Neue Quellen der Wertschöpfung im Banking

Von Ralf Keuper

Kaum eine Branche ist von den Auswirkungen der Digitalisierung so betroffen, wie die Bankenbranche. Das liegt zum einen an ihrer Rolle als Vermittler und zum anderen an der Beschaffenheit ihrer Produkte und Dienstleistungen. 

Durch das Internet sind die Geschäftsanbahnungs-, Such- und Abwicklungskosten (Transaktionskosten) deutlich gesunken. Das bedeutet für die Kunden bessere Vergleichsmöglichkeiten und für neue Anbieter niedrige Eintrittsbarrieren. Angebot und Nachrage können auch ohne Zwischenschaltung eines klassischen Vermittlers bzw. Finanzintermediärs zueinander finden, wie im P2P Lending und Crowdfunding. 
Anders als die Hersteller von Konsum- und Investitionsgütern, deren Produkte stofflicher Natur sind, können die Produkte der Banken, die sich letztlich nur aus Informationen zusammensetzen, sehr leicht digitalisiert werden. Je informationsintensiver ein Produkt oder eine Dienstleistung ist, um so mehr unterliegen sie den Prinzipien der Digitalisierung, d.h. Produktion und Vertrieb können nahezu vollständig über das Internet abgewickelt werden. Wie Hans E. Büschgen hervorhob, ist die Grenze zwischen Produktion und Vertrieb im Bankgeschäft aufgehoben. Das galt auch schon lange vor dem Einzug des Web 2.0. 

Neu hinzugekommen ist nun, dass die Produktion nicht mehr nur innerhalb der Bank, sondern in immer stärkeren Ausmass durch die aktive Beteiligung der Kunden und anderer Partner erfolgt. Schlagwörter, die in dem Zusammenhang häufig fallen, sind Crodwsourcing, Open Innovation u.a. Einige Banken wie die Credit Agricole und Westpac binden Kunden und Entwickler über offene Schnittstellen (Open API) bereits in die Produktentwicklung ein. Andere wie die Leumi Bank gewähren Entwicklern Zugriff auf die eigenen Entwicklungsumgebungen. 

In den Worten von Adrian Slywotzky kann man sagen, dass sich weite Teile der Wertschöpfung von den Banken zu  externen Partnern verlagern. Damit entzieht sich die Wertschöpfung weitgehend der Kontrolle der Banken. Künftig werden Produkte auch bzw. gerade nach der Lieferung noch weiterbearbeitet und verbessert. Ein offener Prozess, der sich nach seinen eigenen Regeln, oder in der Fachsprache übersetzt, mittels Selbstorganisation abspielt. 

Die Banken können darauf mit neuen Geschäftsmodellen und strategischen Innovationen antworten. Ein Beispiel ist die Förderung des Plattform-Gedankens. Die Banken können die Rolle des Organisators einer Plattform übernehmen, die unter ihrem Label läuft, in etwa so wie Apple mit iTunes. Jeremiah Owyang propagiert in seinem Modell der Collaborative Ecnomy, dass der Plattformbetreiber die Aufgabe hat, die Teilnehmer immer wieder zu neuem Engagement, neuen Ideen anzuregen. Die Erträge daraus kommen allen Teilnehmern zu Gute. Anderseits hat der Betreiber auch die Aufgabe, ständig nach neuen Partnern (Rechtsberatung, Finanzinformationen, Tool-Hersteller (PFM), IT-Infrastruktur, Berater usw.), die zur Wertschöpfung und zum Ideenfuss beitragen können, Ausschau zu halten. Überhaupt hat er das Ökosystem zu pflegen und zu hegen, wie ein Gärtner, wofür er dann auch bezahlt wird. Je nachdem, wie fruchtbar das Ökosystem ist, um so mehr Ertrag kann es liefern. Allerdings ist auch darauf zu achten, zumindest wenn man im Bild bleiben will, dass das Ökosystem nicht kollabiert. Die Frage ist dann allerdings, ob sich die Rolle mit den Prinzipen offener Systeme verträgt, oder ob sich die Betreiberrolle auf mehrere Köpfe – gleichberechtigt – verteilt.

Jedenfalls stehen mehrere Alternativen zur Verfügung – sowohl den Banken wie auch und vor allem neuen Anbietern. Das wiederum erfordert andere als die bisher gültigen Erlös- und Preismodelle, was letztendlich der eigentliche Knackpunkt ist.  

Die Fragen sind: 

  • Wer erhält welchen Anteil an der gemeinsamen Wertschöfpung und wie wird dieser berechnet?
  • Welche Leistungen werden überhaupt bepreist und wie werden sie dann bepreist?
  • Gibt es in der Sharing Economy künftig vielleicht sogar ganz andere Verrechnungsmechanismen und wie könnten diese aussehen?
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