Financial Services: Als der Warenhauskonzern Sears Roebuck in das Stammgeschäft der Banken drängte

Von Ralf Keuper

In den letzten Jahrzehnten sah es häufiger danach aus, dass die Banken durch neue, branchenfremde Mitbewerber aus ihrem Stammgeschäft verdrängt würden. So auch in den 1980er Jahren, als u.a. große Handelskonzerne dazu übergingen, ihren Kunden Finanzdienstleistungen – Financial Services – anzubieten. Zu dem Zeitpunkt unterhielt jeder zweite Amerikaner keinerlei Geschäftsbeziehung zu einer Bank. Stattdessen bevorzugten die Kunden die Dienste von Nichtbanken, wie Handelsunternehmen, Versicherungen, Brokerfirmen und Kreditkartenunternehmnen. Besonders erfolgreich auf diesem relativ neuen Gebiet war der seinerzeit größte Warenhauskonzern der Welt, Sears Roebuck. Für den damaligen für das Privatkundengeschäft zuständigen Deutsche Bank – Vorstand Eckhart van Hooven hatte sich Sears Roebuck bereits zu einem Finanzkonglomerat entwickelt. Eine Umfrage unter 571 Vorstandsmitgliedern von US Banken ergab, dass 40 Prozent der Befragten Sears Roebuck als ihren Hauptkonkurrenten einstuften. Für das Jahr 1990 waren 86 Prozent der Teilnehmer davon überzeugt, dass der Versand- und Warenhauskonzern aus Chicago ihr größter Wettbewerber sein würde. Darüber berichtete Stefanie von Viereck in dem Beitrag Gewerbe im Wechsel (manager magazin 9/1984). Sears konnte seinen 40 Millionen Kunden über 200 Filialen Versicherungsleistungen, Anlagenberatung und Hypothekendarlehen anbieten.

Auch im Kreditgeschäft standen die US-Banken unter großem Druck: Nur 110 Millionen von 565 Millionen Kreditkarten stammen von ihnen. Den Löwenanteil von 455 Millionen Karten teilten sich Nichtbanken, Mineralölfirmen, Hotels, Airlines, Mietwagenfirmen und Telefongesellschaften. Das Konsumentenkreditgeschäft der USA befand sich bereits im Jahr 1982 zu 60 Prozent in den Händen von Nichtbanken.

In Deutschland war von alledem wenig zu spüren. Hier sorgte schon allein das Universalbankmodell dafür, dass alles aus einer Hand angeboten werden konnte, was für hohe Markteintrittsbarrieren für neue Mitbewerber sorgte. In den den USA mit seinem durch den Glass-Steagall-Act eingeführten Trennbankensystem (Geschäftsbank oder Investmentbank) hatten es neue Mitbewerber zu der Zeit dagegen leichter, Finanzdienstleistungen im großen Stil anzubieten.

Jedoch war auch in Deutschland nicht alles eitel Sonnenschein. Mit Sorge nahmen die Banken zur Kenntnis, dass nur die Versicherer bei der privaten Geldanlage über einen Zeitraum von zehn Jahren zulegen konnten.

Zwar konnten ähnliche Entwicklungen, wie in den USA, in Deutschland noch nicht registriert werden; so ganz unbekümmert war man dennoch nicht. Solange der Zahlungsverkehr – als Schlüssel zum Kunden – in den Händen der Banken bleibe, bestehe indes kein Grund zur Sorge. Einen größeren Marktanteil konnte sich bis dato nur die Postbank erobern. Eine weitere Marktbarriere war das dichte Filialnetz in Deutschland mit zu dem Zeitpunkt (1984) 45.000 Zweigstellen.

Dem Modell von Sears am nächsten kam in Deutschland das Versandhaus Quelle mit der Noris Bank und der Hamburger Verbraucherbank AG. Letztere war laut des erwähnten Beitrags im manager magazin die führende Computerbank Deutschlands, was auch darin zum Ausdruck kam, dass die Kunden ihre Geschäfte über Btx abwickeln konnten.

Bereits damals waren führende Bankvertreter der Ansicht, dass die Banken ihr Gesicht als Folge der Computerisierung wandeln müssten: Der erwähnte Eckhart van Hooven sprach davon, dass die Banken „gigantische Kommunikationsunternehmen“ werden müssten. „Wesentliche Funktion einer Bank sei es, zuverlässige Daten zu kommunizieren, also Auskunft zu geben über alles, was den Umgang mit Geld betrifft“, wie mm-Autorin Stefanie von Viereck ergänzte.

Eine wichtige Rolle sollte nach Ansicht von Eckhart van Hooven bei diesem Prozess die Gesellschaft für Zahlungssysteme (GZS) übernehmen. Sie sollte dafür sorgen, dass Rationalisierungen nach einem einheitlichen Muster erfolgen, um so die größtmögliche Marktabdeckung zu erreichen.

Eine Frage begann einige Brancheninsider wie Branchenbeobachter schon zu beschäftigen: Was, wenn IBM und AT&T sich zusammenschlössen, um selber Finanzdienstleistungen anzubieten und sich damit nicht nur auf die Bereitstellung der Infrastruktur beschränken würden? In ihrer Analyse „Revolution im Bereich Financial Services“ aus dem Jahr 1983 entwarfen die Autoren Patrick Fraser und Dimitri Vittas für das Jahr 2000 das Szenario, wonach die traditionellen Banken durch neue Spezialinstitute und Allesanbieter abgelöst würden.

Das Szenario ist nicht eingetreten. An die Stelle von Sears Roebuck, Quelle & Co. sind die großen Internetkonzerne bzw. digitalen Plattformen wie Apple, Google, Samsung, Amazon und Alibaba getreten, die im online-Zahlungsverkehr (Internet Payments) und vor allem im Bereich Mobile Payments die Banken zu verdrängen beginnen. Hinzu kommen noch zahlreiche Fintech-Startups, die aber nicht über die nötige Markdurchdringung und Infrastruktur verfügen, um die Banken ernsthaft gefährden zu können, weshalb vielen von ihnen auf Kooperationen mit den Banken setzen. Das Beispiel Paydirekt zeigt, dass die Banken die Entwicklung, nicht mehr wie in der Vergangenheit, mit großer Gelassenheit beobachten können. Ihr Informationsmonopol, ihre Stellung als Drehscheibe für die Waren- und Informationsströme in der Wirtschaft ist dahin bzw. deutlich geschwächt. Die Digitale Souveränität ging weitestgehend verloren, die Abhängigkeit von den großen digitalen Plattformen mit ihren sozialen Netzwerken, ihrer Software (mobile Betriebssysteme) und ihrer Hardware (Smartphones, Tablet-PCs) ist immens. Die neuen Herausforderer wie WeChat und Alipay sind von einem anderen Kaliber als die Waren- und Versandhauskonzerne der Vergangenheit. Die Filiale, der Kundenkontakt hat sich in das Netz, auf die mobilen Endgeräte verlagert. Das Bankgeschäft wird zunehmend, wie Eckart van Hooven feststellte, von gigantischen Kommunikationsunternehmen dominiert, deren Bestreben es ist, zuverlässige Daten zu kommunizieren, also Auskunft zu geben über alles, was den Umgang mit Geld betrifft …

Dieser Beitrag wurde unter Banking abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.