Nomuras Geschichte lehrt, wie eine Institution aus jeder Krise gestärkt hervorgeht, weil politische Nähe Risiko in Vorteil verwandelt. Die deutschen Landesbanken zeigen ein verwandtes, aber anderes Muster: Nicht der einzelne Akteur übersteht jede Krise – mehrere sind daran gescheitert –, sondern das Konstrukt “Landesbank” selbst. Wer danach fragt, warum das so ist, findet die Antwort nicht am Markt, sondern in einer Konstellation von Interessen, die von dessen Urteil unabhängig ist.
Ein Akteur überlebt, eine Konstruktion überlebt
Im Fall Nomura ist es dieselbe Institution, die über mehr als ein Jahrhundert hinweg jede Krise nicht nur übersteht, sondern aus ihr gestärkt hervorgeht – gestützt auf Informationsvorsprünge und persönliche politische Nähe, die im entscheidenden Moment einen Retter finden. Bei den deutschen Landesbanken liegt der Fall anders. Die WestLB wurde 2012 vollständig abgewickelt, die HSH Nordbank 2018 an ein US-Investorenkonsortium verkauft – als Institute haben beide ihre ursprüngliche Existenz nicht überlebt. Und dennoch bewegt sich die Gruppe der Landesbanken seit Jahrzehnten von einer Krise zur nächsten, ohne dass die zugrundeliegende Konstruktion selbst je ernsthaft zur Disposition gestanden hätte.
Was hier überlebt, ist folglich nicht der einzelne Akteur, sondern ein Modell: die Idee, dass ein Bundesland – gemeinsam mit dem Sparkassenverbund – über “eine eigene” Bank verfügen soll. Einzelne Träger dürfen scheitern oder umstrukturiert werden, ohne dass dies die Grundkonstruktion in Frage stellt. Genau das unterscheidet den Fall von Nomura, wo Kontinuität auf Unternehmensebene das eigentliche Phänomen ist – und macht zugleich deutlich, dass die Erklärung woanders gesucht werden muss: nicht in der Geschicklichkeit eines Akteurs, sondern in den Interessen derer, die am Fortbestand der Konstruktion selbst festhalten.
Der Markttest, der längst gemacht ist
Bevor diese Interessen einzeln betrachtet werden, lohnt der Blick auf das, was fehlt: eine eigenständige Marktnachfrage nach der Institution Landesbank. Im regionalen Firmenkundengeschäft konkurriert sie mit den eigenen Anteilseignern, den Sparkassen, sowie mit Genossenschaftsbanken und der Commerzbank. Im internationalen Geschäft fehlen ihr Expertise und Marktmacht der Großbanken. Es lässt sich keine Kundengruppe benennen, die spezifisch auf eine Landesbank angewiesen wäre und nicht ebenso gut von einer Sparkasse, einer Geschäftsbank oder einem internationalen Institut bedient werden könnte. Der Markttest ist damit im Grunde längst gemacht – und fällt negativ aus. Was die Institution dennoch am Leben hält, muss folglich außerhalb dieses Tests liegen.
Vier Interessen, ein gemeinsamer Effekt
Das Bundesland als Haupteigentümer verfolgt dabei mehrere, teils sehr unterschiedliche Motive. Eine “eigene” Landesbank signalisiert wirtschaftliche Eigenständigkeit und politisches Gewicht – ein Bundesland ohne eigenes Kreditinstitut wirkt in dieser Logik ökonomisch bedeutungslos, unabhängig von der tatsächlichen Ertragskraft der Bank. Hinzu kommt das industriepolitische Interesse: Zugriff auf ein Institut, das regionale Förderprogramme, Infrastrukturvorhaben oder Mittelstandskredite mitträgt, ohne den Landeshaushalt direkt zu belasten. Nicht zu unterschätzen ist zudem die Funktion als Versorgungsinstrument: Aufsichtsrats- und Vorstandspositionen, die nach politischer statt fachlicher Logik vergeben werden, sind ein wiederkehrendes Element der Landesbanken-Geschichte. Und schließlich das fiskalische Kalkül in beide Richtungen: Dividenden in guten Jahren, die politische Unmöglichkeit eines Ausfalls in schlechten – eine implizite Garantie, die nie explizit bepreist wird, aber genau deshalb wirksam bleibt.
Der Sparkassenverbund als Miteigentümer verfolgt ein davon getrenntes, aber komplementäres Interesse: Das Zentralinstitut übernimmt Funktionen – Kapitalmarktzugang, Großkreditgeschäft, Zahlungsverkehrsclearing –, die die einzelnen Sparkassen allein nicht leisten könnten. Hinzu kommt ein Abwehrinteresse: die Verhinderung, dass ein fremder, etwa privater oder ausländischer Akteur die Kontrolle über dieses Zentralinstitut übernimmt. Auch dieses Interesse richtet sich auf den Fortbestand der Konstruktion, nicht auf deren wirtschaftlichen Erfolg im Einzelfall.
Das Bankmanagement selbst trägt ein drittes, eigenständiges Interesse bei: den Fortbestand einer großen, eigenständigen Institution statt einer geschrumpften regionalen Nische – ein Interesse, das über den bereits beschriebenen institutionellen Legitimationsdruck hinausgeht und schlicht Karriere- und Organisationslogik folgt.
Eine Koalition, die vom Markterfolg entkoppelt ist
Zieht man diese drei Interessen zusammen, ergibt sich eine Koalition, deren gemeinsamer Nenner nicht die Rentabilität der Bank ist, sondern deren bloßer Fortbestand als Institution. Das erklärt, weshalb einzelne Landesbanken scheitern können, ohne dass das Modell selbst erschüttert wird: Solange Land, Sparkassenverbund und Management ein Interesse am Fortbestand der Konstruktion haben, wird ein gescheitertes Institut abgewickelt, verkauft oder umstrukturiert – aber durch eine im Kern gleiche Konstruktion ersetzt oder neu aufgestellt, nicht durch deren Abschaffung.
Damit lässt sich die Differenz zu Nomura präziser fassen. Bei Nomura zieht ein Akteur aus der Krise selbst Vorteile, gestützt auf Informationsvorsprung und persönliche politische Nähe. Bei den Landesbanken überlebt eine Konstruktion, weil eine Koalition außerökonomischer Interessen robust genug ist, um auch das Scheitern einzelner Träger zu verkraften – gerade weil sie nie am Markterfolg der Bank hing, sondern immer schon neben ihm bestand.
Ob diese Koalition auf Dauer trägt oder ob sich – etwa unter zunehmendem fiskalischem Druck einzelner Bundesländer – Risse zeigen, die die Konstruktion selbst infrage stellen, lässt sich aus den vorliegenden Fällen nicht ableiten. Belastbar festhalten lässt sich vorerst nur: Solange diese Interessenkonstellation unverändert fortbesteht, dürfte auch die Landesbank als Institution fortbestehen – unabhängig davon, wie viele ihrer einzelnen Träger dabei auf der Strecke bleiben.
Ralf Keuper
Quellen
- FAZ: Landesbank Hessen-Thüringen – Halbjahreszahlen 2026
- Bankstil: Höchste Zeit für die geordnete Abwicklung der Landesbanken
- Bankstil: Die Landesbanken: Ein deutsches Bankendrama ohne Katharsis
- Bankstil: Nach der Sanierung ist vor der Sanierung? Was die Landesbanken-Geschichte über die NordLB lehrt
- Bankstil: Die Krise als Geschäftsmodell: Was über ein Jahrhundert Nomura über Finanzinstitutionen lehrt
