FinTech-Startups und der “Halo-Effekt”

Von Ralf Keuper

Momentan, wo es für die Banken von allen Seiten, nicht selten, berechtigte Kritik hagelt, haben es die FinTech-Startups leicht, sich als die “Weißen Ritter” des Banking zu präsentieren. Mit ihrer nach außen betont locker und kollegial kommunizierten Unternehmenskultur, ihrem pragmatischem Vorgehen, das sich deutlich von den hierarchisch organisierten Banken abhebt, sind FinTech-Startups für viele Außenstehende der ultimative Gegenentwurf.

In letzter Zeit häufen sich jedoch Signale, die nicht so recht in das selbst- und von anderen gemachte Bild passen wollen. Es zeigt sich, dass der Führungsstil in einigen FinTech-Startups kaum von dem in Großkonzernen und/oder Familienunternehmen abweicht. Nach der Schönwetterperiode, wenn der Alltag einkehrt, treten ähnliche Symptome auf, wie sie für die gewöhnliche Bank, Sparkasse oder Softwareunternehmen typisch sind. Wie sollte es auch anders sein?

Letztendlich haben wir es hier mit dem Phänomen zu tun, das in der Fachwelt auch als Halo-Effekt (Wahrnehmungsfehler) bezeichnet wird. Bestimmte Personen oder Institutionen werden Eigenschaften zugerechnet, die weniger auf den Tatsachen, als vielmehr auf Zuschreibungen (Attributionen) basieren. Man sieht das, was man sehen will oder was man sehen soll. In etwa das, was durch das Märchen Des Kaisers neue Kleider große Bekanntheit erlangt hat.

In meiner Besprechung des Buches Der Halo-Effekt. Wie Manager sich täuschen lassen von Phil Rosenzweig schrieb ich dazu:

Das Buch räumt mit einer Vielzahl von Mythen und Legenden auf, die sich um die Erfolgsgeheimnisse der Top-Unternehmen wie einst Kodak, Digital Equipment, ABB und ihrer Lichtgestalten gebildet haben. Die Wahrheit ist häufig weitaus profaner: Der Erfolg hängt nicht selten von Zufällen, Sondereffekten und anderen situativen Faktoren ab, und weitaus weniger von der visionären Eingebung des Top-Managements oder der herausragenden Unternehmenskultur. Häufig werden Ursache und Wirkung verwechselt. Dass eine herausragende Unternehmensperformance fast immer automatisch mit einer klaren Strategie, offener Kommunikation, gemeinsam Werten, Innovationskraft usw. attribuiert wird, ist nicht überraschend. Ungewöhnlich ist dagegen der schlagartige Stimmungswechsel bei den Kommentatoren, die über ein Unternehmen, das sie noch im Jahr zuvor wegen seiner herausragenden Führung, Produkte und Kultur gelobt haben, bei nachlassender Performance auf einmal das genaue Gegenteil schreiben.

Diese Aussage lässt sich ohne allzu große Einschränkungen auf die FinTech-Startups übertragen. Insofern ist auch hier, “Welpenschutz” hin oder her, eine gesunde Skepsis den nicht selten zu vernehmenden Jubelmeldungen und Ansagen gegenüber nicht verkehrt.

Um nicht missverstanden zu werden: Ich halte FinTech-Startups in der Summe für absolut richtig und wichtig, um frischen Wind in das Banking, wie überhaupt in Wirtschaft und Gesellschaft zu bringen. Bei aller Sympathie sollten wir uns jedoch nicht zu sehr vom Schein vereinnahmen lassen.

Weitere Informationen:

Personalführung, Organisation und Kommunikation: Die eigentlichen Herausforderungen der FinTech-Startups 

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