Seit Ende 2023 reißt die Lis­te nicht ab: eine Raiff­ei­sen­bank im Hoch­tau­nus, der die BaFin die Kre­dit­ver­ga­be unter­sagt; eine Volks­bank Köln Bonn mit einem Kre­dit an eine Bor­dell-Immo­bi­lie und Ermitt­lun­gen wegen mög­li­cher per­sön­li­cher Vor­teils­nah­me; eine Volks­bank BRAWO mit einem kaum über­schau­ba­ren Betei­li­gungs­kos­mos aus Immo­bi­li­en, Logis­tik, Fit­ness­stu­di­os und Start-ups, deren Vor­stands­chef ent­las­sen wur­de und deren Jah­res­ab­schluss 2025 auf den Herbst ver­scho­ben ist; eine Volks­bank Düs­sel­dorf Neuss, die nach einer mut­maß­lich betrü­ge­ri­schen 100-Mil­lio­nen-Über­wei­sung unter Druck geriet. Fünf pro­mi­nen­te Pro­blem­fäl­le inner­halb von gut zwei­ein­halb Jah­ren, min­des­tens drei Insti­tu­te allein 2024 unter dem Ret­tungs­schirm der genos­sen­schaft­li­chen Siche­rungs­ein­rich­tung. Die Bun­des­bank sieht in ihrem Sta­bi­li­täts­be­richt aus­ge­rech­net bei den klei­ne­ren Insti­tu­ten die größ­ten Risi­ken, mit bereits auf­ge­brauch­ten Wert­be­rich­ti­gungs­re­ser­ven bei Spar­kas­sen und Volksbanken.

Was die­se Fäl­le ver­bin­det, ist auf­fäl­lig: In kei­nem der bekannt gewor­de­nen Fäl­le war es schlicht “zu viel Kre­dit” oder “zu wenig Rück­stel­lung”, was die Schief­la­ge aus­lös­te. Es war eine Ver­schie­bung des­sen, wofür Kre­dit ver­ge­ben wur­de – weg vom ange­stamm­ten genos­sen­schaft­li­chen Kern­ge­schäft, hin­ein in gewerb­li­che Immo­bi­li­en­pro­jek­te, Betei­li­gun­gen und Gro­ß­en­ga­ge­ments, die mit dem tra­di­tio­nel­len Regio­nal­bank-Modell wenig zu tun haben.

Genau die­ses Mus­ter – Risi­ko­ver­schie­bung über die Port­fo­lio­zu­sam­men­set­zung statt über das Kre­dit­vo­lu­men – ist der zen­tra­le Befund einer aktu­el­len Stu­die im Jour­nal of Ban­king and Finan­ce (Addo, Pathan, Onge­na) zu over­con­fi­den­ten CEOs bei US-Bankholdings.

Es lohnt sich, den Befund im Detail anzu­se­hen, bevor man ihn auf deut­sche Ver­hält­nis­se über­trägt – und eben­so genau hin­zu­se­hen, wo die Über­tra­gung an ihre Gren­zen stößt.


Der Befund: Risi­ko wan­dert durchs Port­fo­lio, nicht durchs Volumen

Die Autoren unter­su­chen US-Bank­hol­dings zwi­schen 2000 und 2021 und fra­gen, ob over­con­fi­den­te CEOs (gemes­sen dar­an, ob sie aus­üb­ba­re Akti­en­op­tio­nen wie­der­holt nicht aus­üben – ein “reve­a­led belief”-Indikator nach Malmendier/​Tate) das Risi­ko ihrer Bank stär­ker auf wirt­schafts­po­li­ti­sche Unsi­cher­heit reagie­ren las­sen als nüch­ter­ne CEOs. Die Ant­wort ist ja: Eine Stan­dard­ab­wei­chung mehr Unsi­cher­heit erhöht das Risi­ko over­con­fi­dent geführ­ter Ban­ken um 8 bis 20 Pro­zent, je nach Risikomaß.

Inter­es­sant wird es beim Mecha­nis­mus. Die nahe­lie­gen­de Ver­mu­tung – over­con­fi­den­te CEOs ver­ge­ben mehr Kre­di­te und bil­den gerin­ge­re Rück­stel­lun­gen – bestä­tigt sich nicht. Kre­dit­vo­lu­men und Reser­ve­bil­dung unter­schei­den sich zwi­schen over­con­fi­den­ten und nüch­ter­nen CEOs unter hoher Unsi­cher­heit sta­tis­tisch nicht. Statt­des­sen fin­det sich eine Ver­schie­bung der Kre­dit­ver­ga­be weg von siche­ren, kol­la­te­ra­li­sier­ten Seg­men­ten (Hypo­the­ken, Kon­sum­kre­di­te) hin zu ris­kan­te­ren, infor­ma­ti­ons­är­me­ren Seg­men­ten (Fir­men­kre­di­te). Die­se Ver­schie­bung erklärt die spä­te­ren höhe­ren Kre­dit­aus­fäl­le und die schwä­che­re Bank­per­for­mance – nicht die Men­ge, son­dern die Mischung.

Der theo­re­ti­sche Kern dahin­ter: Unter wirt­schafts­po­li­ti­scher Unsi­cher­heit wer­den Signa­le rau­schi­ger, Risi­ko­ein­schät­zung schwie­ri­ger. Ratio­na­le Akteu­re soll­ten dar­auf mit vor­sich­ti­ge­rer Erwar­tungs­an­pas­sung reagie­ren. Over­con­fi­den­te Akteu­re tun das nicht – sie über­schät­zen wei­ter­hin die Prä­zi­si­on ihres eige­nen Urteils und unter­schät­zen ent­spre­chend, wie stark sich die Risi­ko­la­ge tat­säch­lich ver­schlech­tert hat.

Gemes­sen wird “wirt­schafts­po­li­ti­sche Unsi­cher­heit” dabei nicht als all­ge­mei­nes Kon­junk­tur­ge­fühl, son­dern über den Eco­no­mic-Poli­cy-Uncer­tain­ty-Index (EPU) von Bak­er, Bloom und Davis: ein Maß aus zei­tungs­ba­sier­ter Bericht­erstat­tung über Wirtschaft/​Politik/​Unsicherheit (50 Pro­zent Gewicht), Unklar­heit über künf­ti­ge Steu­er­po­li­tik (16,7 Pro­zent) und der Streu­ung pro­fes­sio­nel­ler Kon­junk­tur­pro­gno­sen als Indi­ka­tor für Geld- und Fis­kal­po­li­tik-Unsi­cher­heit (33,3 Pro­zent). Die Autoren berei­ni­gen die­sen Index zusätz­lich um sechs makro­öko­no­mi­sche Fun­da­men­tal­da­ten, damit er nicht ein­fach gewöhn­li­che Kon­junk­tur­schwä­che misst, son­dern spe­zi­fisch Unsi­cher­heit über poli­ti­sche Rah­men­be­din­gun­gen – Wah­len, Geset­zes­än­de­run­gen, Zentralbankkurs.

Wo die Über­tra­gung trägt

Die Volks­bank-Fäl­le der letz­ten Jah­re las­sen sich in genau die­sem Voka­bu­lar beschrei­ben. Die Raiff­ei­sen­bank im Hoch­tau­nus ver­ließ bereits vor 2022 das klas­si­sche regio­na­le Retail-Geschäft und expan­dier­te bun­des­weit in die gewerb­li­che Immo­bi­li­en­fi­nan­zie­rung – finan­ziert über eine unge­wöhn­lich aggres­si­ve, über­re­gio­na­le Anwer­bung von Genos­sen­schafts­an­tei­len. Die BaFin rüg­te 2022 orga­ni­sa­to­ri­sche Män­gel nach § 25a KWG, ver­häng­te 2025 schließ­lich ein Neu­kre­dit­ver­bot; die anhal­ten­de Immo­bi­li­en­kri­se zwang das Insti­tut zu hohen Abschrei­bun­gen. Die Volks­bank BRAWO bau­te par­al­lel einen Betei­li­gungs­kos­mos auf, der weit über das übli­che genos­sen­schaft­li­che Pro­fil hin­aus­reich­te. Die Volks­bank Köln Bonn finan­zier­te eine Immo­bi­lie, die mit dem Kern­ge­schäft einer Regio­nal­bank eben­falls kaum in Ver­bin­dung zu brin­gen ist.

Hier ist aller­dings Prä­zi­si­on nötig, denn ein nahe­lie­gen­der Kurz­schluss trägt nicht: Die Stu­die unter­teilt K…