar gesät sind, sondern vielmehr die sog. Mittelstädte. In Deutschland leben ca. 30 Prozent der Menschen in Mittelstädten, d.h. Kommunen mit einer Einwohnerzahl von 20.000 – 100.000 Einwohnern.

Beispielhaft dafür ist die Stadt Lemgo in Ostwestfalen-Lippe. Dort fiel gestern der offizielle Startschuss für das Projekt Lemgo Digital, das als IoT-Reallabor für Mittelstädte und Industrie 4.0 konzipiert ist. (Vgl. dazu: Lemgo Digital offiziell gestartet).

Um die Akzeptanz bei den Bürgern, den eigentlichen Adressaten von Lemgo Digital, sicherzustellen, sollen sie aktiv an der Gestaltung der verschiedenen Angebote aus den Bereichen Mobilität/Verkehr, Umwelt und Handel mitwirken können. Als “Experten des Alltags” hat ihre Stimme bereits in der Entwicklungs- und Testphase Gewicht. Weitere wichtige Akteursgruppen sind die Forschung, die Unternehmen und die Kommune. Die Unternehmen haben den Vorteil, Produkttests in einer frühen Phase durchführen zu können, die Kommunen haben die Gelegenheit, ihre Angebote für die Bürger auszubauen (Bürgeramt, Gewerbeamt etc.).

Für den Bereich Handel/Einkaufen ist ein Prototyp in der Umsetzung. Die Kunden sollen mittels einer App im Laden die Waren erfassen und bezahlen können. In etwa das, was Amazon mit Amazon Go in Seattle derzeit testet (Vgl. dazu: Amazon und WeChat steigen in den stationären Handel ein).

Im Bereich Umwelt geht es zunächst darum, Daten, die Aufschluss über die Umwelt- und Lärmbelastung geben, den Akteursgruppen (Bürger, Kommunen, Unternehmen, Forschung) zur Verfügung zu stellen. Die Bürger können die Daten für die Entscheidungsunterstützung verwenden, z.B. bei der Wahl ihres Wohnortes oder des bevorzugten Verkehrsmittel.

Die Unternehmen können im Idealfall auf Basis der Daten und unter aktiver Beteiligung der Nutzer/Kunden/Bürger neue Produkte oder Services entwickeln. So kann ein digitales Ökosystem entstehen, das die Bürger, Kommunen, Unternehmen, und wie im Fall Lemgos, die Forschung (Fraunhofer IOSB-INA), in einem überschaubaren Raum zusammenbringt (Vgl. dazu: Digitale Dörfer – Eine Chance für das Banking).

Banken kommen in dem Szenario bislang nicht vor bzw. spielen keine prominente Rolle. Dennoch wird das Modell ohne Banking, d.h. Abwicklung des Zahlungsverkehrs, Kredit- und Ratenfinanzierung, nicht auskommen. Diese Funktionen müssen nicht unbedingt von Banken ausgeführt werden. Jedoch sind Sparkassen und Genossenschaftsbanken in ihrer Rolle als Regionalbanken dafür nicht ganz ungeeignet. Wie das Beispiel Amazon Go jedoch zeigt, könnten sie weit in der Hintergrund gedrängt werden – Paydirekt lässt grüßen.

Vorstellbar sind Kreditmarktplätze wie überhaupt Plattformen (Data Banks), auf denen die Bürger, Unternehmen, Kommunen und andere Organisationen, wie Forschungseinrichtungen, die Daten sicher austauschen können. Besondere Bedeutung bekommen dabei die Themen Datenschutz. bzw. Datensparsamkeit. Wenn es gelingt, das nötige Vertrauenslevel herzustellen und die Akteure zur aktiven Teilnahme zu gewinnen, dann besteht die Chance, dass wir hierzulande einen Gegenmodell zu den großen digitalen Plattformen wie Amazon, Google oder Alibaba etablieren können, das überdies unserem Wirtschafts-und Bankstil entspricht.

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