Apple Pay als Rauschmittel

Von Ralf Keuper
Wer bisher angenommen hat, Apple Pay sei “nur” eine Applikation zur Durchführung mobiler Bezahlvorgänge und ansonsten ohne weitere Konsequenzen für die Gesellschaft, könnte nach der Lektüre des Artikels Apple Pay And How Computers Became The Cocaine Of The 21st Century ins Grübeln kommen.
Schon die Tatsache an sich, bei Forbes einen Beitrag mit kulturpessimistischem Unterton zu lesen, ist bemerkenswert. Der Autor Michael Thomsen fasst seine recht steile These in die Worte:

Digital systems have evolved as disruptive saviors of the social and economic dysfunction that precede them, a theoretical fabric of exchange better than money. Shifting from a medium of industrial exchange overseen by political organizations, digitization promised to return essential power structures to the realm of algorithmic efficiency and objective equality. Like cocaine in the late 19th Century, computers have become the storehouse of generational optimism about our ascent from the swamp of natural history. Computers swept across the end of the 20th century as both the product of epochal corruption and the most plausible solution to the socio-economic barbarism that had made it possible.

Das Argument, der Informationskapitalismus streue den Anwendern Sand in die Augen, indem er vorgibt, ihr Leben zu erleichtern und zu bereichern, in Wahrheit aber ihr Verhalten über Algorithmen manipuliert, haben bereits andere wie Frank Schirrmacher und Shoshana Zubhoff vorgebracht. Auch die These, digitale Systeme, wie Computer, hätten soziale Schieflagen nicht entschärft, sondern noch verstärkt, zumindest aber perpetuiert, behandelt neben dem Informationskapitalismus auch der Postfordismus. Der Vergleich mit Kokain ist, so weit ich weiß, neu. Am ehesten erinnert es an Huxleys Schöne neue Welt. Huxley beschäftigte sich überhaupt intensiv mit der Wirkung von Rauschmitteln, wie in seinem Buch Die Pforten der Wahrnehmung. 
Neu ist auch, dass mit Apple Pay eine Applikation zur Zielscheibe wird. Zum ersten Mal scheint die Vision einer bargeldlosen Gesellschaft in greifbare Nähe zu rücken. Damit bekommt auch das Geld als Austauschmedium eine neue Funktion. Mit Apple Pay betritt nun, so Thomson, ein neues Steuerungsinstrument die Bühne, für welches das Zahlungsmittel Geld lediglich ein Vehikel ist:

… Apple Pay is less of a medium of exchange than an tool for amplifying commands, something that allows a wider variety of people to adopt the role of commander in a wider variety of circumstances–give me this, make me that, take me there. … It may be that in a few decades time, the idea of money (and the absurdity of thinking it existed in a phone and traveled through low frequency radio signals) seems as deluded as shampoos made with cocaine.

Apple Pay quasi ein Macht- und Rauschmittel. 
Nach meinem Eindruck bleibt Thomson mit seiner Kritik weit hinter Marshall McLuhan und seiner Medientheorie zurück. Sicherlich enthält der Beitrag einige interessante Analogien – mehr aber nicht – oder immerhin. Den Vergleich mit Kokain halte ich für überzogen. Auch verwendet der Autor verschiedene Begriffe für ein und denselben Gegenstand, wie z.B. Digital Systems für Computer, Smartphones und Apple Pay. 
Wir haben es hier m.E. mit einem Medienwandel zu tun, der inzwischen auch das Banking erreicht hat. Hier fehlen uns m.E. noch die passenden Begriffe. An Apple Pay wird dieser Wandel derzeit vielleicht besonders sichtbar. Das ist aber erst der Anfang. 
Damit ist nicht gesagt, dass die Gefahren, auf die Thomson aufmerksam macht, aus der Luft gegriffen sind. Eine der entscheidenden Fragen in der nahen Zukunft wird sein, wie die Verwertungsrechte der Daten, die wir in unseren verschiedenen Rollen im Internet hinterlassen, gestaltet werden müssen. Ganz abgesehen von den Daten, die sich jeder Verwertung entziehen sollten. Ebenfalls diskutiert werden muss die Macht der Algorithmen und wie man ihr begegnen kann; nicht nur im Hochfrequenzhandel. 
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