Im Kas­ti­li­en des 16. Jahr­hun­derts war die ertrag­reichs­te Sali­ne des König­reichs um mehr als die Hälf­te über ihren Ertrag hin­aus ver­pfän­det. Vene­dig hat­te das glei­che Instru­ment schon Jahr­hun­der­te zuvor anders orga­ni­siert, näm­lich mit einer zen­tra­len Stel­le, die Ein­nah­men und Gläu­bi­ger zusam­men­führ­te. Der Ver­gleich zeigt, dass Staats­fi­nan­zen weni­ger an der Höhe ihrer Schul­den schei­tern als an der feh­len­den Ord­nung der Ansprüche.


Der fran­zö­si­sche His­to­ri­ker Jean-Clau­de Hoc­quet hat sich über Jahr­zehn­te mit dem Salz­han­del und vor allem mit Vene­dig beschäf­tigt. In sei­nem Buch Wei­ßes Gold. Das Salz und die Macht in Euro­pa von 800 bis 1800 wid­met er ein Kapi­tel der Ent­wick­lung der Steu­er­pach­ten. Auf den ers­ten Blick ist das ein The­ma der Fis­kal­ge­schich­te. Bei genaue­rem Lesen han­delt das Kapi­tel jedoch von Bank­ge­schäf­ten: von Vor­fi­nan­zie­rung, Besi­che­rung, Rang­fol­ge und schließ­lich von der Umschuldung.

Die Pacht als ver­deck­ter Kredit

Bei einer Steu­er­pacht trat ein Lan­des­herr das Recht, eine bestimm­te Steu­er ein­zu­zie­hen, gegen Zah­lung an einen Pri­vat­mann ab. Hoc­quet betont, dass die­ser Päch­ter zuerst ein­mal ein Gläu­bi­ger war. Er schoss dem Sou­ve­rän eine Sum­me vor und hol­te sie samt Zin­sen über die gepach­te­te Steu­er wie­der her­ein. Für Fürs­ten ohne eige­ne Finanz­ver­wal­tung war das bequem, denn sie muss­ten kei­ne Steu­er­be­hör­de auf­bau­en und erhiel­ten das Geld sofort.

Aus die­ser ein­fa­chen Kon­struk­ti­on wur­de bald ein Ver­stei­ge­rungs­ver­fah­ren. Der Meist­bie­ten­de erhielt die Pacht, hin­ter­leg­te eine Kau­ti­on, leis­te­te eine Anfangs­zah­lung, die fak­tisch ein Kre­dit war, und zahl­te danach zu fes­ten Ter­mi­nen den Pacht­zins. Dane­ben gab es die Anwei­sung: Ein Gläu­bi­ger erhielt einen Anspruch auf eine bestimm­te Ein­nah­me­quel­le zuge­wie­sen, aus der er bedient wer­den soll­te. Pacht und Anwei­sung gehör­ten nach Hoc­quet in der feu­da­len Finanz­ord­nung zusam­men. Erst die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on trenn­te bei­des. Der Staat zog sei­ne Ein­nah­men nun selbst ein und zahl­te sei­ne Gläu­bi­ger über ein zen­tra­les Staats­schuld­buch, das Grand Liv­re de la Det­te publi­que, direkt aus.

In moder­ner Spra­che han­del­te es sich um zweck­ge­bun­de­ne Besi­che­rung. Jede For­de­rung hing an einer bestimm­ten Ein­nah­me und nicht an der Zah­lungs­fä­hig­keit des Schuld­ners ins­ge­samt. Das funk­tio­niert, solan­ge jemand den Über­blick behält, wel­che Ein­nah­me bereits wem ver­spro­chen ist.

Vene­dig: die zen­tra­le Stelle

Das frü­he Bei­spiel, das Hoc­quet anführt, stammt aus Vene­dig. Im Jahr 1187 brauch­te Doge Orio Mastro­pie­ro Geld, um die Stadt Zara (das heu­ti­ge Zadar) vom König von Ungarn zurück­zu­er­obern. Er nahm eine Anlei­he auf und wies den Zeich­nern zur Rück­zah­lung die gesam­ten Salz­ein­nah­men der Kom­mu­ne zu. Vene­dig ver­pach­te­te die Steu­er jedoch nicht. Eige­ne Käm­me­rer zogen sie ein und ver­teil­ten sie im Vier­mo­nats­rhyth­mus an die Dar­le­hens­ge­ber. Die Stadt hielt also die Ein­zie­hung in eige­ner Hand und bedien­te die Gläu­bi­ger aus einer Kasse.

Um 1300, nach den Krie­gen mit Genua, ging Vene­dig einen Schritt wei­ter. Die fäl­li­gen Abrech­nun­gen wur­den einer Kom­mis­si­on über­tra­gen, deren Beam­te, die prov­ve­di­to­ri di comun, fort­an die gesam­te Staats­schuld ver­wal­te­ten. Damit gab es eine Instanz, die alle Ein­nah­men und alle Gläu­bi­ger in einem Regis­ter zusam­men­führ­te. Hoc­quet spricht von moder­nen Finanz­struk­tu­ren: direk­te Ver­wal­tung der Ein­nah­men durch höhe­re Beam­te und eine zen­tra­li­sier­te Staatsschuld.

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