Als Henry Kravis 1988 den Lebensmittelkonzern RJR Nabisco für 31 Milliarden Dollar übernahm, war das mehr als nur ein spektakulärer Deal. Es war der Wendepunkt, an dem aus produktivem Kapitalismus finanzielle Spekulation wurde. Die Mechanik: 85% Fremdkapital, aggressive Zerlegung profitabler Sparten, Exit nach fünf Jahren. Tausende Jobs verschwanden, aber KKR machte Milliarden. Was damals schockierte, ist heute Standard. 2024 steigt dieselbe Firma bei der deutschen GfK ein. Die Methode: identisch.
Zwischen diesen beiden Deals liegt eine fundamentale Transformation westlicher Volkswirtschaften. Drei aktuelle Analysen – Oren Cass’ aktuelle ökonomische Diagnose in der New York Times[1]The Finance Industry Is a Grift. Let’s Start Treating It That Way., Katharina Pistors rechtswissenschaftliche Kritik in “Der Code des Kapitals” und Rana Foroohars empirische Bestandsaufnahme in “Makers and Takers” – zeichnen ein verstörendes Bild: Kapital fließt systematisch von produktiven Investitionen in spekulative Verwertung. Das ist kein Marktversagen, sondern rechtlich kodiert, politisch gewollt, strukturell angelegt.
Und Deutschland? Wir hatten ein besseres Modell. Mitbestimmung, Hausbanken, geduldiges Kapital, regionale Verankerung. Das alles erodiert – nicht durch äußeren Zwang, sondern durch bewusste politische Entscheidung. Die EU-Kapitalmarktunion ist dabei das institutionelle Vehikel, durch das Europa ein gescheitertes angelsächsisches Modell importiert, während es sein eigenes erfolgreiches zerstört. Das ist die tragische Dialektik unserer Zeit: Wir wissen, was falsch läuft – und machen trotzdem weiter.
I. Das Triptychon der Kritik: Cass, Pistor, Foroohar
Cass: Der gebrochene Kapitalkreislauf
Oren Cass, Direktor von American Compass, nennt es einen “Grift” – einen systemischen Betrug. Der amerikanische Finanzsektor konsumiert 25–30% aller Unternehmensgewinne, aber Realinvestitionen stagnieren seit den 1980ern. Produktionsjobs kollabieren im Rust Belt, die USA verlieren ihre Technologieführung in Zukunftssektoren an China. Nicht weil amerikanische Ingenieure schlechter geworden wären, sondern weil Kapital systematisch dorthin fließt, wo die höchsten kurzfristigen Renditen locken: zu Goldman Sachs, nicht in Fabriken.
Die Zahlen sind eindeutig. Unternehmen investieren immer weniger in Fabriken, Maschinen und produktive Anlagen. Aber das ist kein Zufall. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es strenge Regeln, die Banken und Investoren zwangen, ihr Geld in die Realwirtschaft zu stecken – in Fabriken, Infrastruktur, Produktion. Ab den 1970er Jahren wurden diese Regeln Schritt für Schritt abgebaut. Die Folge: Geld fließt heute dorthin, wo es am schnellsten wächst – und das ist nicht der Bau einer Fabrik, sondern der Handel mit Finanzprodukten.
Cass übersieht einige Probleme der Nachkriegszeit, aber sein Kernpunkt ist richtig: Wenn Goldman Sachs binnen Monaten 15% Rendite verspricht und eine neue Fabrik erst nach Jahren schwarze Zahlen schreibt, wandert das Kapital zu Goldman Sachs. Das ist logisch für den einzelnen Investor, aber zerstörerisch für die Gesellschaft. Denn Fabriken schaffen Arbeitsplätze und Wohlstand – Finanzspekulation nur Gewinne für wenige.
Pistor: Der Code des Kapitals
Katharina Pistor liefert die rechtliche Tiefenstruktur zu Cass’ ökonomischer Diagnose. Ihre These: Kapital wird nicht “natürlich” mobil – es wird durch Recht mobil gemacht. In “Der Code des Kapitals” zeigt sie, wie fünf rechtliche Codes finanzielle Assets systematisch privilegieren: Priorität (Gläubiger vor Arbeitnehmern bei Insolvenz), Dauerhaftigkeit (unbegrenzte Eigentumsrechte), Universalität (globale Rechtsdurchsetzung), Wandelbarkeit (Konstruktion neuer Assets wie Derivate) und Staatsdeckung (öffentliche Durchsetzung privater Claims).
Das Entscheidende: Der Staat garantiert diese Codes durch Gerichte, Polizei, Zentralbanken – aber die Ressource wird privat angeeignet. Wenn Private Equity ein Krankenhaus kauft, mit Schulden belädt, Immobilien in ein SPV auslagert und Konkurs anmeldet, greift das Insolvenzrecht zugunsten der Gläubiger. Nicht der Patienten, nicht der Angestellten, nicht der Gesellschaft. Das ist keine Korruption, sondern legale Extraction. Das Rechtssystem ist nicht neutraler Rahmen, sondern aktiver Enabler der Financialisierung.
Deutschland hatte historisch eine rechtliche Gegenbalance: Mitbestimmung, Betriebsverfassungsgesetz, stakeholder-orientiertes Gesellschaftsrecht. Die “Deutschland AG” mit langfristiger Kapitalallokation durch Hausbanken, Arbeitnehmervertretern in Aufsichtsräten, geduldigem Kapital. Aber seit den 1990ern systematische Erosion: Übernahmerecht liberalisiert (2002), Shareholder-Value-Doktrin importiert (Schrempp, Ackermann), PE-Strukturen umgehen Mitbestimmung, Insolvenzrecht reformiert zugunsten von Gläubigern (2012). Das Resultat: Deutschland konvergiert zum angelsächsischen Modell, ohne dessen Kapitalmarkteffizienz zu erreichen. Wir kombinieren die Nachteile beider Systeme.
Foroohar: Corporate Financialization als Praxis
Rana Foroohar dokumentiert, wie Financialisierung nicht nur Banken betrifft, sondern die gesamte Unternehmenslandschaft durchdringt. Ihre zentrale Beobachtung: Non-financial corporations verhalten sich wie Banken. GE Capital generierte zeitweise mehr Profit als GE’s Industriesparte und musste 2008 mit 139 Milliarden Dollar Steuergeld gerettet werden. Apple verfügt über 200+ Milliarden Dollar Cash offshore, nimmt aber trotzdem Kredite auf, um Aktien zurückzukaufen. Autohersteller verdienen mehr mit Finanzierung als mit Fahrzeugverkauf.
US-Konzerne gaben 2015–2020 über 4 Billionen Dollar für Aktienrückkäufe aus. Gleichzeitig stagnierende F&E‑Investitionen, verfallende Infrastruktur. Der Mechanismus ist simpel: Executive Compensation ist an Aktienkurs gekoppelt, Buybacks steigern Kurse kurzfristig, Boni fließen, langfristige Innovation wird geopfert. Deutschland importiert diese Logik. DAX-Konzerne wie SAP, Siemens, Daimler/Mercedes machen zunehmend Aktienrückkäufe – das war in den 1990ern noch unüblich.
Der Zeithorizont der Wirtschaft ist kollabiert. Früher blieben CEOs 10–15 Jahre, Investitionshorizont 5–10 Jahre, Bankkredite langfristig. Heute: CEO – Verweildauer durchschnittlich 5 Jahre, Investitionshorizont quartalsweise, Kapital hochliquid und exit-orientiert. Das ist nicht “effizienter”, sondern strukturell destruktiv.
II. Die historischen Architekten: Wriston, McNamara und der Nabisco-Deal
Walter Wriston: Geburt der Securitization
Wenn man einen Moment benennen müsste, an dem Financialisierung konkret wurde, wäre es Walter Wristons Erfindung des Certificate of Deposit in den 1960ern. Wriston, langjähriger CEO der Citibank, verwandelte Kredite in handelbare Wertpapiere. Traditionelle Banken vergeben Kredite und halten sie bis zur Fälligkeit (originate-to-hold). Wristons Innovation: originate-to-distribute. Kredite werden gebündelt, als Wertpapiere verkauft, von der Bilanz genommen.
Die Folgen waren radikal. Banken mussten Kreditrisiken nicht mehr langfristig tragen, Kreditvergabe wurde “industrialisiert” – Volumen wurde wichtiger als Qualität. Das ist die Geburtsstunde der Securitization, der rechtlichen und finanziellen Technik, die zur Subprime-Krise führte. Deutsche Banken importierten diese Logik in den 2000ern blind. IKB, HSH Nordbank, WestLB kauften massiv US-Subprime-CDOs, verstanden die Produkte nicht, aber die Renditen lockten. Das Resultat kennen wir.
Robert McNamara: Die Systemanalyse als Fluch
Robert McNamara brachte die Systemanalyse aus dem Pentagon in die amerikanische Industrie. Seine “Whiz Kids” – junge Mathematiker, die im Zweiten Weltkrieg Bombereinsätze optimiert hatten – implementierten bei Ford dieselbe Logik: Unternehmenssteuerung anhand von Finanzkennzahlen, nicht Produktqualität. Controller überstimmten Ingenieure. Kostenoptimierung schlug Design.
Die Resultate waren katastrophal: Ford Pinto mit explodierenden Tanks, der Edsel-Flop, diverse Modelle, die technisch mangelhaft aber “kosteneffizient” waren. McNamaras Kosten-Nutzen-Analysen akzeptierten bewusst Todesopfer, wenn Rückrufkosten höher wären. Die Systemanalyse wurde Standard in der amerikanischen Industrie. Bis heute dominiert das Controller-Denken. Bob Lutz, der langjährige GM/Chrysler-Manager, nannte es die “Erbsenzähler-Mentalität”, die Detroit ruiniert hat.
Deutschland hatte lange ein anderes Modell: Ingenieure dominieren Vorstände, nicht MBAs. Das war unsere Stärke – tiefe technische Kompetenz, langfristiges Denken. Hans-Jürgen Warnecke, Ingenieur und ehemaliger Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, warnte bereits 1992 in “Die Fraktale Fabrik” eindringlich:
Die Fokussierung auf rentable Finanztransaktionen oder Dienstleistungsgeschäfte entzieht der Produktion nicht nur wichtige Ressourcen, sie verstellt auch den Blick auf den Wert der eigentlichen Leistungserstellung. Vor einem Wertewandel nach amerikanischem Vorbild – weg vom Ingenieur, hin zum Broker – kann nicht eindringlich genug gewarnt werden.
Die Warnung kam zu spät – oder wurde ignoriert. Seit den 2000ern importieren wir genau diesen Wertewandel: McKinsey-Denken, Shareholder Value, Controller-Dominanz. Daimler unter Schrempp: Merger mit Chrysler nach Wall-Street-Logik, Desaster. Siemens: zunehmend finanzgetrieben, profitable Sparten verkauft. VW: Dieselgate als Resultat von Kostenoptimierung über Ingenieursethik. Der Wandel vom Ingenieur zum Broker, den Warnecke fürchtete, ist Realität geworden.
RJR Nabisco: Der Schlüsselmoment
Wenn Wriston und McNamara die intellektuellen Architekten waren, dann ist die Übernahmeschlacht um RJR Nabisco 1988 der Moment, wo Theorie zur brutalen Praxis wurde. “Barbarians at the Gate” dokumentiert mehr als nur einen Deal – es ist ein Sittengemälde einer Epoche.
Ross Johnson, der imperiale CEO von RJR Nabisco, wollte das Unternehmen selbst übernehmen. Henry Kravis von KKR bot dagegen. Was folgte, war ein monatelanger Bieterkampf, bei dem das Gebot von 25 auf über 31 Milliarden Dollar stieg – damals der größte Takeover der Geschichte. Die Mechanik eines Leveraged Buyout wurde perfektioniert: KKR investierte etwa 1,5 Milliarden Eigenkapital, lieh 29,5 Milliarden. Diese Schulden wurden auf das übernommene Unternehmen geladen. Nach der Übernahme verkaufte KKR profitable Sparten, um Schulden zu bedienen. Das ist Asset Stripping. Schuldzinsen sind steuerlich absetzbar – je mehr Schulden, desto weniger Steuern. Das ist staatliche Subventionierung von Financialisierung.
Die Autoren von “Barbarians at the Gate” schrieben: “Die Roaring Eighties waren ein goldenes Zeitalter. Man feierte das Siegen um jeden Preis in der ‘Casino Society’. Die Investmentbanker waren halb Croupiers, halb Alchimisten.” Das ist keine Übertreibung. Die 1980er sahen Insider Trading-Skandale, den Junk Bond-Boom, Hostile Takeovers als Normalität, “Greed is Good” als Motto. Die Machtverschiebung von Makers zu Takers wurde kulturell normalisiert.
RJR Nabisco war kein Ausreißer – es wurde Blaupause. Private Equity explodierte von 5 Milliarden Dollar 1980 auf über 500 Milliarden 2007. KKR kam Anfang der 2000er nach Deutschland. Demag Cranes, ProSiebenSat.1, MTU, Springer, und 2024 GfK. Dieselbe LBO-Mechanik. 36 Jahre später ist die Methode identisch, nur dass sie niemanden mehr schockiert.
III. Die empirische Forschung: Von Hayes bis Porter
Die Diagnose ist nicht marginale Kritik, sondern Mainstream-Forschung. Bereits 1980 warnten die Harvard-Professoren Robert Hayes und William Abernathy: Amerikanische Unternehmen konzentrieren sich auf Finanzkennzahlen, nicht auf Innovation. Ihre Prognose: USA wird industrielle Führung verlieren – an Japan, Deutschland. Sie hatten recht.
Henry Mintzberg argumentierte 2007, dass Produktivitätsfixierung Innovation zerstört. Wenn Management nur Effizienz misst, werden riskante Innovationen bestraft. Sicherer: Kostenkürzung, Outsourcing, Buybacks. Clayton Christensen warnte, dass Financialisierung Efficiency Innovation bevorzugt über Disruptive Innovation. Etablierte Konzerne investieren lieber in Buybacks als in riskante Wetten auf neue Märkte.
Michael Porters Studie zur US-Wettbewerbsfähigkeit 2016 ist vernichtend: “Die Wirtschaft funktioniert für Finanzinvestoren und Großkonzerne, nicht für Arbe…
References
