Banking als Teil des Medienwandels #3

Von Ralf Keuper
Wie stark das Bankgeschäft vom Medienwandel beeinflusst wird, ist in den letzten Monaten deutlich zum Vorschein gekommen. Aktuelles Beispiel dafür ist das Angebot des chinesischen Internetkonzerns Tencent an die Benutzer seiner Messaging-App WeChat, Geld mobil auch ohne direkte Einbindung eines Bankkontos transferieren zu können
Payment ist auf dem Weg, das neue Leitmedium zu werden
Vor einigen Monaten schrieb ich dazu auf diesem Blog: 

Ohne es zu merken, befinden sich die Banken inmitten eines Medienwandels, wie es vor ihm nur wenige gab. Die neuen Herausforderer sind ihrem Wesen nach Medien- und Kommunikationskonzerne. Problematisch daran ist, dass sie die Kontrolle über die Kommunikationskanäle haben, über die heute und in Zukunft weite Teile der Bankgeschäfte abgewickelt werden. Das war früher anders. Keine Fernsehanstalt, keine Zeitung, kein Rundfunk und auch keine Suchmaschine für sich genommen konnten in das Bankgeschäft, jedenfalls nicht im großen Stil, einsteigen, noch hatten sie entsprechende Ambitionen. Neue Wettbewerber kamen aus den “eigenen Reihen”, wie Spezialbanken oder Direktbanken.

Allein WeChat zählt mehrere hundert Millionen Nutzer. Soziale Medien und Messaging-Dienste übernehmen im Banking eine Schlüsselfunktion
Vor etwas mehr als einem Jahr schrieb Ben Rossi:

In other words, the integration of a payments service within social media will turn the likes of Facebook, LinkedIn and others into the ultimate destination for payments and e-commerce.

Erst vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass Apple den Einstieg in P2P Mobile Payments plant. Damit würde sich der beschriebene Trend verstärken. Es wäre die logische Konsequenz. 
Die Zahlungsverkehrsinfrastruktur verlagert sich in die sozialen Netzwerke und damit häufig auch gleichzeitig in die digitalen Ökosysteme (Alibaba, Amazon, Apple, Google, facebook, Samsung etc.). Die Banken werden immer mehr auf die Rolle von Statisten reduziert. Anders als in der Vergangenheit dominieren sie nicht mehr die Kommunikationskanäle, über die die Transaktionen abgewickelt werden. Eine Tatsache, die in ihrer vollen Tragweite erstaunlicherweise nicht nur in den Banken noch immer nicht erkannt wird. Stattdessen hält sich dort der Glaube an die eigene Unabkömmlichkeit und Systemrelevanz, wenngleich die Zweifel zunehmen.
Doch das ist noch nicht alles. Wir befinden uns derzeit noch in der Anfangsphase eines Medienwandels, der mit dem relativ neuen Forschungsparadigma Medien der Kooperation erfasst wird. 
In einer Pressemitteilung heisst es dazu: 

Digitale Medien lassen sich … nicht mehr als Einzelmedien verstehen. Vor der Digitalisierung war ein Telefon ein Apparat mit einer einzigen Funktion, heute ermöglichen Smartphones drahtlos den Zugriff auf Datenspeicher im Internet sowie auf vernetzte soziale Plattformen und so die kooperative Interaktion zwischen Millionen Menschen. Damit müssen nun auch klassische Einzelmedien als Medien der Kooperation noch einmal anders verstanden werden.

Banken begreifen in ihrer Mehrheit Medien als Einzelmedien und nicht als Medien der Kooperation. Daher auch die Anfälligkeit für Mehrkanal. Die Filiale wird ebenso als Einzelmedium aufgefasst, wie der Online-Auftritt, der GAA und die Smartphone-App. Daraus resultiert ein bestimmtes Kunden- und Marktverständnis. Kooperation über die Grenzen des eigenen Unternehmens, der eigenen Gruppe hinweg ist in diesem Weltbild die Ausnahme. Es gilt, die Welt in die Bank zu holen, wie es früher üblich und auch erfolgreich war, da man die Einzelmedien am besten zu kombinieren verstand und keine echte Alternative vorhanden war. Die Medien, seien es GAA, KADs, AKTs, Geldnoten bis hin Online-Banking, konnten dieser Logik gemäß integriert werden, ohne die Grenzen des eigenen Systems Bank mental verlassen zu müssen. Das hat sich heute grundlegend gewandelt. 
Es ist fraglich, ob den Banken dieser Perspektivwechsel noch gelingen wird, da er eine wahre Kulturrevolution darstellt. Die Erfahrung stimmt hier nicht gerade zuversichtlich. 

Die Internetkonzerne haben auf diesen Wandel mit dem Aufbau ihrer Plattformen oder Ökosysteme reagiert, was ihnen einen großen Wettbewerbsvorteil verschafft.  

Sicherlich ist es vor diesem Hintergrund begrüßenswert, wenn die Banken die Nähe zu den FinTech-Startups suchen, um die eigene Blickverengung zu überwinden. Allerdings besteht hier die akute Gefahr, sich erneut in eine gestaltete Umwelt zu begeben, in der in etwa dieselben Grundannahmen herrschen. Denn Fintech-Startups teilen für gewöhnlich die Marktsicht der Banken, sie wollen im Grunde nur die besseren, digitaleren Banken sein. Dass sich aber, wie beschreiben, die Grenzen des Bankgeschäfts verschieben, weite Teile sich in neue Medienkanäle verlagern, die ein anderes Vorgehen erfordern, bleibt dabei häufig unbeachtet. 
Wenn Medien der Kooperation das neue Paradigma sind, dann müssen die Banken sich darüber klar werden, dass ihre Rolle nicht mehr die des Hüters des Geldes, sondern die von Partnern ist, die den kontinuierlichen Austausch mit ihren Kunden suchen, weil beide Seiten wissen, dass sie aufeinander angewiesen sind, einander vertrauen können, und gemeinsame Interessen haben, wie das bei den Genossenschaftsbanken und Sparkassen vor sehr langer Zeit mal der Fall war. 

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