Bargeld – eine Fortschrittsbremse?

Von Ralf Keuper

Behindert das Bargeld den gesellschaftlichen und technologischen Fortschritt? Mit Blick auf einige Beiträge, in denen die Autoren das Ende des Bargelds herbei schreiben und ein Zeitalter der Freiheit heraufziehen sehen, drängt sich dieser Eindruck auf. Doch wie sieht es jenseits der PR und der selbstreferentiellen Fintech-Zirkel damit aus?

Selbst in Schweden, dem leuchtenden Vorbild der Bargeld-Gegner, will man an einer Grundversorgung mit Bargeld festhalten. Der Präsident der schwedischen Reichsbank, Stefan Ingves, betonte erst kürzlich die Bedeutung des Bargelds als einzigem risikofreien staatlichen Bezahlungsmittel.

In Japan, einem technologisch ausgesprochen fortschrittlichem Land, hält die Mehrheit der Bevölkerung, womit vor allem die Älteren gemeint sind, am Bargeld fest (Vgl. dazu: Japaner wollen Bargeld nicht loslassen). Ähnlich verhält sich in Deutschland, einem anderen traditionellen Bargeld-Land. Aber auch bei der jüngeren Generation ist das Bargeld noch immer beliebt (Vgl. dazu: Generation Z wünscht sich mehr Auswahl beim Bezahlen & Jugendliche geben Bargeld den Vorzug).

Übrigens: Bereits 1994 trat die deutsche Kreditwirtschaft mit dem Ziel an, das Bargeld zu verdrängen (Vgl. dazu: Zahlungsmittel: Mit einer neuen Generation von Chipkarten will die Kreditwirtschaft das Bargeld zurückdrängen).

Neben Deutschland und Japan, ist die Schweiz ein weiteres Land, in dem der Bargeldumlauf noch relativ hoch ist (Vgl. dazu: Vom Facettenreichtum des Bargelds). In der Eurozone wächst der Bargeldumlauf seit Jahren schneller als die Wirtschaft (Vgl. dazu: Eurozone: Bargeldumlauf wächst schneller als die Wirtschaft). Daneben ist das Bargeld das günstigste und effizienteste Zahlungsmittel (Vgl. dazu: Kosten der Bargeldzahlung im Einzelhandel). Ein Bargeldverbot, das zeigt das u.a. Beispiel Schweden, führt nicht zu einem Rückgang an Verbrechen.

Für Norbert Häring ist die viel beschworene finanzielle Inklusion nur ein Tarnbegriff für die Bargeldabschaffung.

Das Bargeld bleibt auch in Europa bis auf weiteres ein wichtiges Element, um Menschen, die über kein Bankkonto verfügen, die Teilnahme am Wirtschaftskreislauf und gesellschaftlichem Leben zu ermöglichen (Vgl. dazu: The role of cash in tackling financial inclusion). Anders verhält es sich beispielsweise in Afrika, wo erst mit Bezahlverfahren wie M-Pesa ein Großteil der Bevölkerung richtig am wirtschaftlichen Leben teilnehmen konnte.

Daraus ergibt sich ein differenziertes Bild. Das Bargeld behindert demnach nicht den gesellschaftlichen und technologischen Fortschritt. Vielmehr sorgt es – zumindest in den sog. westlichen Ländern – für Vielfalt und freien Zugang zum Wirtschaftsleben. Auch unter Kostenaspekten schneidet das Bargeld nicht schlecht ab. Wer es mit der Konsumenten – und Nutzersouveränität ernst meint, kommt am Bargeld bis auf weiteres nicht vorbei, was nicht bedeutet, dass der Anteil des Bargelds am Wirtschaftskreislauf erhöht werden sollte. Der Bargeldumlauf wird auf lange Sicht mit hoher Wahrscheinlichkeit abnehmen. Eine Grundversorgung mit Bargeld sollte, wie in Schweden, erhalten bleiben.

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