Handwerker, Künstler und Technokraten im Banking – Die Mischung macht’s

Von Ralf Keuper

Einer der Gründe, weshalb die FinTech-Startups in den Banken neben einem wachsenden Interesse auch für einige Irritation sorgen, ist, dass in vielen Startups (noch) eine Führungskultur dominiert, die von einer Ausgewogenheit geprägt ist, die in den Banken so nicht anzutreffen ist. Es handelt sich keineswegs „nur“ darum, dass die FinTech-Startups technologisch innovativer sind.

Um das mehr zu verdeutlichen, ist eine Beschäftigung mit den Gedanken von Patricia Pitcher aus ihrem Buch Das Führungsdrama. Künstler, Handwerker und Technokraten im Management hilfreich.

Hauptdarsteller des Führungsdramas sind für Pitcher, wie der Titel schon sagt, Künstler, Handwerker und Technokraten, die sie wie folgt charakterisiert:

  • Künstler: Emotional, Visionär, Phantasievoll, Unternehmerisch
  • Handwerker: Beständig, Realistisch, Weise, Verantwortungsbewusst
  • Technokrat: Ernst, Detailorientiert, Akribisch, Methodisch

Wie alle Klassifizierungen ist auch diese nicht im streng wissenschaftlichen Sinn objektiv. Trotzdem eignet sie sich m.E. um einige Defizite zu verdeutlichen.

Derzeit, so wohl nicht nur mein Eindruck, dominieren in den Banken die Technokraten, gefolgt von den Handwerkern, wohingegen Künstler in dem vorliegenden Sinne wohl kaum bis weit unterdurchschnittlich vertreten sind. Das ist für Großkonzerne und traditionsbewusste Unternehmen auch nicht weiter verwunderlich bzw. nicht untypisch, also kein reines Problem der Bankenbranche.

Jedoch lassen die FinTech-Startups diese Konstellation zu Tage treten. Hier ist die Mischung ausgewogener. Technokraten sind (noch) in der Minderheit, die Künstler zumindest überproportional vertreten, die Handwerker dürften die Mehrheit stellen. Je größer und älter ein FinTech-Startup wird, um so höher wird der Anteil der Technokraten sein. Die Zahl der Künstler dagegen dürfte sich rückläufig entwickeln. Die Handwerker stellen bis auf weiteres den größten Anteil an der Belegschaft.

So jedenfalls meine Einschätzung.

Wie kann der Anteil der Künstler im Banking erhöht werden, sofern man darin ein Defizit erkennt?

Durch Spin-Offs, Spin-Outs, Beteiligungen an bzw. Übernahmen von FinTech-Startups? Barcamps, Hackathons? Welche Mischung ist die Richtige?

Wie lässt sich der „Spirit“ eines Startups in einem Bankkonzern erhalten oder erzeugen?

Dass dies auch in Großkonzernen grundsätzlich möglich ist, belegt u.a. Apple. Dessen „Spiritus rector“, Steve Jobs, darf wohl als Künstler im von Pitcher beschriebenen Sinn betrachtet werden.

In der Zeb.HR.Studie 2013 beschäftigte sich die Unternehmensberatung zeb mit dem Zustand und den Herausforderungen des Personalmanagement in kleinen und mittelständischen Banken und Sparkassen. Grundtenor der Studie war, dass die Lage des Personalmanagements in den kleinen Banken und Sparkassen angesichts sinkender Margen und wachsender regulatorischer Anforderungen kritisch ist. Erwähnt wurden auch die technologischen Herausforderungen wie Mobile Banking wie überhaupt die voran schreitende Disintermediation im Banking durch Non-Banks.

Die Herausforderungen sind seitdem noch deutlich gestiegen. Mit „klassischem“ Personalmanagement, so meine Vermutung, wird sich das Dilemma kaum beheben lassen. Auch hier sind neue Ansätze, neue Rollenmodelle nötig.

In seinem Buch The Ten Faces Of Innovation hat Tom Kelley von IDEO zehn Personenprofile/Rollen beschrieben, die in einem Unternehmen vorhanden bzw. besetzt sein müssen, um wirklich innovativ sein zu können. An erster Stelle steht für ihn der „Anthropologe“, was angesichts der Tatsache, dass sich im Internet eine neue Kultur gebildet hat, durchaus Sinn ergibt.

Banker als digitale Anthropologen quasi.

Jedenfalls erscheint es dringender denn je, dass die Banken auf die Veränderungen ihrer Umwelt mit einem neuen Rollenmodell und Selbstverständnis reagieren.

Weitere Informationen:

„Die meisten Manager reden erschreckend einfallslos“

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