Die Com­merz­bank ist, nüch­tern betrach­tet, als eigen­stän­di­ges Insti­tut kaum noch zu ret­ten. Die Fal­le, in der Orlopp sitzt, wur­de nicht von Andrea Orcel gebaut—sondern von ihren eige­nen Vor­gän­gern, einem kon­zep­ti­ons­lo­sen Teil­ver­kauf des Bun­des­an­teils und einer Auf­sichts­be­hör­de, die als letz­tes Mit­tel untaug­lich ist. Das Mus­ter ist nicht neu: Man­nes­mann hat es vor­ge­führt, Wire­card hat es bestä­tigt. Deutsch­land lernt es nicht.


Es gibt Momen­te, in denen das Ende einer insti­tu­tio­nel­len Eigen­stän­dig­keit nicht durch eine dra­ma­ti­sche Ent­schei­dung her­bei­ge­führt wird, son­dern durch eine Abfol­ge von Unter­las­sun­gen. Die Com­merz­bank befin­det sich in einem sol­chen Moment.

Die Fal­le wur­de nicht in Mai­land kon­stru­iert. Sie wur­de in Frank­furt und Ber­lin vorbereitet—durch Jah­re stra­te­gi­scher Kon­zep­ti­ons­lo­sig­keit im Com­merz­bank-Manage­ment, durch einen Teil­ver­kauf des Bun­des­an­teils im Herbst 2024, des­sen Signal­wir­kung ent­we­der nicht gese­hen oder grob unter­schätzt wur­de. Chris­ti­an Lind­ner, damals noch Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter, hat mit dem Ver­kauf eines Teils der Bun­des­be­tei­li­gung an der Com­merz­bank das Start­si­gnal gegeben—nicht für eine geord­ne­te Pri­va­ti­sie­rung, son­dern für einen Posi­tio­nie­rungs­wett­be­werb, den Unicre­dit sofort und ent­schlos­sen auf­ge­nom­men hat. Andrea Orcel war schnel­ler als die Gegen­sei­te den­ken konnte.

Bet­ti­na Orlopp hat die­se Aus­gangs­la­ge geerbt, nicht geschaf­fen. Ihre Kom­mu­ni­ka­ti­on der ver­gan­ge­nen Wochen ist über­wie­gend defen­siv und reaktiv—der Vor­wurf der Irre­füh­rung, der von Orlopp per­sön­lich vor­an­ge­trie­be­ne Antrag auf Bafin-Unter­su­chung, die War­nung vor dem “leid­vol­len Weg” —, auch wenn sie par­al­lel ver­sucht, die Gegen­stra­te­gie der Bank aktiv zu for­men: Stel­len­ab­bau, KI-Ein­satz, Ren­di­te­zie­le, kla­re Kapi­tal­markt­kom­mu­ni­ka­ti­on sind durch­aus stra­te­gi­sche Ele­men­te. Sie rei­chen jedoch nicht, um die struk­tu­rel­le Fal­le zu öff­nen. Sie beschreibt die Fal­le, aber sie benennt kei­nen Aus­weg. Das ist ver­ständ­lich, denn einen kon­trol­lier­ten Aus­weg gibt es struk­tu­rell nicht mehr.

Orcel sitzt jetzt bei rund 37 bis 40 Pro­zent, fest genug, um jede Struk­tur­maß­nah­me zu blo­ckie­ren, die eine Drei­vier­tel-Mehr­heit erfor­dert. Gleich­zei­tig hält er ein Deri­va­te-Port­fo­lio, das ihm die Fle­xi­bi­li­tät gibt, sei­nen Anteil bei Gele­gen­heit wei­ter aus­zu­bau­en. Er muss nicht eilen. Zeit arbei­tet für ihn: Jede Haupt­ver­samm­lung, jede stra­te­gi­sche Ent­schei­dung der Com­merz­bank, jede Kurs­schwä­che ist eine poten­zi­el­le Verhandlungsmasse.

In die­ser Situa­ti­on wäre ein Ein­schal­ten der Bafin als letz­tes Mit­tel nicht nur wirkungslos—es wäre der letz­te Sarg­na­gel. Die Behör­de hat durch den Fall Wire­card und das dama­li­ge Leer­ver­kaufs­ver­bot inter­na­tio­nal erheb­li­chen Scha­den genom­men. Ihr Ruf als unab­hän­gi­ge, kom­pe­ten­te Auf­sicht ist fra­gil. Ein Ein­grei­fen gegen einen regu­lär agie­ren­den EU-Auf­käu­fer, der nach­weis­lich in kon­ti­nu­ier­li­chem Dia­log mit der Bafin steht und alle for­ma­len Anfor­de­run­gen erfüllt, wür­de inter­na­tio­nal nicht als Regu­lie­rung gelesen—sondern als poli­tisch moti­vier­ter Schutz­re­flex. Der Scha­den für den Finanz­platz Frank­furt wäre grö­ßer als die Über­nah­me selbst.

Hin­zu käme die außen­po­li­ti­sche Dimen­si­on. Deutsch­land und Ita­li­en sind kei­ne Kon­kur­ren­ten, son­dern Part­ner im euro­päi­schen Inte­gra­ti­ons­pro­jekt. Ein regu­la­to­ri­scher Ein­griff gegen eine der größ­ten ita­lie­ni­schen Ban­ken in einem lau­fen­den, for­mal kor­rek­ten Über­nah­me­ver­fah­ren wür­de das bila­te­ra­le Ver­hält­nis nach­hal­tig belasten—zu einem Zeit­punkt, an dem Euro­pa auf Kohä­si­on ange­wie­sen ist.

Wer das Mus­ter kennt, erin­nert sich an Man­nes­mann. Der Über­nah­me­kampf um den Düs­sel­dor­fer Kon­zern im Jahr 2000 war der ers­te feind­li­che Über­nah­me­ver­such in der deut­schen Nach­kriegs­ge­schich­te, der tat­säch­lich durch­ge­foch­ten und gewon­nen wur­de. Voda­fone unter Chris Gent setz­te damals gegen den geschlos­se­nen Wider­stand von Manage­ment, Gewerk­schaf­ten und Poli­tik eine Über­nah­me durch, die als Angriff auf das Modell Deutsch­land wahr­ge­nom­men wur­de. Die Reak­ti­ons­mus­ter waren die­sel­ben wie heu­te: insti­tu­tio­nel­ler Reflex, poli­ti­sche Schutz­su­che, der Ruf nach Behör­den als letz­tem Mit­tel. Es hat nichts genutzt.

Was damals anders war: Voda­fone hat eine voll­stän­di­ge Über­nah­me durchgesetzt—190 Mil­li­ar­den Dol­lar, bis dahin die größ­te Unter­neh­mens­trans­ak­ti­on der Welt. Orcel braucht das nicht. Er braucht nur die Sperr­po­si­ti­on. Das macht sein Vor­ge­hen kapi­tal­ef­fi­zi­en­ter, geduldiger—und für die Gegen­sei­te schwe­rer zu fas­sen, weil der Zeit­druck fehlt.

Man könn­te erwar­ten, dass Deutsch­land aus dem Fall Man­nes­mann gelernt hat: dass aus­län­di­sche Kapi­tal­märk­te und ihre Akteu­re nach ande­ren Regeln spie­len als das kor­po­ra­tis­ti­sche Modell der Deutsch­land AG, dass Schutz­re­fle­xe gegen­über Kapi­tal­markt­lo­gik struk­tu­rell nicht grei­fen, dass das eigent­li­che Pro­blem nicht der Auf­käu­fer ist, son­dern die eige­ne stra­te­gi­sche Unvor­be­rei­tet­heit. Die­se Erwar­tung wäre ent­täuscht wor­den. Und Wire­card hat das Bild noch wei­ter getrübt: Eine Auf­sichts­be­hör­de, die jah­re­lang weg­schau­te, dann mit einem Leer­ver­kaufs­ver­bot gegen die Über­mitt­ler schlech­ter Nach­rich­ten vor­ging und inter­na­tio­nal als Kon­troll­ver­sa­ger dastand, ist als insti­tu­tio­nel­les Schutz­in­stru­ment dau­er­haft beschädigt.

Die Com­merz­bank ist damit in einer Kon­stel­la­ti­on gefan­gen, aus der her­aus eigen­stän­di­ge Hand­lungs­fä­hig­keit kaum mehr her­zu­stel­len ist. Orcel kann nicht durchregieren—für 75 Pro­zent bräuch­te er den Staat und die Groß­in­ves­to­ren, die der­zeit nicht ver­kau­fen wol­len. Aber Orlopp kann die Bank auch nicht befrei­en. Das Ergeb­nis ist eine insti­tu­tio­nel­le Patt­si­tua­ti­on, die sich über Jah­re hin­zie­hen kann.

Die eigent­li­che Fra­ge ist nicht mehr ob, son­dern wer zuerst nach­gibt: der Bun­des­an­teil unter einem neu­en Finanz­mi­nis­ter mit ver­än­der­ter Prio­ri­tä­ten­set­zung, ein Groß­in­ves­tor, der die Läh­mung nicht län­ger akzep­tiert, oder Orlopp selbst unter dem Druck einer Haupt­ver­samm­lung, die Ergeb­nis­se sehen will.

Die Fal­le ist zu. Wer sie öff­net, wird nicht mehr die Com­merz­bank sein.

Ralf Keu­per


Quel­len:

Wer hat der UniCre­dit Com­merz­bank-Akti­en zum Tief­preis ver­kauft? https://www.manager-magazin.de/unternehmen/commerzbank-ruft-bafin-zu-hilfe-wer-hat-unicredit-commerzbank-aktien-verkauft-a-962c8d00-e208-44ec-a354-a87fc991dd9c

Orlopp: Unicre­dits Anti-Com­merz­bank-Wer­bung “ein Unding” https://www.zdfheute.de/wirtschaft/unternehmen/commerzbank-unicredit-uebernahme-ringen-stellenabbau-100.html