Der jüngs­te Gewinn­ein­bruch der Hela­ba wird meist mit dem Gewer­be­im­mo­bi­li­en­zy­klus erklärt. Das ist rich­tig, aber unvoll­stän­dig. Dahin­ter liegt ein bilanz­struk­tu­rel­les Pro­blem, das die Lan­des­ban­ken von Uni­ver­sal­ban­ken mit brei­ter Ein­la­gen­ba­sis grund­le­gend unter­schei­det – und das jede Wachs­tums­stra­te­gie in mar­gen­stär­ke­ren, aber ris­kan­te­ren Geschäfts­fel­dern nahe­zu erzwingt. Wäh­rend sich das wie­der­keh­ren­de Mus­ter aus poli­ti­scher Trä­ger­schaft, Wachs­tums­drang und anschlie­ßen­der Kri­se an sechs Lan­des­ban­ken-Fäl­len der ver­gan­ge­nen zwei Jahr­zehn­te bereits nach­zeich­nen ließ, geht es hier um eine tie­fe­re, bilanz­öko­no­mi­sche Ebe­ne: war­um sich die­ses Mus­ter über der­art unter­schied­li­che Län­der, Insti­tu­te und Jahr­zehn­te hin­weg so gleich­för­mig wie­der­ho­len konnte.


Das mar­gen­ar­me Kern­ge­schäft und sei­ne Voraussetzung

War­ren Buf­fett hat wie­der­holt dar­auf hin­ge­wie­sen, dass klas­si­sches Bank­ge­schäft – Ein­la­gen her­ein­neh­men, Kre­di­te ver­ge­ben, die Zins­dif­fe­renz ver­ein­nah­men – im his­to­ri­schen Durch­schnitt eine Eigen­ka­pi­tal­ren­di­te von etwa drei bis vier Pro­zent abwirft. Für vie­le Uni­ver­sal­ban­ken ist das bereits zu wenig, um Aktio­nä­re dau­er­haft zufrie­den­zu­stel­len; die Ver­su­chung, in ertrag­rei­che­re, aber ris­kan­te­re Geschäf­te aus­zu­wei­chen, ist ent­spre­chend verbreitet.

Die­se Faust­re­gel setzt aller­dings etwas vor­aus, das leicht über­se­hen wird: eine brei­te, gra­nu­la­re und größ­ten­teils unver­zins­te oder nied­rig ver­zins­te Ein­la­gen­ba­sis. Genau die­se Vor­aus­set­zung fehlt den Lan­des­ban­ken. Sie ver­fü­gen – anders als Spar­kas­sen, Genos­sen­schafts­ban­ken oder klas­si­sche Geschäfts­ban­ken mit Fili­al­netz – über kei­ne nen­nens­wer­te Pri­vat­kun­den­ein­la­gen­sei­te. Ihre Refi­nan­zie­rung erfolgt über­wie­gend über den Kapi­tal­markt (Pfand­brie­fe, unbe­si­cher­te Anlei­hen, Inter­ban­ken­geld) sowie über das Ver­bund­ge­schäft mit den ihnen zuge­ord­ne­ten Spar­kas­sen. Bei­des ist struk­tu­rell teu­rer und vola­ti­ler als die Fris­ten­trans­for­ma­ti­on einer Bank, die auf einem brei­ten Bestand an Sicht­ein­la­gen sitzt.

War­um die Gewähr­trä­ger­haf­tung mehr kom­pen­sier­te, als sicht­bar war

Die­se feh­len­de Ein­la­gen­ba­sis erklärt auch, wes­halb der Weg­fall der Gewähr­trä­ger­haf­tung 2005 für die Lan­des­ban­ken einen so viel tie­fe­ren Ein­schnitt bedeu­te­te als für ande­re Insti­tu­te. Solan­ge der Staat impli­zit haf­te­te, konn­ten sich Lan­des­ban­ken trotz feh­len­der bil­li­ger Ein­la­gen­ba­sis zu Kon­di­tio­nen refi­nan­zie­ren, die fak­tisch mit denen ein­la­gen­star­ker Ban­ken kon­kur­renz­fä­hig waren. Die Garan­tie kom­pen­sier­te nicht nur ein feh­len­des Markt­ver­trau­en, son­dern ersetz­te in der Bilanz­wir­kung einen struk­tu­rel­len Nach­teil, der zuvor kaum als sol­cher sicht­bar wurde.

Als die Garan­tie ent­fiel, ver­lo­ren die Lan­des­ban­ken zwei Vor­tei­le auf ein­mal: die Boni­täts­prä­mie der staat­li­chen Rücken­de­ckung – und eine Zins­mar­ge aus Kun­den­ein­la­gen, die es in die­ser Form nie gege­ben hat­te. Das fol­gen­de Aus­wei­chen ins Invest­ment­ban­king der 2000er-Jah­re, das spä­ter vor allem der WestLB zum Ver­häng­nis wur­de, lässt sich vor die­sem Hin­ter­grund weni­ger als rei­nes Manage­ment­ver­sa­gen lesen denn als eine fast zwangs­läu­fi­ge Reak­ti­on auf eine Bilanz­struk­tur, die im mar­gen­ar­men Kern­ge­schäft kei­ne aus­kömm­li­che Ren­di­te mehr hergab.

Die­sel­be Logik, neu­es Geschäftsfeld

Genau die­se Logik wie­der­holt sich aktu­ell im Gewer­be­im­mo­bi­li­en­ge­schäft. Hela­ba und NordLB haben ihr Enga­ge­ment in die­sem Seg­ment in den ver­gan­ge­nen Jah­ren gezielt aus­ge­baut – zu einem Zeit­punkt, als bereits vor einer Wel­le not­lei­den­der Immo­bi­li­en­kre­di­te gewarnt wur­de. Die jüngs­ten Halb­jah­res­zah­len der Hela­ba (Vor­steu­er­ge­winn von 458 auf 194 Mil­lio­nen Euro ein­ge­bro­chen, Risi­ko­vor­sor­ge um 53 Pro­zent erhöht, Jah­res­pro­gno­se deut­lich gesenkt) lie­fern dafür nun die Bestätigung.

Bemer­kens­wert ist dabei weni­ger der ein­zel­ne Ergeb­nis­rück­gang als das Mus­ter dahin­ter: Ohne ver­läss­li­che Zins­mar­ge aus einer brei­ten Ein­la­gen­ba­sis fehlt den Lan­des­ban­ken ein Ertrags­puf­fer, der es erlau­ben wür­de, im risi­ko­ar­men Geschäft zu ver­blei­ben. Die Mar­ge muss von anders­wo kom­men – meist über höhe­res Kre­dit­ri­si­ko, stär­ke­re Fris­ten­trans­for­ma­ti­on im Kapi­tal­markt­ge­schäft oder eben, wie aktu­ell, über eine Kon­zen­tra­ti­on auf ein Seg­ment mit höhe­rem Ren­di­te­ver­spre­chen, des­sen zykli­sche Risi­ken zum Zeit­punkt der Ent­schei­dung bereits erkenn­bar waren.

Drei Erklä­rungs­ebe­nen, ein gemein­sa­mer Befund

Der Legi­ti­ma­ti­ons­druck, dem Lan­des­ban­ken als Insti­tu­ti­on mit ero­dier­tem his­to­ri­schem Auf­trag aus­ge­setzt sind, die poli­ti­sche Trä­ger­schaft mit ihren eige­nen, oft haus­halts­ge­trie­be­nen Inter­es­sen – und die feh­len­de Ein­la­gen­sei­te sind damit kei­ne kon­kur­rie­ren­den Erklä­run­gen, son­dern drei Ebe­nen des­sel­ben Befunds. Die Bilanz­struk­tur lie­fert den öko­no­mi­schen Zwang, der Legi­ti­ma­ti­ons­druck und die poli­ti­sche Steue­rung die insti­tu­tio­nel­le Ver­stär­kung, war­um die­sem Zwang nicht durch Ver­klei­ne­rung des Geschäfts­mo­dells begeg­net wird, son­dern durch die wie­der­keh­ren­de Suche nach neu­en, ver­meint­lich lukra­ti­ve­ren Geschäfts­fel­dern. Die Ein­la­gen­lü­cke lie­fert dabei gewis­ser­ma­ßen den gemein­sa­men Nen­ner, der erklärt, war­um sich das­sel­be Ergeb­nis bei der­art unter­schied­li­chen Eigen­tü­mer­kon­stel­la­tio­nen, Bun­des­län­dern und Manage­ment­ge­ne­ra­tio­nen ein­stellt: Sie betrifft alle Lan­des­ban­ken glei­cher­ma­ßen, unab­hän­gig davon, wie umsich­tig oder unab­hän­gig ihre jewei­li­ge poli­ti­sche Auf­sicht im Ein­zel­fall agiert.

Ob sich dar­aus eine trag­fä­hi­ge Zukunfts­per­spek­ti­ve für die Lan­des­ban­ken in ihrer heu­ti­gen Form ablei­ten lässt, bleibt eine offe­ne Fra­ge. Belast­ba­rer lässt sich vor­erst nur fest­hal­ten: Solan­ge die struk­tu­rel­le Ein­la­gen­lü­cke fort­be­steht, dürf­te auch die Nei­gung fort­be­stehen, sie durch ris­kan­te­re Geschäf­te zu schlie­ßen – unab­hän­gig davon, in wel­chem Seg­ment sich die­se Nei­gung im jewei­li­gen Zyklus gera­de zeigt.

Ralf Keu­per


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