Banking wird Teil eines neuen Systemzusammenhangs

Von Ralf Keuper

Es ist kaum noch zu übersehen, dass sich das Banking in einem Transformationsprozess befindet, dessen Ergebnis ein Systemwechsel sein wird. Anders gesagt: Das Banking wird Teil eines neuen Systemzusammenhangs. Zentrale Elemente dieses Systemzusammenhangs sind die übergeordneten Systeme Mensch, Wissenschaft, Natur, Wirtschaft und Gesellschaft. Banking ist eines von mehreren Teilsystemen, wie Mobilität und Energie.

Banking als Teilsystem 

Banking, ganz gleich auf welcher technologischen Ebene, ist Teil eines übergeordneten Systems. Problematisch wird es, wenn ein Teilsystem beginnt, sich zu verselbständigen, wie in den Jahren vor Ausbruch der Finanzkrise 2007/2008. Banking ist ein Servicegeschäft, es hat für die Wirtschaft eine dienende Funktion. Im Idealfall sind die Geschäftsbanken in der Lage, die Finanz-und Informationsflüsse in der Wirtschaft so abzustimmen (Clearing), dass keine Verwerfungen entstehen, d.h. keine größeren Blasenbildungen auftreten und die Kreditversorgung gewährleistet ist. Hierfür griffen die Banken in der Vergangenheit auf eigene sowie Informationen externer Dienstleister zurück. Von allen Akteuren in der Wirtschaft hatten sie den besten Überblick. Die Finanzkrise hat u.a. gezeigt, dass der Informationsstand der Banken mit der Informationsexplosion, u.a. als Folge der Verbreitung des E- und M-Commerce sowie elektronischer Börsen, nicht mehr Schritt halten kann. Ihre Funktion als Intermediäre wurde von digitalen Plattformen übernommen, die, wie Amazon, Google oder Alibaba, über einen Datenschatz verfügen, der relativ treffgenaue Aussagen über das künftige Verhalten der Nutzer zulässt. Banken sind von dieser Informationsquelle weitestgehend abgekoppelt. Stattdessen überwiegt hier die Sicht auf historische (Transaktions-)Daten. Mit der Verbreitung des Internet of Things wird sich dieser Zustand verfestigen, sofern es den Banken oder anderen bankähnlichen Instituten nicht gelingt, ihre Rolle als zentrale Clearingstelle für die Informationsflüsse in der Wirtschaft zurückzugewinnen. Ein Ansatzpunkt wären die Digitale Identitäten. Hierzu fehlt jedoch ein gemeinsames Konzept, wie zuvor bei dem HBCI-Standard. Insellösungen werden kein ausreichendes Gegengewicht zu der Macht der Internetkonzerne bilden können.

Banking als Teilsystem bedeutet in Zukunft, dass Banken oder bankähnliche Institute den Service wieder in den Vordergrund stellen. Die Blockchain-Technologie könnte, u.a. durch Smart Contracts, dafür sorgen, dass die Abwicklung von Transaktionen ohne menschlichen Eingriff, ohne zentrale Instanzen wie Banken erfolgt. Allerdings – ganz ohne Zentralisierung wird die Blockchain, werden Digitalen Währungen nicht funktionieren. Die Frage ist, wer dieses Vakuum ausfüllen wird. Es ist keineswegs ausgemacht, dass den Geschäftsbanken diese Rolle wie von selbst zufällt.

Banking rückt in den Hintergrund – Die Unsichtbare Bank

Bis heute gehören Banken in Städten und Gemeinden noch zum gewohnten Bild. Jedoch nimmt die Zahl der Filialen ebenso wie der Banken kontinuierlich ab. Mit dem Verschwinden aus ihrem Gesichtsfeld werden sich die Kunden an eine Welt ohne Banken gewöhnen – das gilt um so mehr für die kommenden Generationen. Die meisten Kunden suchen ihre Filiale ohnehin im Schnitt nur noch einmal im Jahr auf. Ein Trend, der sich weiter verstärken wird. Wenn der Kunde in Zukunft eine (Finanz-)Transaktion durchführt, wird das nebenbei geschehen, ohne dass ihm bewusst ist, dass eine Bank oder ein anderer Finanzdienstleister für die Ausführung sorgt. Die Bank wird unsichtbar (Vgl. dazu: Ist die Bank der Zukunft unsichtbar?). Das Smartphone wird zur Bank bzw. die Bank wird Teil des Smartphones –  als App oder in anderer Form.

Automatisierung wird zu einem drastischen Personalabbau führen

Die Bankenbranche ist das, was in der Vergangenheit die Kohle- und Stahlbranche waren. Die Zahl der Beschäftigen ist seit 2000 deutlich zurückgegangen – um ca. 20 Prozent. Die Zahl der Auszubildenden ist stark rückläufig – man kann hier durchaus von einem Einbruch sprechen (Vgl. dazu: Bankenbranche auf den Spuren der Stahlindustrie #2). In der Vergangenheit war die Zahl der Auszubildenden, vor allem die der übernommenen, ein Indiz für das Vertrauen der Banken in ihre eigene Zukunft.

In Zukunft  werden Softwareroboter und humanoide Roboter viele Aufgaben übernehmen, die heute noch von Mitarbeitern ausgeführt werden (Vgl. dazu: Softwareroboter erobern das Banking: Interview mit Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer (Scheer Group). Sicherlich werden auch wieder neue Arbeitsplätze entstehen – vorwiegend in der Informatik bzw. Cybersecurity. Das wird jedoch nicht ausreichen, um den Rückgang auszugleichen. Daraus folgt jedoch keineswegs, dass die Zahl der Arbeitsplätze im Banking schrumpfen wird. Nur werden die neuen Jobs in anderen Unternehmen entstehen, die bislang noch gar nicht auf der Bühne erschienen sind. Das könnten Fintech-Startups sein – müssen es aber nicht.

Open Banking 

Ein Weg für die Banken, ihrem schleichenden Bedeutungsverlust entgegenzuwirken, besteht darin, Dritten den Zugang zu ihren Systemen zu gestatten. Die Kunden könnten selbst entscheiden, wem sie ihre Daten Verfügung stellen. Im Idealfall können Dritte, sog. Third Party Provider die Daten dazu verwenden, den Kunden Vorschläge für die Verbesserung ihrer finanziellen Situation zu geben, u.a. Ausgabenvergleiche, Vergleichsangebote für Strom, Versicherungen etc. . Die Banken würden also ein Stück Autonomie aufgeben, um im Gegenzug die Kunden als vertrauensvoller Hüter ihrer Daten und Interessen stärker an sich zu binden. Banken würden Bestandteil eines Ökosystems, in dem jeder das macht, was er oder sie am besten kann, ohne sich dabei zu sehr ins Gehege zu kommen. Die Zukunft wird zeigen, ob diese Rechnung aufgeht. Es ist nämlich nicht auszuschließen, dass die Internetkonzerne und Telekommunikationskonzerne die eigentlichen Profiteure des Open Banking sind und nicht, wie vielfach angenommen, die Fintech-Startups. Letzteren fehlt derzeit sowohl das Vertrauen (auch der Bekanntheitsgrad) bei den Kunden sowie die Skalierung.

Renaissance des Relationship Banking 

Je mehr die Datenökonomie sich durchsetzt, um so mehr steigt der Bedarf nach einer vertrauensvollen Instanz, welche die Interessen der Kunden wahrnimmt und deren Daten und digitalen Vermögenswerte schützt. Derzeit sind die großen Datenkonzerne die einzigen wirklichen Profiteure der Datenökonomie. An den Erträgen aus ihren Daten werden Kunden kaum bis gar nicht beteiligt. Aufgabe des Relationship Banking wäre es, den Kunden die Möglichkeiten aufzuzeigen, wie sie ihre Daten vor der Verwendung Dritter schützen können. Die Umsetzung der Datenschutzgrundverordnung sieht u.a. vor, dass die Unternehmen die Daten der Nutzer nur dann verwenden dürfen, wenn diese zuvor ihre Zustimmung gegeben haben. Schon heute buhlen diverse Datenmarktplätze um die Gunst von Endverbrauchern und Unternehmen (Vgl. dazu: Datenmarktplätze auf Blockchain-Basis). Von großer Bedeutung sind Fragen der digitalen Ethik (Vgl. dazu: Die digitale Ethik – normative Orientierung in der vernetzten Welt). Vorstellbar sind Banken für digitale Ethik (Vgl. dazu: Banken für digitale Ethik – Personal Data Banks) oder Identity Banks. Es könnte sein, dass viele Kunden die Sache selbst in die Hand nehmen, und in gewisser Hinsicht ihre eigene Bank sein werden (Vgl. dazu: Internet of Me, oder: Be your own bank).

Geschlossene Systeme gehören der Vergangenheit an

Die meisten Banken agieren noch immer als geschlossenes System. Man ist bestrebt, das Geschäft im eigenen Haus, im eigenen Verbund, wie bei den Sparkassen und Genossenschaftsbanken, zu halten. Das war in der guten alten Zeit eine Option, als die Banken noch die zentrale Anlaufstelle der Menschen in Finanzfragen waren und die Distributionskanäle dominierten. Das hat sich mit dem Aufkommen der Plattformökonomie, wofür Google, Apple, Amazon und facebook stellvertretend sind, grundlegend gewandelt. Zwar tragen diese Plattformen wiederum selbst Züge geschlossener Systeme – nur können sie ein Spektrum abdecken, das Banken nicht möglich ist- genannt seien Hardware (Smartphones, Tablet PCs), Software (Betriebssysteme, Appstores), Entertainment, Logistik, Soziale Netzwerke und Payments. Bis auf weiteres wird sich daran wenig ändern. Das Beispiel paydirekt zeigt, dass die Banken mit ihrem gewohnten Vorgehen nicht mehr den gewünschten Erfolg erzielen.

Solange sich die Banken nicht auf gemeinsame, offene Standards einigen, wie im Bereich Digitale Identitäten, sieht es für ihre Zukunft nicht allzu gut aus. Nur so können sie den Kunden Services bieten, für die sie zu bezahlen bereit sind. Dafür müssten die Banken ihre Abhängigkeit, ihre Zugehörigkeit zu dem neuen Systemzusammenhang akzeptieren. Keine Bank, und sei sie auch noch so groß, kann sich dieser Entwicklung auf Dauer entziehen. Bilanzmanagement sowie Versuche, die alte Kontrolle mit bewährten Methoden und Organisationsmodellen zurückzugewinnen, werden nicht zum Ziel führen. So viel ist sicher.

 

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2 Kommentare zu Banking wird Teil eines neuen Systemzusammenhangs

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