Wer wis­sen will, wie ein Staat sich bei Pri­va­ten ver­schul­det und was pas­siert, wenn er nicht mehr zah­len kann, fin­det in Hoc­quets Buch „Wei­ßes Gold” über das Salz einen unge­wöhn­li­chen Fall. Im Zen­trum steht die Salz­steu­er, die gabel­le. Der fran­zö­si­sche König zog sie nicht selbst ein, son­dern ver­pach­te­te das Recht dazu an Finan­ziers, die soge­nann­ten Gene­ral­päch­ter. Sie zahl­ten dem König eine fes­te Sum­me im Vor­aus und behiel­ten, was sie dar­über hin­aus ein­nah­men. Zugleich waren sie Kre­dit­ge­ber der Kro­ne. Genau die­se Dop­pel­rol­le macht den Fall für eine Ban­ken­sei­te interessant.


Ein Berufs­stand zwi­schen Bür­ger­tum und Adel

Die Gene­ral­päch­ter gal­ten als die ver­ru­fens­te Gesell­schafts­grup­pe des Anci­en Régime. Hoc­quet stützt sich auf die Unter­su­chung von Y. Durand, der die Her­kunft der Väter von 134 Gene­ral­päch­tern aus­ge­wer­tet hat. Danach stamm­te nur eine klei­ne Min­der­heit aus dem Geburts­adel. Die Hälf­te stand schon vor dem Amts­an­tritt als Finan­zier in engen Geschäfts­be­zie­hun­gen zur Kro­ne. Vie­le kamen aus Päch­ter­fa­mi­li­en, aus dem Kreis der Ärz­te, Advo­ka­ten und Nota­re. Rund 44 Pro­zent gehör­ten bei Amts­an­tritt zum Voll­a­del, wei­te­re Päch­ter hat­ten sich den Adels­ti­tel über ein gekauf­tes Amt ver­schafft. Zwi­schen 1726 und 1791 ent­stamm­ten weni­ger als 11 Pro­zent dem rei­nen Bürgerstand.

Adels­ti­tel und Ämter dien­ten dabei, so Hoc­quet, zur Mas­kie­rung der eigent­li­chen Tätig­keit. Man konn­te Adli­ger, Beam­ter und Finan­zier zugleich sein. Durch Hei­rat ent­stan­den Ver­wandt­schafts­net­ze, die sich über meh­re­re Fami­li­en erstreckten.

Wie das Ver­mö­gen entstand

Durand hat für 30 bis 35 sol­cher Finan­ziers das Ver­mö­gen beim Ein­tritt in die Pacht mit dem bei ihrem Tod ver­gli­chen. Im Schnitt wuchs es bin­nen 16 Jah­ren von etwa 378 000 auf rund 3,3 Mil­lio­nen Liv­res. Hoc­quet rela­ti­viert das Bild sofort: Davon gehen rund 600 000 Liv­res Schul­den ab. Ent­schei­dend ist die Quel­le des Kapi­tals. Es stamm­te aus Steu­er­erträ­gen, die nicht an den König abge­führt wur­den. Die Päch­ter schos­sen dem König sein eige­nes Geld vor und leb­ten von des­sen Ertrag. Die eigent­li­chen Gewin­ne lagen offen­bar nicht in den dekla­rier­ten, mit dem König geteil­ten Erträ­gen, son­dern in Pro­fi­ten, die in den Rechen­schafts­be­rich­ten ver­schwie­gen wurden.

Auf­fäl­lig ist, was mit dem Ver­mö­gen nicht geschah. Es ist frag­lich, ob die Päch­ter es in Han­del und Gewer­be inves­tier­ten. Sie brauch­ten ihre Gewin­ne nicht ein­mal in die Pacht zu reinves­tie­ren, denn zur Gewinn­stei­ge­rung genüg­te eine Steu­er­erhö­hung. Das Kapi­tal war also ein Pro­dukt der Steu­er­ein­nah­me und brach zusam­men, als die­se Quel­le versiegte.

Die Gläu­bi­ger hin­ter den Gläubigern

Wer finan­zier­te die Finan­ziers? Hoc­quet ver­weist auf die For­schung zu den Geld­ge­bern der Päch­ter. Die Gene­ral­päch­ter hin­ter­lie­ßen Ver­mö­gen in der Grö­ßen­ord­nung von 5,5 Mil­lio­nen Liv­res, die hin­ter ihnen ste­hen­den Gro­ßen dage­gen 20 bis 30 Mil­lio­nen. Zu ihnen zähl­ten Kar­di­nal Maza­rin, der Kanz­ler Ségu­ier, Ange­hö­ri­ge der Hoch­aris­to­kra­tie und Prä­si­den­ten der obers­ten Gerichts­hö­fe. Sie leg­ten Kapi­tal in die Pacht ein, lie­ßen sich Antei­le ver­brie­fen und erhiel­ten ihre Zin­sen, ohne selbst in Erschei­nung zu treten.

Hoc­quet fasst das in einem Gedan­ken zusam­men, den er auf die Arbei­ten von D. Des­sert stützt: Die Aris­to­kra­ten über­lie­ßen die Geld­ge­schäf­te, von denen sie leb­ten, Stroh­män­nern, auf die sich im Not­fall der Volks­zorn len­ken ließ. Wer dem Päch­ter Geld lieh, hat­te nach außen sau­be­re Hän­de und mied die per­sön­li­che Ver­fol­gung, wenn etwas schief­ging. Der Tausch lief in bei­de Rich­tun­gen: Die Päch­ter beka­men Kapi­tal und Rück­halt bei Hof, die Gro­ßen beka­men eine Ren­di­te, die über die Steu­er­pacht aus den Las­ten der nicht­pri­vi­le­gier­ten Schich­ten gezahlt wurde.

Der Staats­bank­rott im Gewand des Strafverfahrens

Der zwei­te Teil der Geschich­te betrifft das Ende sol­cher Kon­struk­tio­nen. Seit 1635 befand sich Frank­reich in einem Krieg, der die öffent­li­chen Ein­nah­men ver­schlang. Der König borg­te, und je län­ger der Krieg dau­er­te, des­to höher stieg der Zins, nach Hoc­quets Dar­stel­lung bis zu 30 Pro­zent. Wur­de die Ver­schul­dung untrag­bar, griff die Mon­ar­chie zu einem Mit­tel, das als Jus­tiz auf­trat: den cham­bres arden­tes, Son­der­ge­rich­ten, die im 16. und 17. Jahr­hun­dert fast alle zehn Jah­re über Finanz­be­am­te zu Gericht saßen.

Das Ver­fah­ren von 1661 ist das bekann­tes­te. Es rich­te­te sich gegen den Ober­in­ten­dan­ten Fou­quet und griff auf alle über, die mit ihm Geschäf­te gemacht hat­ten. In einem acht­jäh­ri­gen Pro­zess wur­den 259 Finanz­päch­ter zu Geld­stra­fen von 100 000 Liv­res und mehr ver­ur­teilt, im Durch­schnitt zu 656 000 Liv­res. Hoc­quet beschreibt, wie die Stra­fen spä­ter in Steu­er­for­de­run­gen umge­wan­delt wur­den, die die Päch­ter durch Abtre­tung von Staats­schuld­ver­schrei­bun­gen, Pacht­vor­schüs­sen und For­de­run­gen für abge­schaff­te Ämter begli­chen. Die For­de­run­gen der Finan­ziers gegen den Staat wur­den damit ver­rech­net. Der Zweck liegt für Hoc­quet auf der Hand: die Annul­lie­rung der Staats­ver­schul­dung unter dem Deck­man­tel der Bestra­fung, ein her­bei­ge­führ­ter Staatsbankrott.

Die Ver­lus­te ver­teil­ten sich ungleich. Die For­de­run­gen der Finanz­päch­ter wur­den gestri­chen, die der Gro­ßen blie­ben unan­ge­tas­tet. Die Haupt­ver­mö­gen der Päch­ter, also Grund­herr­schaf­ten, Immo­bi­li­en, Bar­geld und Schmuck, hat­ten sie zum Teil recht­zei­tig bei Ver­wand­ten und Freun­den in Sicher­heit gebracht. Die Ver­fah­ren wur­den meist nie zu Ende geführt, weil die Ermitt­lun­gen ein Netz von Ver­wandt­schaf­ten berühr­ten, das bis in die Beam­ten­schaft reich­te. Hoc­quet zitiert das Bon­mot, bestraft wür­den stets nur die klei­nen Die­be für die großen.

Was sich dar­aus für das Ver­hält­nis von Staat und Finanz­in­ter­me­diä­ren ler­nen lässt

Man soll­te den Fall nicht vor­schnell auf die Gegen­wart über­tra­gen. Die Steu­er­pacht ist kein Bank­ge­schäft im heu­ti­gen Sinn, und die Ver­hält­nis­se des 17. Jahr­hun­derts sind kei­ne Blau­pau­se. Drei Beob­ach­tun­gen aus Hoc­quets Mate­ri­al las­sen sich aber als Fra­gen an das Ver­hält­nis von Staat und Finanz­in­ter­me­diä­ren stel­len, und sie sind vor­läu­fig als Hypo­the­sen zu lesen:

  1. Inter­me­diä­re als Puf­fer. Der sicht­ba­re Finan­zier trägt das poli­ti­sche und recht­li­che Risi­ko, die dahin­ter­ste­hen­den Kapi­tal­ge­ber blei­ben geschützt. Wer die Last trägt, wenn ein Staat nicht mehr zah­len kann, hängt davon ab, wer in der Ket­te zuerst greif­bar ist.
  2. Unglei­che Behand­lung der For­de­run­gen. Der Staats­bank­rott traf die For­de­run­gen der Päch­ter, nicht die der Gro­ßen. Die Rang­ord­nung der Gläu­bi­ger ent­schied sich poli­tisch, nicht nach dem Vertrag.
  3. Das Geschäfts­mo­dell als Abhän­gig­keit. Das Kapi­tal der Päch­ter ent­stand aus der Nähe zur Steu­er­ein­nah­me und ver­schwand mit ihr. Ein Geschäft, des­sen Ertrag auf einem staat­li­chen Pri­vi­leg ruht, ist nur so sta­bil wie die Gunst des Privilegiengebers.

Offen bleibt, wie weit sich die­se Mus­ter über den fran­zö­si­schen Fall hin­aus tra­gen. Hoc­quets Mate­ri­al stammt aus einer Epo­che, in der Staat, Hof und Finanz kaum zu tren­nen waren. Gera­de des­halb lohnt der Blick auf die Fra­ge, wo die Gren­ze zwi­schen Dienst­leis­ter und Mit­ver­wal­ter staat­li­cher Ein­nah­men verläuft.

Ralf Keu­per