Lan­ge bevor es Rating­agen­tu­ren, Auf­sichts­be­hör­den oder Repu­ta­ti­ons­ma­nage­ment gab, muss­te sich der Kauf­mann und Ban­kier der Renais­sance eine Legi­ti­ma­ti­on erar­bei­ten, die weder Kir­che noch Adel ihm frei­wil­lig zuge­stan­den. Alber­to Ten­en­tis Stu­die zum sozia­len Typus des Renais­sance-Kauf­manns lie­fert dafür ein erstaun­lich aktu­el­les Voka­bu­lar – von Zeit als Kapi­tal bis zur Ambi­va­lenz zwi­schen Pro­fit und Seelenheil.


Ob sich eine his­to­ri­sche Epo­che über einen “Typus” beschrei­ben lässt, ist immer schon eine Set­zung, kei­ne Beob­ach­tung. Genau die­se Set­zung nimmt der ita­lie­ni­sche His­to­ri­ker Alber­to Ten­en­ti in sei­nem Bei­trag „Der Kauf­mann und der Ban­kier” aus dem Buch “Der Mensch der Renais­sance” vor: Er fragt, ob sich im Euro­pa zwi­schen dem begin­nen­den 15. und dem aus­ge­hen­den 17. Jahr­hun­dert ein eige­ner Men­schen­ty­pus her­aus­ge­bil­det hat – der des Kauf­manns und Ban­kiers – und wie er sich von sei­nem mit­tel­al­ter­li­chen Vor­läu­fer unterscheidet.

Die Ant­wort, die Ten­en­ti gibt, ist eine dop­pel­te. Zum einen war der Kauf­mann im Mit­tel­al­ter längst kein Außen­sei­ter mehr, son­dern neben Kle­rus, Adel und Bau­ern ein eigen­stän­di­ger, wirt­schaft­lich bedeut­sa­mer Stand. Zum ande­ren voll­zog sich zwi­schen dem 13. und 16. Jahr­hun­dert eine schlei­chen­de, aber fol­gen­rei­che Ver­schie­bung: von einer Han­dels­pra­xis, die sich noch mit dem Bal­last theo­lo­gi­scher Ver­bo­te – Zins­ver­bot, Wucher­dis­kurs, Aber­glau­be gegen­über Geld – her­um­schla­gen muss­te, hin zu einer zuneh­mend selbst­be­wuss­ten, metho­disch ver­fei­ner­ten Berufs­grup­pe, die eige­ne Instru­men­te ent­wi­ckel­te: dop­pel­te Buch­füh­rung, Wech­sel­brie­fe, Ver­si­che­run­gen gegen Handelsrisiken.

Das schlech­te Gewis­sen als Geschäftsmodell

Beson­ders auf­schluss­reich ist Ten­en­tis Rekon­struk­ti­on des inne­ren Zwie­spalts, in dem sich Kauf­leu­te und Ban­kiers gegen­über der kirch­li­chen Moral­leh­re befan­den. Reich­tum und Gewinn­stre­ben gal­ten als mora­lisch pre­kär; das See­len­heil hing in der Vor­stel­lung vie­ler Zeit­ge­nos­sen unmit­tel­bar von der Bereit­schaft ab, einen Teil des Ver­mö­gens für from­me Zwe­cke – Stif­tun­gen, See­len­mes­sen, kirch­li­che Bau­ten – bereit­zu­stel­len. Was zunächst wie ein Kon­troll­in­stru­ment der Kir­che wirkt, wur­de in der Pra­xis zu etwas ande­rem: zu einem Ablass­han­del im wört­li­chen Sin­ne, an dem bei­de Sei­ten ver­dien­ten. Der Auf­stieg der Fug­ger ist ohne die­ses Geflecht aus Kir­chen­fi­nan­zie­rung, Ablass­we­sen und bank­mä­ßi­ger Kre­dit­ver­ga­be – man den­ke an die Ver­bin­dung zum Main­zer Ablass­han­del unter Erz­bi­schof Albrecht von Bran­den­burg – kaum zu verstehen.

Ten­en­ti deu­tet das nicht als Heu­che­lei, son­dern als struk­tu­rel­les Merk­mal: Die Kauf­leu­te blie­ben in ers­ter Linie Bür­ger, denen an Anse­hen und Aner­ken­nung durch die Kir­che gele­gen war. Ihr gutes Ver­hält­nis zu ihr erschöpf­te sich nicht in Zynis­mus – es war Teil ihrer sozia­len Selbst­ver­or­tung, gera­de weil sie de fac­to eine gesell­schaft­li­che Macht­po­si­ti­on ein­nah­men, ohne dafür ein legi­ti­mie­ren­des Nar­ra­tiv wie Adel oder Kle­rus zu besitzen.

Zeit als Res­sour­ce, Risi­ko als Beruf

Der viel­leicht pro­duk­tivs­te Gedan­ke des Kapi­tels betrifft das Zeit­ver­ständ­nis. Wäh­rend Kir­che und mit­tel­al­ter­li­che Kul­tur die Ver­gäng­lich­keit des irdi­schen Lebens beton­ten, mach­ten die Kauf­leu­te Zeit zur Grund­la­ge ihrer Exis­tenz – nicht aus phi­lo­so­phi­scher Über­zeu­gung, son­dern aus prak­ti­scher Not­wen­dig­keit. Wer Kre­di­te ver­gibt, Fris­ten kal­ku­liert, über wei­te Distan­zen Waren ver­schickt und auf Markt­be­we­gun­gen reagiert, ent­wi­ckelt zwangs­läu­fig ein Bewusst­sein für Zeit als knap­pe, wert­vol­le Res­sour­ce. Ten­en­ti sieht dar­in einen der eigent­li­chen kul­tu­rel­len Bei­trä­ge der Kauf­manns­schicht zur Neu­zeit – deut­li­cher als die viel­zi­tier­te Auf­wer­tung der vita acti­va gegen­über der vita con­tem­pla­ti­va, die eher ein huma­nis­ti­sches Deu­tungs­mus­ter im Nach­hin­ein war als eine bewuss­te Posi­ti­on der Kauf­leu­te selbst.

Damit ein­her ging eine zuneh­men­de Pro­fes­sio­na­li­sie­rung des Risi­ko­ma­nage­ments: Ver­si­che­run­gen, Wech­sel­brie­fe, aus­dif­fe­ren­zier­te Ver­triebs- und Kre­dit­net­ze, die es erlaub­ten, Kapi­tal über Distan­zen und Zeit­räu­me hin­weg arbei­ten zu las­sen, ohne dass der Kauf­mann selbst stän­dig unter­wegs sein muss­te. Genau die­se Netz­werk­struk­tur – nicht die ein­zel­ne heroi­sche Kauf­manns­fi­gur – hält Ten­en­ti für den eigent­li­chen Kern des­sen, was den Renais­sance-Kauf­mann vom mit­tel­al­ter­li­chen unterscheidet.

Dynas­tien, Patro­na­ge, Statussymbole

Die zwei­te Hälf­te des Kapi­tels wid­met sich kon­kre­ten Bio­gra­fien: den Span­noc­chi in Sie­na, den Fug­ger und ihrem Auf­stieg über Berg­werks- und Münz­ge­schäf­te, den Medi­ci, deren poli­ti­scher Auf­stieg untrenn­bar mit ihrer Bank­ge­schäfts­tä­tig­keit ver­bun­den war, aber auch weni­ger bekann­ten Figu­ren wie Juan de Tor­ral­ba in Bar­ce­lo­na oder den Lübe­cker Kauf­manns­fa­mi­li­en Mulich und Ker­kring. An ihnen zeigt Ten­en­ti, wie unter­schied­lich die Wege in gesell­schaft­li­ches Anse­hen ver­lau­fen konn­ten: über Ämter in der Stadt­ver­wal­tung, über Kre­di­te an Fürs­ten, über den Erwerb von Adels­ti­teln, über kul­tu­rel­le Patronage.

Gera­de der letz­te Punkt ver­dient Auf­merk­sam­keit. Der Bau rei­cher Stadt­pa­läs­te, die För­de­rung von Kunst und Archi­tek­tur, die Finan­zie­rung von Druck­wer­ken – all das dien­te nicht nur der Reprä­sen­ta­ti­on, son­dern der Legi­ti­mie­rung einer Posi­ti­on, die weder durch Geburt noch durch geist­li­ches Amt gedeckt war. Kunst und Kul­tur wur­den, wie Ten­en­ti es for­mu­liert, zum Instru­ment, mit dem der Kauf­mann sein Pres­ti­ge gegen alte Vor­ur­tei­le absicherte.

Was davon bleibt

Man muss Ten­en­tis Chro­no­lo­gie – Beginn im frü­hen 15. Jahr­hun­dert, Ende um 1570 – nicht als Natur­ge­setz lesen, um sei­nem eigent­li­chen Punkt zuzu­stim­men: Der Typus des Kauf­manns und Ban­kiers ent­stand nicht durch einen ein­zel­nen Bruch, son­dern durch die lang­sa­me Ver­dich­tung von Prak­ti­ken – Buch­füh­rung, Risi­ko­ab­si­che­rung, Netz­werk­bil­dung, Zeit­dis­zi­plin – zu einer eigen­stän­di­gen sozia­len und men­ta­len Iden­ti­tät. Die­se Iden­ti­tät blieb bis zum Schluss ambi­va­lent: wirt­schaft­lich unver­zicht­bar, mora­lisch ver­däch­tig, gesell­schaft­lich unsi­cher positioniert.

Wer heu­te über die Legi­ti­ma­ti­ons­pro­ble­me des Finanz­sek­tors schreibt – über Ver­trau­en, Repu­ta­ti­on, das Ver­hält­nis zwi­schen Pro­fit­stre­ben und gesell­schaft­li­chem Nut­zen –, bewegt sich in Bah­nen, die Ten­en­ti für das 15. und 16. Jahr­hun­dert bereits nach­ge­zeich­net hat. Nur die Instru­men­te haben sich geän­dert, nicht die Grundfrage.

Ralf Keu­per