Blockchain – das neue Linux?

Von Ralf Keuper

Wenn es nach den Vorstellungen der Blockchain-Community geht, dann handelt es sich bei der Blockchain-Technologie um nichts weniger, als um das neue Internet. Wir befänden uns quasi im Jahr 1996, dem offiziellen Geburtsjahr des Internet. Die Diskussion um die Blockchain-Technologie ist mittlerweile von einer fast schon weihevollen Atmosphäre umgeben; da gießt  Jon Evans in Blockchains are the new Linux, not the new Internet reichlich Wasser in den Messwein. Statt der Parallelen zum Internet erkennt Evans deutliche Gemeinsamkeiten der Blockchain mit Linux:

I propose a counter-narrative. I put it to you that blockchains today aren’t like the Internet in 1996; they’re more like Linux in 1996. That is in no way a dig — but, if true, it’s something of a death knell for those who hope to profit from mainstream usage of blockchain apps and protocols.

Das ist nich unbedingt die Musik, die man in letzter Zeit zu hören gewohnt war. Ebenso wie Linux sei die Blockchain eine Technologie im Hintergrund. So wie Linux bislang im B2C – Geschäft kaum Fuss gefasst habe. Selbst Android ändere an dem Befund kaum etwas:

There are two billion active Android devices out there, and every single one runs the Linux kernel. When they communicate with servers, aka “the cloud,” they communicate with vast, warehouse-sized data centers … teeming with innumerable Linux boxes. Linux was immensely important and influential. Most of modern computing is arguably Linux-to-Linux.

Dass Linux sich nicht – wie ursprünglich angedacht – flächendeckend durchsetzen konnte, liegt auch daran, dass es eine Anwendung von Techies für Techies sei. Da helfe auch das Bekenntnis zu mehr Demokratie im Alltag wenig.

Similarly, open-source Linux was vastly more democratic, and more technically compelling, than the Microsoft and Apple OSes which ruled computing at the time. But nobody used it except a tiny coterie of hackers. It was too clunky; too complicated; too counterintuitive; required jumping through too many hoops — and Linux’s dirty secret was that the mainstream solutions were, in fact, actually fine, for most people.

Ähnlich wie Linux wird die Blochchain-Technologie laut Evans im Hintergrund ihr Werk verrichten, ohne dass den Nutzern dies bewusst ist. Es dürfte die Mehrheit von ihnen auch nicht sonderlich interessieren.

Die Zukunft wird zeigen, ob die Linux – Analogie zutreffender ist, als die Internet-Analogie. Die Argumente, die Evans anführt, sind zumindest plausibel.

Die Skepsis von Evans wird auf einer allgemeineren Ebene gestützt. Und zwar von dem Historiker Caspar Hirschi von der Universität St. Gallen. In dem Beitrag Die Automatisierung der Angst in der FAZ vom 26.05.17 stellt Hirschi mit Blick auf die öffentliche Diskussion ein fundamentales Defizit in der Technologiegeschichte fest:

Um die Glaubwürdigkeit von Automatisierungspropheten einzuschätzen, braucht es ein Grundwissen in Technologiegeschichte. Gerade daran fehlt es aber allenthalten. Schon nur die Behauptung, wir befänden uns in der rasantesten technologischen Revolution aller Zeiten, ist für die meisten Manager und Berater, Politiker und Journalisten nicht zu überprüfen, und so wird sie auf Tech-Konferenzen nachgebetet wie das Vaterunser in der Kirche.

Für etwas mehr Demut, so Hirschi, würde schon ein Blick auf die Zeit zwischen 1890 und 1910 ausreichen:

Zwischen 1890 und 1910 wurden Europa und Amerika elektrifiziert und motorisiert, Film, Farbfotografie und Radio erfunden, Röntgenstrahlen und Radioaktivität entdeckt, Stickstoffdünger und Adrenalin synthetisiert, Untergrundbahnen und Motorflugzeuge lanciert, Fließbandproduktion und Telefonkommunikation kommerzialisiert. Die Dynamik, die dadurch in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik entfacht worden ist, sucht heute ihresgleichen, und wir sollten vielleicht froh darüber sein.

Insofern erscheinen  Themen wie Künstliche Intelligenz und Blockchain in einem anderen Licht, was nicht heisst, dass sie keine Auswirkungen auf unser Leben haben und noch haben werden. Es geht allein um das Maß und die Einordnung.

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