Aufstieg und Fall von Salomon Brothers

Von Ralf Keuper

Der Gang der Geschichte ist von Wechselfällen und sprunghaften Entwicklungen geprägt, die es schwer machen, einen Plan zu erkennen. Wenn es schon nicht möglich ist, die Zukunft vorherzusagen, so liefert die Geschichte dennoch genügend Anschauungsmaterial, das den Schluss zulässt, dass sich gewisse Muster wiederholen, so als würde es sich hierbei um ein (Natur-)Gesetz handeln. Diese Annahme gilt in besonderer Weise für die Bankgeschichte. Das Kommen und Gehen der Moden, der Stilepochen, ist eng verbunden mit Namen herausragender Persönlichkeiten und Finanzinstitute.

Während der 1980er Jahre begann sich im Banking, genauer gesagt, im Investmentbanking, ein neuer Stil zu etablieren, dessen Auswirkungen bis zum heutigen Tag spürbar sind. Wie kaum ein anderes Haus jener Zeit symbolisierte Salomon Brothers diesen Umbruch. Ein Lehrstück von ungebrochener Aktualität – quasi zeitlos.

Der Goldrausch der 1980er Jahre bewog einige namhafte Schriftsteller und Intellektuelle dazu, sich intensiver mit diesem Phänomen zu beschäftigen. Am bekanntesten dürfte das Buch Fegefeurer der Eitelkeiten von Tom Wolfe sein. Der bekannteste Film aus der Zeit ist neben Fegefeuer der Eitelkeiten sicherlich Wall Street von Oliver Stone.

In einem Interview (“Noch mal rauf, ehe es endgültig kracht”) mit dem Spiegel im Jahr 1988 äußerte sich Wolfe über das veränderte gesellschaftliche Klima im New York der 1980er:

Ich lebe jetzt hier seit 26 Jahren, so hitzig wie jetzt war das Geldfieber noch nie. Der Grund liegt bei den Investment-Banken und in der Spekulationsbranche. Das ist eine richtige Industrie geworden, dort arbeiten inzwischen mehr Menschen als in der Textilbranche. Diese Geldmaschine bestimmt das gesamte kulturelle Klima der achtziger Jahre, .. .

Bereits ein Jahr vor dem Interview, im Jahr 1987 erlebte die Wall Street den größten Crash seit 1929. Als Folge davon verloren tausende Investmentbanker ihre Jobs.

In die Riege der führenden Investmentbanken (1Tier) drängelte sich in den 1980er Jahren das Brokerhaus Salomon Brothers unter ihrem charismatischen Chef John Gutfreund. Paul Ferris schilderte den Aufstieg von Salomon Brothers aus der zweiten Reihe in die erste Liga der Investmentbanken in seinem Buch Das Milliardenkartell:

Salomon war eine draufgängerische Firma von Bondhändlern, die sich in den letzten zwanzig Jahren erfolgreich in den gesamten Bereich des Investmentbankgeschäfts vorgedrängt hat. Im Jahre 1983 löste sie Morgan Stanley als größte kapitalbeschaffende Firma der Welt ab, indem sie als Konsortialführer für 176 Emissionen fungierte, die insgesamt fast 16 Milliarden Dollar aufbrachten. Drei Brüder gründeten 1910 das Unternehmen. Seine gegenwärtigen Büros, die neun Stockwerke eines Turmes an der New Plaza Nr. 1 einnehmen, an der Spitze der Finanzhalbinsel, sind geräumig und gut dekoriert, aber nicht mit den historischen Drucken und Porträts ausgestattet, die man in manchen Wall-Street-Firmen findet. Zum Inhalt eines Bücherschranks im Wartebereich im zweiundvierzigsten Stock gehören die Werke von Thackeray, eine “Geschichte von Harlem” und gebundene Jahrgänge der Zeitschrift National Geographic, mit 1909 anfangend. Als ich ich jemand fragte, ob die Bücher wegen ihres Wertes für die Öffentlichkeitsarbeit ausgewählt worden seien, fragte der zurück: “Welche Bücher?”.

Der Stilwandel im Investmentbanking, d.h. der Übergang vom Relationship Banking zum Transactional Banking, den keiner so für sich zu nutzen wusste wie Gutfreund und Salomon, war letztlich Grund für den Aufstieg und Fall von Salomon. Besonders eindrücklich schildert dieses Drama die New York Times in TOO FAR, TOO FAST; Salomon Brother’ John Gutfreund.

Der rasante Aufstieg von Salomon hatte seinen Preis, genauer: seine Risiken. Mit der Zeit liefen die Kosten aus dem Ruder. Hinzu kam, dass Gutfreund zunehmend die Übersicht verlor. Als dann ein Teilhaber seinen Anteil an Salomon veräußern wollte, nahm das Unheil, wie sich später zeigen sollte, seinen Lauf. Vorläufig aus der Bredouille gerettet wurden Gutfreund und Salomon durch den damals schon legendären Investor Warren Buffett, der an seinem Investment zunächst jedoch nur wenig Freude finden sollte. Zu guter letzt, im Jahr 1991 als gar der Konkurs von Salomon drohte, u.a. wegen Manipulationen auf dem Markt für Staatsanleihen, sah Buffett sich gezwungen, für neun Monate selber das Ruder bei Salomon zu übernehmen und das Haus auf eine solide Basis zu stellen. Jahre später verkaufte Buffett seinen Anteil mit einem satten Gewinn. Buffett bezeichnete seinen Noteinsatz später als weitestgehend frei von Vergnügen, wie die New York Times in Warren Buffett and the Salomon Saga feststellte.

Seine schlechten Erfahrungen hielten Buffett jedoch nicht davon ab, im Jahr 2008 Goldman Sachs, den neuen Star im Himmel des Investmentbanking, finanziell unter die Arme zu greifen.

Gutfreund wurde von einem ehemaligen Salomon-Mitarbeiter, Michael Lewis, in dem Buch Liar’s Poker porträtiert, sehr zum Ärger des Geehrten, der auf Wikipedia mit den Worten zitiert wird:

Your fucking book destroyed my career, and it made yours.

Im Gegensatz zu Gutfreund ist Lewis nach wie vor gut im Geschäft. Für ihn zumindest scheint die Wall Street ein gutes Pflaster zu sein 😉

Weitere Informationen:

Warren Buffett: Securities Trading Investigation – Salomon Brothers Financial Scandal (1991)

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