Ant Financials, oder: Der unersättliche Appetit der Ameisen

Von Ralf Keuper

In der Tierwelt gelten die Ameisen als Paradebeispiel dafür, was ein Kollektiv zu leisten imstande ist. Einzeln ist eine Ameise keine Bedrohung für ihre Umwelt, ja sie wäre ihr sogar schutzlos ausgesetzt. Im Verbund mit Millionen anderer Artgenossen kann sie dagegen einen ganzen Ameisenstaat begründen und einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf das sie umgebende Ökosystem ausüben. Nicht wenige Insektenforscher sehen im Ameisenstaat eine Blaupause für die in letzter Zeit viel zitierte Schwarmintelligenz.

Wie dem auch sei. Jedenfalls schickt sich derzeit ein Verbund aus verschiedenen Ameisen an, den Markt für Finanzdienstleistungen und E-Commerce Schritt für Schritt zu erobern. Gemeint ist die Ant (Ant englisch für Ameise) Financial Services Group, die in der vergangenen Woche offiziell an den Start ging. Dahinter verbergen sich sechs Geschäftseinheiten/Unternehmen, von denen die meisten schon seit einiger Zeit erfolgreich auf dem Markt für Finanzdienstleistungen agieren:

  • Alipay (300 Millionen registrierte Nutzer, 80 Millionen Transaktionen täglich)
  • Alipay Wallet (190 Millionen aktive Nutzer pro Jahr)
  • Yu’e Bao (Größter individueller Anlagefonds Chinas mit 125 Millionen Kunden)
  • Zhao Cai Bao (Finanzierungsplattform für kleine und mittelständische Unternehmen)
  • Ant Credit (Anbieter von Microdarlehen für kleine und Kleinstbetriebe)
  • MYbank (Private Bank für Kleine und mittelständische Unternehmen sowie Privatkunden)

TechCrunch gibt in dem Beitrag Ant Financial: The Greatest Victory Is That Which Requires No Battle einen guten Einblick in den Aufbau dieses “Ameisenstaates”. Der Titel enthält eine Anspielung auf die Philosophie bzw. Kriegskunst des chinesischen Generals und Militärstrategen Sunzi. Seine Gedanken fasste Sunzi in dem Klassiker Wahrhaft siegt, wer nicht kämpft zusammen.

Ziel ist es, so stark zu werden, dass man quasi unangreifbar wird. Bis dahin sollte man aber seine Stärke oder seine Absichten nach Möglichkeit nicht offenlegen. Begriffe wie “Ameise”, wie bei Ant Financial, lassen, zumindest nicht auf den ersten Blick, darauf schließen, dass hier ein Unternehmen gezielt und systematisch dabei ist, einen Markt bzw. mehrere Märkte zu erobern.

So neu ist der Ansatz allerdings nicht. In den 1990er Jahren schickten sich die japanischen Keiretsu, vor allem die sog. horizontalen Keiretsu, an, ganze Branchen im Verbund für sich zu erschließen. Der Versuch schlug letztendlich fehl. In Deutschland haben wir im Bankwesen mit dem Sparkassen- und dem Genossenschaftsverbund ebenfalls vergleichbare Modelle.

Verbünde, Netzwerke zu organisieren, ist deutlich schwieriger, als es sich in der Theorie vielleicht anhören mag. Damit ist nicht gesagt, dass es nicht gelingen könnte. Apple verfolgt einen ähnlichen Ansatz – bisher mit großem Erfolg. Ant Financial, d.h. Alibaba/Alipay haben zumindest eine gute Ausgangsposition. Wenn es ihnen gelingt, den “Verbundeffekt” auf die Straße zu bringen, dann stehen, nicht nur den Banken, stürmische Zeiten bevor.

Der Appetit von Ameisen kann unersättlich sein.

Weitere Informationen:

Alibaba, Baidu und Tencent: Ernstzunehmende Herausforderer der Banken aus dem Reich der Mitte

Here’s an analysis of Alipay’s aggressive moves to win foreign markets

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2 Antworten zu Ant Financials, oder: Der unersättliche Appetit der Ameisen

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