Im April 2017 stellte die Bundesbank in ihrem Monatsbericht fest, dass eine Bank bei der Kreditvergabe nicht bloß Spareinlagen weiterreicht, sondern zusätzliches Buchgeld schafft. Die Fähigkeit zur Kreditvergabe hänge nicht davon ab, ob die Bank bereits über Einlagen oder freie Zentralbankguthaben verfüge. Für manchen Leser klang das wie eine Entdeckung. Tatsächlich hatte ein Frankfurter Bankier denselben Gedanken fast hundert Jahre zuvor in ein Buch geschrieben, das in Fachkreisen für Aufregung sorgte. Sein Name: Ludwig Albert Hahn, geboren am 12. Oktober 1889, gestorben am 4. Oktober 1968 in Zürich.
Aus der Bankiersfamilie in den Vorstand
Hahn stammte aus einer alteingesessenen Frankfurter Bankiersfamilie. Das Vorgängerinstitut der Deutschen Effecten- und Wechsel-Bank hatte 1821 sein Urgroßvater gegründet. Er studierte Rechtswissenschaft und Volkswirtschaft, wurde 1912 zum Dr. jur. promoviert und ergänzte 1919 in Marburg einen Dr. phil. Ende 1919 trat er in den Vorstand der Familienbank ein. Die Bank überstand unter seiner Führung die Inflation ohne wesentliche Verluste. Auch 1931 kam sie ohne Stützungshilfe der Reichsregierung durch die Bankenkrise und behielt dadurch ihre Unabhängigkeit.
Parallel baute er eine akademische Laufbahn auf. 1926 gründete er mit der Stadt, der Universität und der Industrie- und Handelskammer in Frankfurt eine Gesellschaft zur Konjunkturforschung, 1928 wurde er Honorarprofessor für Geld- und Währungstheorie an der Frankfurter Universität.
Das Buch von 1920
Sein Hauptwerk erschien 1920: die Volkswirtschaftliche Theorie des Bankkredits. Hahn wandte sich darin gegen die damals vorherrschende Auffassung, eine Bank könne nur verleihen, was Kunden zuvor eingezahlt haben. Banken, so seine Gegenthese, erzeugen Kredit selbst, und dieser sei nicht durch die Höhe der Ersparnisse begrenzt. Kapital erschien ihm eher als Ergebnis der Kreditschöpfung denn des Sparens. Der Wiener Ökonom Harald Hagemann, der Hahns Werk eingehend untersucht hat, rechnet das Buch zu den einflussreichsten und zugleich umstrittensten geldtheoretischen Veröffentlichungen im deutschen Sprachraum der 1920er Jahre. Er vergleicht Hahns Kreditlehre mit der des Österreichers Joseph Schumpeter, für den Bankkredit der Treibstoff wirtschaftlicher Entwicklung war.
Die erste Auflage ging noch weiter. Wenn Banken ihre Kreditvergabe ausweiten, so ließ sich Hahns Gedanke lesen, wachse die Geldmenge und mit ihr die Wirtschaft, bis hin zur Vorstellung eines dauerhaften Booms. Das klang nach John Maynard Keynes, dem britischen Ökonomen, der 1936 mit seiner Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes der kreditfinanzierten Nachfragepolitik ihr theoretisches Fundament gab. Hahn war fünfzehn Jahre früher dran, und er hat später keine Gelegenheit ausgelassen, darauf hinzuweisen.
Die Revision
Der Hahn der dreißiger Jahre war ein anderer. In der dritten Auflage von 1930, radikal überarbeitet, sah er die Aufgabe der Zentralbankpolitik darin, Schwankungen zu glätten, nicht darin, einen Dauerboom zu erzeugen. Rückblickend nannte er sein Erstlingswerk in The Economics of Illusion (1949) ein inflationäres Buch in inflationärer Zeit, verständlich als Reaktion auf eine Lehre, die die Wirkung von Geld und Kredit auf die Wirtschaft schlicht ausblendete. Nach 1936 wurde er zum entschiedenen Kritiker von Keynes, dessen Fehler und Übertreibungen er, so sein Anspruch, schon früher und klarer benannt habe. Staatliche Konjunkturpolitik sollte nach seiner späteren Auffassung vor allem die Krise verhüten, nicht den Aufschwung herbeikaufen. Ob sein Prioritätsanspruch gegenüber Keynes trägt, ist in der Forschung eine eigene Frage; Hagemann prüft ihn ausdrücklich.
Vertreibung und Rückkehr
1933 verlor Hahn als Jude die Lehrbefugnis und die Zulassung als Rechtsanwalt, er schied aus dem Vorstand aus und wechselte in den Aufsichtsrat. 1936 verkaufte die Familie unter Druck die Bank und emigrierte über die Schweiz in die USA. In New York schrieb und lehrte Hahn und legte nebenbei erfolgreich an: Gegen die keynesianische Erwartung eines Nachfragemangels in der amerikanischen Nachkriegswirtschaft kaufte er Aktien. Als er Ende der vierziger Jahre erstmals Ludwig Erhard hörte, setzte er auch auf deutsche Standardwerte. 1954 erwarb er wieder einen wesentlichen Anteil am elterlichen Bankhaus und wurde dessen Berater und später Aufsichtsratsmitglied. Wohnsitz blieb Paris. Er starb 1968 und liegt auf dem Frankfurter Hauptfriedhof.
Von aufwendiger mathematischer Prognostik hielt Hahn wenig. Wichtiger war ihm ein Gefühl für die wirtschaftliche Großwetterlage, eine Haltung, die in Zeiten von Modellen und Szenarien durchaus Widerspruch verdient, aber zu einem Bankier passt, der drei Krisen unbeschadet überstand.
Was bleibt
Die Bundesbank betont 2017 zugleich, dass die Geldschöpfungsmöglichkeiten der Banken nicht unbegrenzt sind. Genau darin steckt Hahns Lebensweg im Kleinen: Die Einsicht, dass Kredit Geld und Einlagen schafft, trägt sowohl die Expansionsbotschaft der ersten Auflage als auch die Warnung der späteren Schriften. Als Arbeitshypothese lässt sich daraus ableiten, dass jede Theorie der Kreditschöpfung eine Theorie ihrer Grenzen mitliefern muss, weil sonst, wie bei Hahn 1920, aus der Beschreibung ein Versprechen wird. Gesichert ist das nicht, es wäre an der Geschichte der Bankenkrisen seit 1931 zu prüfen.
Hahns Werk ist heute vor allem Wirtschaftshistorikern und Geldtheoretikern bekannt. Für die Bankpraxis bleibt eine Figur, die beides verband: den Blick des Praktikers, der eine Bank durch Inflation und Krise führte, und den des Theoretikers, der seine eigene Frühform öffentlich revidierte.
Ralf Keuper
Quellen
- L. Albert Hahn – Wikipedia
- Hahn, Albert L. – Deutsche Biographie
- Harald Hagemann: L. Albert Hahn’s Economic Theory of Bank Credit, WU Wien Working Paper 134 (2010)
- L. Albert Hahn: The Economics of Illusion (1949), Mises Institute
- Economic Theory of Bank Credit (englische Ausgabe), Verlagsbeschreibung
- Deutsche Bundesbank: Häufig gestellte Fragen zum Thema Geldschöpfung
- Deutsche Bundesbank: Monatsbericht April 2017
- Wirtschaftsdienst: Die aktuelle Kritik an der makroökonomischen Geldtheorie (2017)
- Michael Hauck: Albert Hahn. Ein verstoßener Sohn Frankfurts, Bankier und Wissenschaftler. Societäts-Verlag, Frankfurt am Main 2009
