Indus­tri­el­le Cluster—regionale Wert­schöp­fungs­netz­wer­ke, in denen Zulie­fe­rer, Abneh­mer, Fach­kräf­te und Insti­tu­tio­nen über Jahr­zehn­te ein kol­lek­ti­ves Erfah­rungs­wis­sen auf­ge­baut haben, das in kei­ner Bilanz steht und durch kein För­der­pro­gramm ersetzt wer­den kann—sind das eigent­li­che Sub­strat der deut­schen Indus­trie­wirt­schaft. Und sie ero­die­ren: flä­chen­de­ckend, kumu­la­tiv selbst­ver­stär­kend, ohne inne­re Stabilisierungstendenz.

Das deut­sche Ban­ken­sys­tem ist insti­tu­tio­nell auf genau die­se Clus­ter­öko­no­mie ausgelegt—Sparkassen kom­mu­nal ver­an­kert, Volks­ban­ken als genos­sen­schaft­li­che Haus­ban­ken des Mit­tel­stands, Lan­des­ban­ken als Stüt­ze der Export­wirt­schaft. Die­se Archi­tek­tur hat in Jahr­zehn­ten indus­tri­el­ler Stär­ke ihre Funk­tio­na­li­tät bewie­sen. Was sie dabei nicht offen­bar­te: ihre struk­tu­rel­le Ver­wund­bar­keit. Wenn die Clus­ter ero­die­ren, kehrt sich der geo­gra­fi­sche Auf­trag zur Klum­pen­ri­si­ko-Fal­le um—im Fir­men­kun­den­ge­schäft durch still degra­die­ren­de Kre­dit­port­fo­li­os, im Pri­vat­kun­den­ge­schäft durch sin­ken­de Immo­bi­li­en­wer­te, schrump­fen­de Kun­den­ba­sis und weg­bre­chen­des Neu­ge­schäft, auf der Sys­tem­ebe­ne durch ein Insti­tuts­si­che­rungs­de­sign, das für idio­syn­kra­ti­sche, nicht für flä­chen­de­ckend kor­re­lier­te Ver­lus­te gebaut wur­de. Das ist die stil­le Über­for­de­rung, über die nicht gespro­chen wird.


Was ein Clus­ter ist—und war­um sein Ver­lust irrever­si­bel ist

Ein indus­tri­el­ler Clus­ter ist ein regio­na­les Wert­schöp­fungs­netz­werk. Die­se Kurz­for­mel trägt mehr ana­ly­ti­sches Gewicht, als sie zunächst ver­mu­ten lässt. Sie benennt drei Dimen­sio­nen zugleich: das Netz­werk als Organisationsprinzip—nicht Ein­zel­un­ter­neh­men, son­dern Bezie­hungs­ge­fü­ge; die Wert­schöp­fung als Funktion—nicht blo­ße Koexis­tenz, son­dern pro­duk­ti­ve Inter­de­pen­denz; und die Regio­na­li­tät als Bindungsprinzip—nicht zufäl­li­ge geo­gra­fi­sche Nähe, son­dern über Jahr­zehn­te gewach­se­ne insti­tu­tio­nel­le Ver­dich­tung. Richard Nel­son und Sid­ney Win­ter haben gezeigt, dass das Wis­sen, das Unter­neh­men pro­duk­tiv macht, in Rou­ti­nen und Netz­wer­ken ver­kör­pert ist—nicht in Hand­bü­chern und nicht in ein­zel­nen Köp­fen. In einem Clus­ter ist die­ses kol­lek­ti­ve Pro­blem­lö­sungs­wis­sen zwi­schen Zulie­fe­rer und Abneh­mer, zwi­schen Maschi­nen­bau­er und Werk­zeug­ma­cher, zwi­schen Kon­struk­ti­ons­bü­ro und Fer­ti­gungs­be­trieb das eigent­li­che Produktivitätskapital—und es exis­tiert nur so lan­ge, wie das Netz­werk existiert.

Ein funk­tio­nie­ren­der Clus­ter hat drei kon­sti­tu­ti­ve Ele­men­te: einen spe­zia­li­sier­ten Arbeits­markt, des­sen Fach­kräf­te nicht nur tech­nisch, son­dern in den impli­zi­ten Stan­dards und Pro­blem­lö­sungs­kon­ven­tio­nen des Clus­ters aus­ge­bil­det sind; ein Zulie­fe­rer-Abneh­mer-Netz­werk mit ko-evo­lu­tio­nä­rem Wis­sens­aus­tausch, in dem Qua­li­täts­pro­ble­me gemein­sam gelöst und Ent­wick­lun­gen gemein­sam vor­an­ge­trie­ben wer­den; und eine insti­tu­tio­nel­le Infra­struk­tur aus spe­zia­li­sier­ten Berufs­schu­len, Bran­chen­ver­bän­den mit tech­ni­scher Kom­pe­tenz und Haus­ban­ken, die die Finan­zie­rungs­lo­gik des Clus­ters ver­ste­hen. Die­se drei Ele­men­te ver­stär­ken sich gegenseitig—in bei­de Richtungen.

Drei deut­sche Bei­spie­le illus­trie­ren die Ver­laufs­di­men­si­on. Tutt­lin­gen ist der welt­weit füh­ren­de Clus­ter für chir­ur­gi­sche Instru­men­te: rund 400 Unter­neh­men auf engs­tem Raum, über 150 Jah­re gewach­sen, mit einer Ver­dich­tung von Prä­zi­si­ons­me­tall­ver­ar­bei­tung, Ober­flä­chen­tech­nik und Zer­ti­fi­zie­rungs­kom­pe­tenz, die welt­weit nicht repli­ziert wur­de. Was Tutt­lin­gen pro­duk­tiv macht, ist nicht die Grö­ße sei­ner Unter­neh­men, son­dern die insti­tu­tio­nel­le Dichte—noch weit­ge­hend intakt, aber nicht selbst­ver­ständ­lich. Die Sau­er­län­der Metall­ver­ar­bei­tung—Iser­lohn, Lüden­scheid, das Mär­ki­sche Sauerland—zeigt den lau­fen­den Ero­si­ons­pro­zess: Gene­ra­tio­nen lang Euro­pas füh­ren­des Zen­trum für Stanz­tei­le, Prä­zi­si­ons­guss und metall­ver­ar­bei­ten­de Zulie­fer­indus­trie, ein­ge­bet­tet in die Wert­schöp­fungs­ket­ten der Auto­mo­bil- und Maschi­nen­bau­in­dus­trie. Das Netz­werk löst sich auf—ohne Schlag­zei­len, aber flä­chen­de­ckend. Jeder Betrieb, der schließt oder ver­la­gert, ver­schlech­tert die Bedin­gun­gen für die Ver­blei­ben­den. Pir­ma­sens schließ­lich steht für den abge­schlos­se­nen Fall: Deutsch­lands füh­ren­des Schuh­pro­duk­ti­ons­zen­trum mit dich­ter Ver­flech­tung von Ger­bern, Leis­ten­her­stel­lern, Soh­len­fa­bri­kan­ten und Schuhmaschinen-Konstrukteuren—heute indus­tri­ell weit­ge­hend ver­schwun­den. Das Erfah­rungs­wis­sen exis­tiert nicht mehr in pro­duk­ti­ver Form. Kein För­der­pro­gramm hat den Pro­zess auf­ge­hal­ten, weil kein För­der­pro­gramm ko-evo­lu­tio­nä­res Netz­werk­wis­sen rekon­stru­ie­ren kann.

Die asym­me­tri­sche Dyna­mik ist der ana­ly­ti­sche Kern: Clus­ter ent­ste­hen lang­sam, über Gene­ra­tio­nen akku­mu­lier­ter Inter­ak­ti­on und insti­tu­tio­nel­ler Ver­dich­tung. Sie ero­die­ren schnel­ler, weil die Selbst­ver­stär­kung in bei­de Rich­tun­gen wirkt. Was dispersiert—das impli­zi­te Wis­sen, die spe­zia­li­sier­ten Arbeits­märk­te, die Netzwerkbeziehungen—ist danach nir­gend­wo mehr vor­han­den. Die­se Irrever­si­bi­li­tät ist der Grund, war­um Clus­ter-Ero­si­on für das Ban­ken­sys­tem eine ande­re Risi­ko­qua­li­tät hat als kon­junk­tu­rel­le Schwäche.

Kre­dit­port­fo­li­os als Lag­ging Indicator

Clus­ter-Ero­si­on ist kein dis­kre­tes Ereig­nis. Sie erscheint nicht als Schock in den Bilan­zen, son­dern als schlei­chen­de Neu­be­wer­tung eines regio­na­len Substrats—als rück­läu­fi­ge Umsät­ze bei Kre­dit­neh­mern, als sin­ken­de Belei­hungs­wer­te gewerb­li­cher Immo­bi­li­en, als Aus­dün­nung der Zulie­fer­netz­wer­ke, auf die Abneh­mer im Kre­dit­port­fo­lio ange­wie­sen sind. NPL-Quo­ten sind struk­tu­rell unge­eig­net, die­sen Pro­zess früh­zei­tig abzu­bil­den, weil sie Kre­dit­aus­fäl­le mes­sen, nicht die Ent­wer­tung des sys­te­mi­schen Milieus, aus dem her­aus Kre­di­te bedient werden.

Die Risi­ko­mo­del­le der Regio­nal­ban­ken basie­ren auf his­to­ri­schen Ausfallwahrscheinlichkeiten—kalibriert an einer Welt, in der die indus­tri­el­len Clus­ter intakt waren. Sie extra­po­lie­ren Ver­gan­gen­heits­da­ten in eine Gegen­wart, deren struk­tu­rel­le Para­me­ter sich fun­da­men­tal ver­än­dert haben. Was als akzep­ta­bles Kre­dit­ri­si­ko gilt, weil es in den letz­ten zwan­zig Jah­ren akzep­ta­bel war, kann in einer ero­die­ren­den Clus­ter­öko­no­mie ein ande­res Risi­ko­pro­fil tragen—ohne dass die Model­le Alarm schla­gen. Der Struk­tur­bruch ist kein Risi­ko­si­gnal, er ist eine Ver­än­de­rung des Rah­mens, inner­halb des­sen Risi­ko­si­gna­le erzeugt werden.

Das Kre­dit­port­fo­lio einer Spar­kas­se oder Volks­bank in einer indus­tri­ell ero­die­ren­den Regi­on degra­diert daher still: nicht durch Kre­dit­aus­fäl­le, die sofort sicht­bar wer­den, son­dern durch die kumu­la­ti­ve Ent­wer­tung des Geschäfts­mo­dells ihrer Kre­dit­neh­mer, die sich in der Bilanz erst mit erheb­li­cher Ver­zö­ge­rung nie­der­schlägt. Der Lag­ging Indi­ca­tor zeigt das Pro­blem an, wenn der Spiel­raum für Kor­rek­tu­ren bereits eng gewor­den ist.

Die Soll­bruch­stel­le des Institutssicherungssystems

Das genos­sen­schaft­li­che Sicherungssystem—die Insti­tuts­si­che­rung des BVR—ist kon­zep­tio­nell auf idio­syn­kra­ti­sche Ver­lus­te aus­ge­legt: auf ein­zel­ne Insti­tu­te, die aus spe­zi­fi­schen Manage­ment­feh­lern oder loka­len Schocks in Schwie­rig­kei­ten gera­ten, wäh­rend das übri­ge Sys­tem sta­bil bleibt. Die gegen­sei­ti­ge Stüt­zungs­lo­gik funk­tio­niert unter die­ser Vor­aus­set­zung: Das Kol­lek­tiv trägt den Einzelnen.

Clus­ter-Ero­si­on erzeugt ein ande­res Scha­dens­mus­ter. Wenn in einer struk­tu­rell schwä­cheln­den Indus­trie­re­gi­on meh­re­re Volks­ban­ken gleich­zei­tig unter Druck geraten—weil die­sel­ben Kre­dit­neh­mer­struk­tu­ren, die­sel­ben Gewer­be­flä­chen, die­sel­ben kom­mu­na­len Haus­halts­pro­ble­me betrof­fen sind —, ver­än­dert sich die Logik des Siche­rungs­sys­tems. Die Kor­re­la­ti­on der Ver­lus­te steigt. Das Kol­lek­tiv, das den Ein­zel­nen tra­gen soll, trägt selbst. Der BVR hat die­se Kon­stel­la­ti­on bis­lang nicht sys­te­ma­tisch als Sze­na­rio kom­mu­ni­ziert. Die öffent­lich geführ­te Dis­kus­si­on über die Wider­stands­fä­hig­keit des genos­sen­schaft­li­chen Ver­bund­sys­tems setzt weit­ge­hend die Sta­bi­li­tät des regio­na­len Sub­strats voraus—genau das, was die Clus­ter-Ero­si­on in Fra­ge stellt.

Ähn­li­ches gilt für den Spar­kas­sen­sek­tor, des­sen dezen­tra­le Eigen­ver­ant­wor­tung im Nor­mal­fall eine Stär­ke ist. In einer sys­te­misch-regio­na­len Kri­se wird aus dezen­tra­ler Eigen­ver­ant­wor­tung dezen­tra­les Allein­bä­ren: Jede Spar­kas­se trägt ihre regio­na­le Expo­si­ti­on selbst, ohne struk­tu­rel­len Aus­gleichs­me­cha­nis­mus jen­seits der DSGV-Ebe­ne, deren Inter­ven­ti­ons­mög­lich­kei­ten begrenzt sind.

Die DZ Bank als Zen­tral­in­sti­tut des genos­sen­schaft­li­chen Ver­bun­des trägt die­se Risi­ken auf einer wei­te­ren Ebe­ne: Sie agg­re­giert, was die Pri­mär­ban­ken akku­mu­lie­ren. Ihr Kre­dit­port­fo­lio gegen­über Mit­tel­stands­un­ter­neh­men und ihre Ein­bin­dung in die Refi­nan­zie­rungs­lo­gik des Ver­bun­des machen sie zur insti­tu­tio­nel­len Ver­dich­tungs­stel­le der regio­na­len Expo­si­ti­on. Wenn die Clus­ter-Ero­si­on flä­chen­de­ckend ver­läuft, ist die DZ Bank nicht Puf­fer, son­dern Resonanzkörper.

Der fis­ka­li­sche Nachlauf

Die kom­mu­na­le Finanz­la­ge ist der fis­ka­li­sche Nach­lauf indus­tri­el­ler Erosion—und Spar­kas­sen sind mit ihr insti­tu­tio­nell ver­wo­ben, nicht nur his­to­risch, son­dern struk­tu­rell. Die Konzernstadt-Logik—Kommunen, deren Gewer­be­steu­er­ein­nah­men an weni­ge Groß­un­ter­neh­men oder an ein dich­tes Mit­tel­stands­clus­ter gekop­pelt sind—hat in guten Jahr­zehn­ten Stand­ort­vor­tei­le pro­du­ziert. Sie pro­du­ziert in schrump­fen­den Clus­tern struk­tu­rel­len Ein­nah­me­ent­zug ohne Erholungspfad.

Der ent­schei­den­de Unter­schied gegen­über kon­junk­tu­rel­ler Haus­halts­schwä­che ist die Rever­si­bi­li­tät. Ein Gewer­be­steu­er­rück­gang im Abschwung kehrt sich im Auf­schwung um. Ein Gewer­be­steu­er­rück­gang, der auf dem Weg­fall von Unter­neh­men basiert, die ihren Stand­ort auf­ge­ge­ben oder ihr Geschäfts­mo­dell ver­lo­ren haben, kehrt sich nicht um—es gibt kei­ne Erho­lungs­dy­na­mik, die den Aus­gangs­zu­stand wie­der­her­stellt. Kom­mu­nen, die auf Kas­sen­kre­di­te zurück­grei­fen müs­sen, weil ihre Ertrags­ba­sis struk­tu­rell schrumpft, ver­schul­den sich auf eine Art, die ihr Haus­halts­pro­blem nicht löst, son­dern verwaltet.

Für Spar­kas­sen bedeu­tet das eine dop­pel­te Expo­si­ti­on: gegen­über dem direk­ten Kre­dit­port­fo­lio-Risi­ko ihrer mit­tel­stän­di­schen Kre­dit­neh­mer und gegen­über dem indi­rek­ten Risi­ko kom­mu­na­ler Haus­halts­not, die ihre insti­tu­tio­nel­le Ein­bet­tung belas­tet. Die­se Kopp­lung ist im Nor­mal­be­trieb unsicht­bar. In einer struk­tu­rel­len Schrump­fungs­pha­se wird sie zum Transmissionskanal.

Das Pri­vat­kun­den­ge­schäft: die eigent­li­che Sprengkraft

Was bis­lang beschrie­ben wur­de, betrifft das Firmenkundengeschäft—Mittelstandskredite, gewerb­li­che Immo­bi­li­en­fi­nan­zie­rung, Betriebs­mit­tel­li­nen. Explo­si­ve Qua­li­tät gewinnt die Clus­ter-Ero­si­on erst, wenn man ihre Wir­kung auf das Pri­vat­kun­den­ge­schäft ein­be­zieht: Bau­fi­nan­zie­run­gen, Kon­to­füh­rung, Kon­su­men­ten­kre­di­te. Die­ser Teil des Port­fo­li­os ist struk­tu­rell illi­qui­de. Hypo­the­ken lau­fen zwan­zig, drei­ßig Jah­re. Im Fir­men­kun­den­ge­schäft gibt es zumin­dest theo­re­tisch Ausstiegsmöglichkeiten—Kreditlinien wer­den nicht ver­län­gert, Enga­ge­ments wer­den zurück­ge­fah­ren. Das Pri­vat­kun­den­ge­schäft kennt die­sen Aus­weg nicht. Die Bank sitzt in der Regi­on, die Sicher­hei­ten sit­zen in der Regi­on, und bei­des ent­wi­ckelt sich mit der Region.

Die eigent­li­che Gefahr liegt in der Kor­re­la­ti­ons­struk­tur. Wenn ein Clus­ter ero­diert, fal­len Immo­bi­li­en­wer­te, schrumpft die Bevöl­ke­rung, sinkt das ver­füg­ba­re Ein­kom­men der Privatkunden—und all das trifft das­sel­be Port­fo­lio, das auf der Fir­men­kun­den-Sei­te bereits unter Druck steht. Es gibt kei­ne natür­li­che Diver­si­fi­ka­ti­on zwi­schen bei­den Büchern, weil bei­de an die­sel­be Regio­nal­wirt­schaft gebun­den sind. Stei­gen­de Aus­fall­wahr­schein­lich­kei­ten im Mit­tel­stand­sport­fo­lio und sin­ken­de Sicher­hei­ten­wer­te im Hypo­the­ken­buch sind kei­ne unab­hän­gi­gen Ereignisse—sie sind zwei Sei­ten des­sel­ben Strukturprozesses.

Hin­zu kommt die demo­gra­phi­sche Ver­stär­kung. Die Fach­kräf­te, die ero­der­ren­de Clus­ter ver­las­sen, sind genau die Kre­dit­neh­mer der nächs­ten Deka­de: die Bau­fi­nan­zie­run­gen, die nicht mehr bean­tragt wer­den, die Kon­ten, die nicht mehr eröff­net wer­den, die Spar­ein­la­gen, die andern­orts auf­ge­baut wer­den. Die Regio­nal­bank ver­liert nicht nur ihren heu­ti­gen Bestand, son­dern ihr künf­ti­ges Neugeschäft—in einem Markt, aus dem sie insti­tu­tio­nell nicht aus­stei­gen kann. Der geo­gra­fi­sche Auf­trag, der in guten Jahr­zehn­ten Kun­den­bin­dung sicher­te, wird in der Schrump­fungs­pha­se zur Aus­tritts­bar­rie­re ohne Gegenwert.

Die PR-Sche­re

Das deut­sche Ban­ken­sys­tem kom­mu­ni­ziert Sta­bi­li­tät und Resi­li­enz. Kapi­tal­quo­ten wer­den als kom­for­ta­bel aus­ge­wie­sen. Stress­tests wer­den bestan­den. Die Insti­tuts­si­che­rungs­sys­te­me wer­den als bewährt beschrie­ben. Was in die­ser Kom­mu­ni­ka­ti­on fehlt, ist die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem, was die Risi­ko­mo­del­le nicht mes­sen: die struk­tu­rel­le Degra­die­rung des regio­na­len Sub­strats, in das die Kre­dit­port­fo­li­os ein­ge­bet­tet sind.

Die PR-Schere—die wach­sen­de Dis­kre­panz zwi­schen kom­mu­ni­ka­ti­ver Sta­bi­li­täts­dar­stel­lung und der ope­ra­ti­ven Rea­li­tät einer schlei­chend ent­wer­te­ten Kreditbasis—ist im Ban­ken­sek­tor beson­ders aus­ge­prägt, weil die Zeit­ver­zö­ge­rung zwi­schen struk­tu­rel­lem Pro­blem und bilan­zi­el­ler Sicht­bar­keit beson­ders lang ist. Wer heu­te die Kre­dit­port­fo­li­os einer typi­schen Volks­bank oder Spar­kas­se in einer schrump­fen­den Indus­trie­re­gi­on bewer­tet, fin­det regu­la­to­risch unauf­fäl­li­ge Zahlen—und eine struk­tu­rel­le Expo­si­ti­on, die in die­sen Zah­len nicht ent­hal­ten ist.

Die­se Lücke ist kein Ver­sa­gen der Ban­ken im enge­ren Sin­ne. Sie ist das Ergeb­nis einer Risi­ko­ar­chi­tek­tur, die für eine ande­re Welt gebaut wurde—und die noch nicht refor­mu­liert wor­den ist.

Beson­ders expo­niert ist die Com­merz­bank, die sich über Jah­re expli­zit als Mit­tel­stands­bank posi­tio­niert hat und deren Kern­fran­chise in der Unter­neh­mens­fi­nan­zie­rung indus­tri­ell gepräg­ter Kre­dit­neh­mer liegt. Wenn das Mit­tel­stands­seg­ment nicht kon­junk­tu­rell schwä­chelt, son­dern struk­tu­rell schrumpft, steht nicht nur das Kre­dit­port­fo­lio unter Druck—es steht das Geschäfts­mo­dell selbst in Fra­ge. Die lau­fen­de Debat­te über die Zukunft der Com­merz­bank, zuletzt ver­schärft durch das UniCre­dit-Enga­ge­ment, wird in die­sem Licht zu einer ande­ren Dis­kus­si­on: nicht über Eigen­tü­mer­struk­tu­ren, son­dern über die stra­te­gi­sche Trag­fä­hig­keit eines Geschäfts­mo­dells, des­sen Sub­strat erodiert.

Was folgt

Die insti­tu­tio­nel­le Kon­se­quenz ist unbe­quem, aber ana­ly­tisch unver­meid­lich: Das deut­sche Regio­nal­bank­sys­tem trägt eine struk­tu­rel­le Expo­si­ti­on gegen­über der Clus­ter-Ero­si­on, die in sei­nen Risi­ko­mo­del­len, sei­nen Siche­rungs­sys­te­men und sei­ner öffent­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on nicht ange­mes­sen abge­bil­det ist. Die­se Expo­si­ti­on wird nicht durch Kapi­tal­quo­ten-Opti­mie­rung adres­siert, weil sie kein Kapi­ta­l­ad­äquanz-Pro­blem ist. Sie ist ein Pro­blem der struk­tu­rel­len Kopp­lung an ein sich ver­än­dern­des wirt­schaft­li­ches Substrat.

Was ein rea­lis­ti­sches Sze­na­rio für 2030 bedeutet—nicht Sta­gna­ti­on, son­dern deut­li­che Schrump­fung in zen­tra­len Indus­trie­clus­tern —, lässt sich für das Ban­ken­sys­tem in einer Fra­ge zusam­men­fas­sen: Wel­che Regio­nal­ban­ken sind in der Lage, ihre Geschäfts­mo­del­le von der Finan­zie­rung einer indus­tri­el­len Clus­ter­öko­no­mie auf die Finan­zie­rung einer struk­tu­rell ver­än­der­ten Regio­nal­wirt­schaft umzustellen—und wel­che sind zu tief in die alte Kopp­lung ein­ge­baut, um die­sen Über­gang zu gestalten?

Die­se Fra­ge wird in der deut­schen Ban­ken­land­schaft noch nicht sys­te­ma­tisch gestellt. Sie wird es werden—wahrscheinlich dann, wenn die Spiel­räu­me für eine geord­ne­te Ant­wort bereits enger gewor­den sind. Erschwe­rend kommt hin­zu, dass die Trans­for­ma­ti­on, die die Clus­ter-Ero­si­on struk­tu­rell adres­sie­ren könn­te, einen Finan­zie­rungs­be­darf von über einer Bil­li­on Euro aufweist—ein Volu­men, das die insti­tu­tio­nel­len Kapa­zi­tä­ten des bestehen­den Ban­ken­sys­tems bei wei­tem über­steigt. Das Ban­ken­sys­tem soll tra­gen, was es nicht diver­si­fi­zie­ren kann, und gleich­zei­tig finan­zie­ren, was sei­ne Kapa­zi­tä­ten über­for­dert. Die­se dop­pel­te Über­for­de­rung ist der eigent­li­che Befund.

Ralf Keu­per